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Kultur als Inspiration für Europa

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Von: Giorgios Katrougalos, Michael Roth

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Kultur verbindet.
Kultur verbindet. © Angelos Tzortzinis (dpa)

Ein Wagnis mit Perspektive: Was wir von der documenta 14 in Athen und Kassel lernen können. Der Gastbeitrag.

Diese documenta wird anders, diese Ausstellung geht ein kulturelles Wagnis ein: Zwei Städte, die unterschiedlicher kaum sein könnten, zwei Länder, die die gemeinsamen Werte Europas teilen.

Die moderne Metropole Athen ist nicht nur die Hauptstadt Griechenlands, sondern auch die Wiege unserer europäischen Demokratie. Seit Gründung der documenta im Jahr 1955 ist das nordhessische Kassel mit seinen 200 000 Einwohnern eine der einflussreichsten Metropolen moderner Kunst geworden – zumindest alle fünf Jahre. Athen und Kassel – was für ein aufregendes Paar!

Wir haben die Idee einer gemeinsamen Organisation der documenta 14 von Beginn an unterstützt – ideell und finanziell: ein Projekt, dessen Einfluss nationale Grenzen überschreitet und nicht nur europäisch, sondern international angelegt ist.

Der Titel „Lernen von Athen“ lädt zum Nachdenken ein. Unter den derzeitigen sozio-ökonomischen Bedingungen wird die griechische Hauptstadt zum topos , das Stereotype infrage stellt. An dem Ort, an dem notwendige Reformen mit harten Einschnitten für die Bevölkerung einhergehen, nehmen innovative und kreative Ideen in der kulturellen Landschaft ihren freien Lauf. Wirtschaftliche und soziale Krisen setzen auch die Kunst unter Druck. Der Raum für Kreativität und Kultur ist enger geworden.

Vor diesem Hintergrund ist die documenta 14 eine wunderbare Gelegenheit, Künstlerinnen und Künstler und die Öffentlichkeit in einen gemeinsamen Austausch zu bringen. Nicht nur deutsche und griechische Bürgerinnen und Bürger kommen sich näher. Von der documenta geht für ganz Europa ein Signal der Einheit und der Solidarität aus. Die documenta wird dazu beitragen, unseren Blick wieder zu weiten, Brücken zu schlagen und die Perspektive zu wechseln.

Kunst und Kultur helfen uns, unter die Oberfläche zu blicken. Sie zwingen uns, uns mit den Widersprüchen des gesellschaftlichen und politischen Lebens auseinanderzusetzen. Wenn wir nicht in der Lage sind, die Welt auch mit den Augen der anderen zu sehen, sind wir nicht zu Empathie fähig.

Und wir brauchen diese Empathie. Wir sprechen nie nur über Zahlen, sondern über Menschen. Auf der politischen Ebene ist ein Perspektivwechsel stets auch auf Zusammenarbeit und Partnerschaft angewiesen.

Die Welt verändert sich rapide. Wir haben es mit zahlreichen internationalen Krisen zu tun, Populismus und Nationalismus greifen weltweit um sich. Freiheit, die unsere Grundrechte schützen soll, wird an zu vielen Orten eingeschränkt. In diesen Tagen, in denen wir unser Verständnis für die Welt weiten müssten, werden wieder Zäune und Mauern hochgezogen. Grenzen und Abschottung drohen zum politischen Mainstream zu werden. Unsere bunten, liberalen und wertebasierten Gesellschaften sind unter Druck geraten.

Als Europäer waren wir in den zurückliegenden Jahren zuweilen viel zu schweigsam, wenn unsere Werte innerhalb der EU in Frage gestellt wurden. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Toleranz, der Schutz von Minderheiten, Presse- und Meinungsfreiheit sind Grundpfeiler Europas; sie sind unser Markenkern. Deshalb stehen wir gemeinsam in der Verantwortung, glaubhaft und entschieden für diese Werte einzustehen. Ansonsten riskieren wir, unsere Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Für viele außerhalb unseres Kontinents ist Europa die Verkörperung von Kultur in ihrer ganzen kreativen Kraft und Vielfalt. Aber Europa ist zu sehr eine Angelegenheit von Politik und Ökonomie geworden. Wir brauchen wieder mehr Leidenschaft für die europäische Solidarität, für unsere europäische Demokratie und für unser Gesellschaftsmodell. Kultur bietet hierfür eine nie versiegende Quelle der Inspiration und Ermutigung.

Kunst soll eben nicht nur schmückend und unterhaltsam sein. Kunst muss sich einmischen und einen Resonanzboden für Reflexion über die großen Fragen unserer Zeit schaffen. Als Politiker erwarten wir keinerlei Gefälligkeiten von Künstlerinnen und Künstlern. Im Gegenteil. Wir ermuntern sie vielmehr, sich mit Mut und Kreativität in unsere Debatten einzumischen, kritische Fragen zu stellen und selbstbewusst Erwartungen zu formulieren.

Althergebrachte Meinungen hinterfragen, innehalten und für einen Moment nachdenken, neue Einblicke gewinnen und neugierig bleiben: Die documenta ist eine großartige Gelegenheit, genau dies zu tun! Sie zeigt uns: Der Rückzug in nationale Schneckenhäuser ist keine Option. Es wäre ein fataler Anachronismus, uns vom Rest der Welt abzuschotten.

Europa ist in Vielfalt geeint. Dafür steht die Ausstellung selbst. Dafür stehen Kassel und Athen.

Michael Roth ist Staatsminister für Europa im deutschen Außenministerium. Giorgios Katrougalos ist stellvertretender griechischer Außenminister.

Am Samstag haben die beiden Europapolitiker gemeinsam an der Eröffnung der documenta 14 in Athen teilgenommen.

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