Lärm verdrängt Ruhe

Die Allgegenwärtigkeit des Gedudels

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Musik ist allgegenwärtig. In Supermärkten, Taxen oder Arztpraxen. Erträgt niemand mehr die Stille? Die Kolumne.

Eigentlich, so könnte man meinen, sind die Deutschen recht ruhebedürftig. So wäre es doch vorstellbar, dass – ähnlich wie „Waldsterben“, „Gemütlichkeit“ oder „Blitzkrieg“ – der Begriff „German Ruhestörung“ Einzug hält in den nationenübergreifenden World Wide Wortschatz.

So müssen doch sogar während der heiligen „Mittagsruhe“ selbst des Spießbürgers kleine Selbstverwirklicher wie Rasenmäher oder Heckenscheren schweigen. Bei Verstößen gegen die unheimliche Heimeligkeit seiner selbst auferlegten Zwangsstille ist der Deutsche dann schnell mit einer Beschwerde bei der Hand. Da wird zuerst lautstark gegen den Lärm gewettert und dann die Polizei gerufen.

Bemerkenswert ist, dass viele den Geräuschquellen hinterherfolgen, die sie am widerwärtigsten finden. Städter ziehen aufs Dorf und fühlen sich von krähenden Hähnen und schlagenden Turmuhren behelligt, Ländler bevölkern die Metropolen und stoßen auf Martinshörner, Straßenfeste und Biergärten voller Geselliger.

Man könnte also meinen, in diesem unserem Lande lebten hauptsächlich In-sich-Gekehrte, die unaufhörlich dichten und denken und dort, wo sie gerade sind, nicht in ihrer Besinnlichkeit gestört werden wollen. Deswegen gilt ja auch Ruhe als erste Bürgerpflicht. Doch, oh Wunder, das Bild ist nicht rund.

Wir wollen nun gar nicht erst an die Deutschen im Ausland denken, wo plötzlich alle gleich sind. Entweder sie liegen grölend am Strand, oder sie sitzen bei Vino und Pasta auf einer verkehrsumtosten Piazza und bewundern die Lebensfreude „des Italieners“, der ja doch ganz anders sei als „der Deutsche“. Ja, ja, „das ist Dolce Vita, Gertrud. So was fehlt uns Deutschen halt.“

Das Bild des besinnlichen Germanen bröckelt viel mehr an anderer Stelle, nämlich in der ganz normalen Alltäglichkeit. Wirkliche Ruhe nämlich scheint niemand mehr auszuhalten. In Supermärkten, Taxen, Büros und Arztpraxen dudeln aus Radios „Unterhaltungsprogramme“, die fast ausschließlich aus nervenden Jingles bestehen, und in Zügen sind wir auch in der Ruhezone umgeben von Dauertelefonierern.

Schweigen die mal für eine Sekunde, plärrt man uns aus dem Lautsprecher an, es gebe im Bordrestaurant Rindsgulasch von Johann Lafer, beim nächsten Halt hätten wir Anschluss an den Nahverkehrszug nach Pumpelquarz-Pfrümelsdorf, oder aber – hurra – soeben habe der Brezelmann den Zug betreten.

Die Morgenmagazine sogar von ARD und ZDF belästigen uns schon nach dem Aufstehen mit gekünsteltem Gelächter, bei teuren „Dinnerevents“ lassen wir uns von Kunstfurzern beim entspannten Essen stören, und selbst im Urlaub müssen wir von Animateuren und Obstschnitzern davon abgehalten werden, beim Blick auf die Weite des Meeres zur Ruhe zu finden.

Doch der Verlust des Seins mit sich selbst scheint kein deutsches Phänomen zu sein. In Neuseeland etwa hat eine Supermarktkette eine „ruhige Einkaufsstunde für Autisten und besonders sensible Kunden“ eingeführt. Da wird dann die Musik leiser gestellt (warum nicht ganz aus?), Durchsagen erfolgen nur in Notfällen, und Scannerkassen piepsen leiser. Das alles sei besonders vorteilhaft für Menschen mit einer „gestörten Sinnesverarbeitung“, heißt es. Die Frage stellt sich hingegen anders herum: Wer sind denn die wirklich Gestörten?

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