Kolumne

Kunterbunter Aktionismus

Mit den Kontrollen vieler Staaten gegen das Coronavirus ist es wie mit demMundschutz: Sie helfen immerhin gegen die Angst. Die Kolumne.

Zugegeben, dieser Text erscheint erst nach 14 Tagen Quarantäne im Computer. Locker auch mal die Widersprüche und Kuriositäten der Coronavorsorge in Asien zu beschreiben, ohne selbst ganz sicher noch gesund zu sein, wäre denn doch etwas anmaßend gewesen. Gerade jetzt, da auch in Europa das Irrlichtern beginnt zwischen realer Bedrohung, wichtigtuenden Experten, Symbolpolitik und persönlicher Ratlosigkeit, wie man sich denn nun am besten verhalten sollte.

Wer in solchen Zeiten durch südostasiatische Länder in der Nähe Chinas reist, erkennt die Alarmstimmung schon am allgegenwärtigen Mundschutz. In den Städten ist sie weit verbreiteter als auf dem Land, schon der Flughäfen und der Touristen wegen. Und es gibt da stets besondere Stilblüten – wie jene durchgestylte Frau, Typ neureich, eher chinaabgewandt unterwegs, aber entweder hochverängstigt oder schlicht menschenscheu. Sie hat sich das Gesicht zusätzlich zum Mundschutz mit einer Sichtblende aus Plexiglas verdeckt und die mitgeführte Tochter in eine Art Ganzkörperplastiksack gesteckt.

Die Regierungen sind nervös, die Kritik an mangelnder Effektivität nimmt zu. Offizielle Repräsentanten im Publikumsverkehr, von Grenzern bis zu Busfahrern und Bankangestellten, haben meist eine Art Mundschutzanweisung. Das an den Ohren aufgehängte Ding wird aber doch gerne runtergenommen, sobald mal kein Publikum in der Nähe ist. Im Hotel bittet die mundgeschützte Rezeption höflich, wenigstens im Frühstücksraum das Utensil zu benutzen – ohne freilich zu erklären, wie man mit Mundschutz frühstücken kann. Was fern der Rezeption auch niemand ernsthaft versucht.

An den Grenzen herrscht kunterbunter Aktionismus. Manchmal stehen nur ein paar Mitarbeiter mit Fiebermessstab in der Ecke und schauen sich die Reisenden gelangweilt an. Anderswo werden die Ankommenden im Pulk an einer Wärmekamera vorbeigeschleust. Und es gibt einen Flughafen, an dem man einzeln vor so eine Kamera treten und reinschauen muss, die meisten versuchen es mit ausgesucht freundlichem Gesicht. Schließlich trägt der Mann, der die Prozedur regelt, ein T-Shirt mit der Aufschrift „Quarantäne“.

Da ist aber auch ein Grenzübergang, an dem alle von einer Dame mit riesiger Schwesternhaube empfangen und gebeten werden, ein langes Formular auszufüllen, das mehr Aufwand macht als die Grenzkontrolle zuvor. Husten gehabt oder Atemnot? Wo gewesen und wohin genau reisend? Aber keine Angst: Die Formulare werden nur in einen Pappkarton geworfen. Hauptsache, es gibt sie.

Wer die Prozedur ohne zu husten übersteht, bekommt einen kleinen gelben Zettel in die Hand: „Gesundheitsratschläge für Reisende“. Kernpunkt: Wer aus China oder sonst wie coronabetroffenen Ländern kommt und in den nachfolgenden 14 Tagen Fieber/Husten/Atemnot bei sich feststellt, soll sich bitte „zur eigenen Sicherheit“ bei einer Hotline melden. Es ist, als würden die Leute nach der Lektüre den Schritt beschleunigen.

Schwer zu sagen, was von alledem bei der Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf als besonders vorbildlich und was als rein symbolisch betrachtet würde. Jedenfalls wollen die Regierungen zeigen, dass sie etwas tun. Und natürlich nach Genf melden, dass sie gerüstet sind – wie man das in Europa gerade so gerne nennt.

Wobei: Bevor von der WHO konkrete Rügen verteilt werden oder noch mehr Placebo verordnet wird, ist es vielleicht besser, die Namen der Orte nicht zu nennen, an denen man solche Beobachtungen macht. Es ist mit all den Schleppnetzmaßnahmen ja doch meist wie mit dem Mundschutz: Wenns hilft, dann eher gegen die Angst als gegen den Virus.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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