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Sommerhitze ist für die Natur der reine Stress. 

Hitzesommer

Trockenstress für die Wälder

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Wieder steht ein heißer Sommer bevor. Die Natur geht in den Trockenstress. Doch alles, was da tierisch nervt, sollte gelassen bewertet werden. Die Kolumne.

Manchmal macht ein einziger Buchstabe den Unterschied. Denn wenn jemand Autorennen liebt, ist das eine Sache. Die sind laut und nicht gerade umweltfreundlich. Doch das Korrekturprogramm kann einem ein Schnippchen schlagen, indem es ein e durch ein i ersetzt. Schon liebt der Fan röhrender Spritfresser plötzlich Autorinnen.

Damit mutiert der Motorsportler zum Schöngeist oder wird gar von übelmeinenden Menschen in die Nähe von Lüstlingen gerückt. Letztere wiederum lassen sich durch Austausch nur eines Umlautes in Lästlinge verwandeln. Und von denen ist aktuell häufiger die Rede, weil Menschen dank Aufenthalt in Natur und Garten jetzt wieder vermehrt mit ihnen in Kontakt kommen.

Lästlinge richten keinen wirklichen Schaden an, sie fallen uns einfach lästig, nur weil sie da sind. Feuerwanzen, was machen die an der Mauer, wo kommen die her? Winzig kleine Obstfliegen nerven, wenn sie aus der Obstschale aufgescheucht werden. Ihr Schaden ist gleich null. Der Siebenschläfer ist auf Fotos niedlich, aber wenn er im Gebälk der Gartenhütte rumort, stört er so manchen.

Insekten sind die Hauptopfer

Kellerasseln sind im Garten nützlich, weil sie organische Materie zersetzen. Treten sie hingegen im Keller auf, überschreiten sie schnell die Schwelle zum Schädling und tun es damit den Tierchen mit dem romantischen Namen Silberfischchen gleich.

Was soll man davon halten, dass Kopfläuse eigentlich nur Lästlinge sind, weil sie ja keinen gesundheitlichen Schaden anrichten? Sogar die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bezeichnet sie als zwar lästig, allerdings ungefährlich. Verpönt sind sie dennoch, denn dass die eigenen reinlichen Kinder sich bei den anderen im Kindergarten angesteckt haben, ist schlicht unappetitlich.

Kopfläuse werden mit gutem Grund bekämpft, doch bleibt viel Spielraum für Überlegungen, ob nicht manchmal ein bisschen mehr Gelassenheit wohltäte, wenn uns ein Tier stört. Insekten sind die Hauptopfer unserer Abneigung gegenüber Lästlingen. Wespen können einem mit ihrer hektischen Gaukelei gewaltig auf die Nerven gehen. Aber man muss doch zugeben, dass der Schaden, den sie durch das Herumknabbern an Grillfleisch und Pflaumenkuchen anrichten, wirtschaftlich eher nicht ins Gewicht fällt. Dafür helfen sie beim Bestäuben von Nutzpflanzen und vernichten manches Insekt, das der nutzorientierte Mensch als Schädling klassifizieren würde.

Borkenkäfer, die Gesundhalter des Waldes

Nützling, Schädling, Lästling – es kommt oft auf die Sichtweise an, welches Tier welchen Beinamen bekommt. Borkenkäfer sind der Alptraum eines jeden, der den Wald als Produktionsfläche für das Wirtschaftsgut Holz ansieht. Borkenkäfer haben bei gesunden Bäumen kaum eine Chance.

Wo sie einen kranken Baum befallen, entsteht Platz für einen anderen, der an den Standort besser angepasst ist. Waldwanderer sollten sich eigentlich freuen, wenn sie sehen, dass Borkenkäfer ihre ökologisch so wichtige Rolle als Gesunderhalter des Waldes wahrnehmen. Wer allerdings mit Holz Geld verdienen will, muss das anders sehen. 

Schon sagen die Meteorologen einen heißen Sommer voraus. Der bringt unnatürlich großen Trockenstress für die Wälder mit sich und begünstigt damit das Nahrungsangebot für die Borkenkäfer. Sie nutzen eine Chance, die wir ihnen mit dem Klimawandel geschaffen haben. Autorennen tragen zwangsläufig dazu bei, während Autorinnen hoffentlich dagegen anschreiben.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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