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Donald Trump hat nun seine Finger am roten Knopf.

Kolumne

Lacht da jemand?

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Auch wenn wir vielleicht in einem postsatirischen Zeitalter leben: Witze sind kein Allheilmittel - vor allem nicht gegen Totalitarismus, Höcke und Trump. Die Kolumne.

Väterlicherseits ist meine Familie im späten 19. und im früher 20. Jahrhundert in die USA gegangen, via Bremerhaven; allesamt Wirtschaftsflüchtlinge, die mehr vom Leben verlangten als die kümmerlichen Kartoffeln, die sie den Feldern der niedersächsischen Tiefebene entreißen konnten. Zum Präsidenten hat es keiner von ihnen gebracht, nur zu ein paar Delikatessengeschäften in Brooklyn. Sie haben deutsche Wurst, deutsches Bier und deutsches Brot verkauften an die andere Einwanderer, die mit ihnen oder nach ihnen gekommen waren: Grüße aus der Heimat, Parallelgesellschaft in den USA. Obwohl ich von diesen Geschichten weit entfernt geboren bin, nur einmal im Leben in New York war, nur den Erzählungen meines Großvaters gelauscht habe, fühle ich doch ein Stechen in der Brust, wenn ich Trump sehe, weil ich ihn für einen der unseren halte, Kind oder Kindeskind von Einwanderern – und nehme es persönlich.

Kinder von deutschen Flüchtlingen: Erika Steinbach gehört dazu. Björn Höcke auch. Aus dem tiefen Osten Europas in den Westen. Mit Eltern, denen mit Sicherheit nachgerufen wurde, sie seien Pollacken. Von Außenseitern zu Superdeutschen in einer Generation. Ein langer Weg, der in Sätzen endet, die Höcke sofort wieder dementiert. Er habe nicht gesagt, das Denkmal für die ermordeten Juden Europas sei eine Schande und die Entnazifzierung dem Plan gefolgt, die Deutschen von ihren Wurzeln abzuschneiden, sagt er, auch wenn er es gesagt hat. Sollte er jemals einen Menschen erwürgen, wird er uns später mit der Behauptung überraschen, der Hals habe seine Handgriffe missverstanden und das Opfer sei nur gestorben, um ihn verfolgen und anklagen zu können.

Witze helfen nicht. Karl Kraus begann sein Buch über die dritte Walpurgisnacht 1933 mit dem Satz: Mir fällt zu Hitler nichts ein, um auf über 200 Seiten zu begründen, warum es so ist. Trump ist nicht Hitler und auch Höcke nur ein Goebbels auf Butterfahrt. Sollte der Totalitarismus uns noch einmal entgegentreten, wird er keine braunen Hemden tragen, keine Knobelbecher über die Füße ziehen und uns auch nicht mit dem Reichsparteitag in Nürnberg überraschen. Wir halten uns nur gerne an die Vergangenheit, um die Zukunft zu interpretieren. Was aber bleibt, sind rhetorische Figuren. Die beliebteste Figur bei den neuen Rechten wurde von Karl Kraus „die verfolgende Unschuld“ genannt, ein Typ Mensch, bei dem, so Kraus, die Tat zum Alibi wird und der Zeuge wegen Propaganda angeklagt. Davor versagt jeder Witz. Es heißt, wir würden in einem postfaktischen Zeitalter leben und Björn Höcke und Donald Trump, Typ verfolgende Unschuld der eine wir der andere, seien die Symptome dieses Zeitalters. Aber ich bin mir nicht mehr so sicher.

Wahrscheinlich leben wir eher in einem postsatirischen Zeitalter. In einer Phase der Geschichte, in der Politik vielleicht nicht mehr auf der Basis von Fakten gemacht wird, dafür aber Fakten geschaffen werden, egal ob sie eine Basis haben oder nicht. Niemand sollte vergessen, dass Trump seine Popularität ursprünglich einer Reality-Show zu verdanken hat. In „The Apprentice“ hat er gescheiterte Kandidaten mit den Worten „you are fired“ abserviert. Ein Satz, der jetzt, wo er seine Finger am roten Knopf der Atomraketen hat, einen ganz neuen Sinn bekommt. Lacht da jemand?

Volker Heise ist Filmemacher.

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