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Hat der Volkswagen-Konzern eine tragfähige Zukunftsstrategie?

Automobile Zukunft

Läuft nicht bei VW

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Der Konzern sucht noch immer nach einer Strategie, mit der das Unternehmen künftige Aufgaben wie E-Mobilität bewältigen kann. Der Leitartikel.

Was ist bloß in Wolfsburg los? Am Dienstagnachmittag hat Volkswagen kurz vor 14 Uhr eine kryptische Ad-hoc-Mitteilung für alle Börsianer verschickt, des Inhalts, dass über eine Personalrochade fürs Topmanagement nachgedacht werde. Auch Vorstandschef Matthias Müller stehe zur Disposition. Es sei aber noch offen, zu welchem Ergebnis die „Erwägungen und Gespräche“ führten.

Hoch bezahlte Anwälte haben da mitformuliert, um den Konzern vor weiteren finanziellen Schäden durch Aktionärsklagen zu bewahren. Schließlich sind im Zuge des Abgasskandals wegen verspäteter Ad-hoc-Mitteilungen weltweit schon mehrere Hundert Verfahren auf den Weg gebracht worden, die Volkswagen einige Milliarden Euro kosten können. Und immerhin wird gegen mehrere Manager ermittelt. Pikanterweise auch gegen Herbert Diess, der Nachfolger von Müller werden soll.

So weit ist es gekommen. Anwälte geben vor, was und wie kommuniziert wird. Nun schießen Spekulationen und Mutmaßungen ins Kraut: Hat sich Müller mit dem Familienclan Porsche-Piëch überworfen, der bei Volkswagen das Sagen hat? Gibt es neue überraschende Entwicklungen im Abgasskandal, die einen Umbau es Vorstandes notwendig machen?

Gewaltige Aufbauleistung von Ferdinand Piëch 

Die Ursachen der Misere liegen tiefer. Volkswagen hat sich in den vergangenen gut drei Jahren als tapsiger Gigant präsentiert, der nach seinem Selbstverständnis sucht. Im Frühjahr 2015 wurde der damalige Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch nach einem heftigen Machtkampf aus dem Konzern gedrängt. Dabei ist er der Architekt des Konzerns, so wie wir ihn heute kennen.

Er übernahm 1993 den Vorstandsvorsitz. Sein Lebensziel war, das Werk eines Großvaters Ferdinand Porsche zu vollenden. Der hat nicht nur die gleichnamige Sportwagenmarke gegründet, sondern auch auf Geheiß von Adolf Hitler den „Kraft durch Freude“-Wagen konzipiert und im niedersächsischen Niemandsland eine Fabrik für dieses Fahrzeug gebaut. Um nach dem Krieg in Wolfsburg die Fertigung des VW Käfer aufzuziehen, war massive Aufbauarbeit in enger Kooperation mit Gewerkschaftern nötig.

Piech hat in den Jahren 1993 und folgende einen Expansionskurs durchgezogen, der in der Geschichte des Automobils einmalig ist. Ein Konzern mit mehr als 600.000 Beschäftigten, einem komplexen Verbund aus Werken, die auch einen Großteil der Komponenten selbst herstellen, und mit zwölf Marken kam dabei heraus. Alles, außer Fahrrädern, was auf den Straßen unterwegs ist, wird gefertigt. Volkswagen ist ein Abbild der Automobilität des 20. Jahrhunderts. Und genau dort ist das Unternehmen stecken geblieben. 

Abgasskandal war der Wendepunkt  

Nichts macht dies so deutlich wie der Abgasskandal. Volkswagen hat Dieselmotoren für Pkw immer weiter entwickelt, aber letztlich diese Technologie überdehnt. Die Ingenieure waren mit modernen Abgasnormen so überfordert, dass sie zu illegalen Tricksereien bei der Motorsteuerung griffen, um den Stickoxidausstoß bei Prüfstandtests nach unten zu manipulieren.

Die Folgen dieses Irrwegs sind bekannt. Sie haben auch dazu geführt, dass Müller an der Spitze des Konzerns landete. Er wollte Volkswagen ins 21. Jahrhundert führen. Dass er dabei zunehmend genervt und frustriert wirkte, ist nicht verwunderlich. Volkswagen gilt wegen seiner schieren Größe, wegen des starken Einflusses der Politik und der Gewerkschaften als zumindest schwer regierbar.

Außerdem hatte Müller es mit dem eigensinnigen Porsche-Piëch-Clan zu tun, der sich angeblich unter anderem gegen seinen Plan gesträubt hat, die Lkw-Sparte zwecks Komplexitätsreduktion abzuspalten. Zudem nervten die Gespenster der Abgasskandals, die ihn immer wieder einholten – zuletzt als bekannt wurde, dass Volkswagen Abgasexperimente mit Affen veranlasst hat.

Zukunft nur mit Elektromobilität 

Müller hat indes erkannt, dass es eine Zukunft nur mit Elektromobilität, vernetzten und autonomen Fahrzeugen gibt. Doch es wird nicht damit getan sein, E-Motoren und Batterien dort herzustellen, wo heute Getriebe und Dieselaggregate zusammengeschraubt werden.

Die automobile Zukunft wird eine erheblich größere Vielfalt bringen – mit Fahrzeugen, die eine Nachfrage bedienen müssen, die sich schneller als bislang verändern wird; elektrische Antriebe machen’s möglich, da sie einfacher als die Verbrennertechnologie sind. Deshalb muss der neue Volkswagen-Chef zuallererst die Kernfrage stellen: Kann ein Autobauer von dieser Größe und Komplexität so agil sein, wie es im 21. Jahrhundert notwendig ist?

Internet- und Computerkonzerne werden zum Vorbild. Apple macht einen ähnlich hohen Umsatz wie Volkswagen, aber nur mit rund 120.000 Beschäftigten. Die Arbeitsplatzfrage wird die entscheidende. Arbeitnehmervertreter haben mit der Politik zwar dafür gesorgt, dass seit 1993 hierzulande Tausende von Jobs entstanden sind. Betriebsräte und IG Metaller müssen aber nun eine Antwort darauf geben, ob sich die Strategien der Vergangenheit auf die Welt der neuen Automobilität übertragen lassen.

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