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Auch in Theater- und Opernhäusern herrschen asymmetrische Machtverhältnisse. 

Amtsmissbrauch

Kultur und Macht

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Es tauchen immer wieder Vorwürfe auf Amtsmissbrauch auf - auch an Opern und Theatern. Sie müssen geprüft werden. Der Leitartikel. 

Im Film mögen wir sie, die Mächtigen. Ohne Macht kein Subjekt, keine Handlung, keine Entwicklung, keine Spannung, keine Unterhaltung, keine Erkenntnis. Ob sie nun ihrem Anwalt etwas zugrummelnd Strippen ziehen wie Christian Bale als Dick Cheney in „Vice“ oder ob sie scheinbar anlasslos herumkreischen wie Olivia Colman als gichtgeplagte Queen Anne in „The Favourite“. Beide waren für den Oscar nominiert, Letztere hat ihn gewonnen.

Herrlich, wie sie einen Türwächter erst anbrüllt, dass dieser sie in ihrer hinfälligen und schlecht überschminkten Hässlichkeit ansehe und dann für diesen Blick zur Sau macht – es könnte ja der Blick des Kindes aus „Des Kaisers neue Kleider“ sein.

Im Leben ist der Umgang mit den Mächtigen weniger ersprießlich. Das müssen nicht gleich Vizepräsidenten oder Monarchinnen sein, auch eine Sachbearbeiterin in einer Wohnungsverwaltung kann die kalte Würde der Macht ausstrahlen, die dem Bittsteller jede Selbstachtung nimmt.

Das Machtverhältnis zwischen einem Pauker und einem Generalmusikdirektor scheint nicht weniger asymmetrisch zu sein. Und doch wankt nun der GMD der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Hier soll es aber nicht um den konkreten Fall Daniel Barenboim gehen und um die Vorwürfe gegen ihn, er habe Beschäftigte völlig unangemessen behandelt. Dieser Fall wird nun hoffentlich in Ruhe moderiert.

Es soll vielmehr genereller um die ins Wackeln gekommene Konstruktion von Macht im institutionalisierten Kulturbereich gehen. Und um die Frage, ob diese Machtkonstruktion zu erhalten oder durch eine transparentere und partizipativere zu ersetzen ist. Das beginnt natürlich schon bei der Ermächtigung des Direktors durch die Politik.

Wie sieht diese Konstruktion aus? Die Politik setzt Intendanten ein, die ihre Beschäftigten führen, um Kunst zu produzieren. Die Öffentlichkeit kommt an beiden Enden dieser Kette zum Einsatz. Vorn als Wahlvolk und hinten als Publikum. Sie begrenzt Machtgeber und Machtinhaber.

Gut an der Demokratie ist, dass man hingucken darf, ohne angeschrien zu werden wie der eingangs erwähnte Türwächter. Und beim Hinschauen soll es nicht bleiben. Es folgt die Beurteilung und der Drang zur Mitbestimmung. So schwillt die Öffentlichkeit immer mehr zum Machtfaktor in diesem Gefüge an. Und sie wird immer weniger kanalisiert durch professionelle Medien, sondern findet ihre eigenen Wege durch Internet und sogenannte soziale Medien. Wenn das so weitergeht, gestaltet sich die Hierarchie nicht mehr als Pyramide mit einem Bestimmer an der Spitze, sondern diese verschwindet in einem mehr oder weniger gut informierten, auf jeden Fall aber meinungsfreudigen Schwarm.

Man feiert da schon mal die demokratische Helligkeit, lässt sich von ihr blenden. Licht und Luft kommen an die Vergabeverfahren, und auch das betriebsinterne Verhältnis zwischen Intendanz, Ensemble und Belegschaft wird beleuchtet und gelüftet.

An vielen Häusern kommen offene Briefe in Mode oder es wenden sich unterdrückte Beschäftigte in ihrer Not an die Presse wie im jüngsten Fall. Beides können letzte Mittel sein, aber auch gezielte Hebelsetzungen im Machtgefüge. Kampagnen, persönliche Beweggründe und Denunziationen sind nicht auszuschließen, und durch Institutionen nicht mehr einzufangen.

Die Gefahr besteht, dass der Machtapparat durch die Öffentlichkeit derart hysterisiert und angreifbar wird, dass er ständig damit beschäftigt ist, sich zu legitimieren, darzustellen und Missverständnisse auszuräumen. Darüber kommt er gar nicht mehr zum Handeln oder auch nur zum Nachdenken.

Sogar Großraumbürodesigner, die von den demokratischen Segnungen ihrer egalitären und kommunikativen Arbeitsräume überzeugt sind, haben verstanden, dass man mal eine Tür zumachen muss – und Fokusboxen installiert, also schalldichte, aber verglaste Zellen für Telefonate und Gespräche. Man muss diese Boxen nicht mögen, aber sie taugen als Metapher: Ohne Diskretion (Schalldichte) geht es nicht, aber auch nicht ohne Kontrolle (Glas). Es gibt Interna, die als Munition im Meinungskampf nichts zu suchen haben. Und es gibt immer welche, die unzufrieden sind und leiden. Aber wer es allen recht machen will, ist auch im mächtigsten Amt ohnmächtig.

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