Gastbeitrag

Kürzer, lässiger, unsicher

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Die deutsche Sprache wandelt sich. Doch die Bildungssprache bleibt elementar. Die Schule alleine wird sie nicht vermitteln können.

Mark Twain hat einmal gesagt, das Leben sei zu kurz, um Deutsch zu lernen. In der Tat ist die Sprachbeherrschung hierzulande in einem beunruhigenden Zustand. Deutschland leistet sich eine hohe Quote von Analphabeten. Die Rechtschreibfertigkeit geht seit Jahren dramatisch zurück. Ein differenzierter Wortschatz kann selbst in gymnasialen Oberstufen nicht mehr vorausgesetzt werden. Immer mehr Studienanfänger haben große Lücken in der Kenntnis der deutschen Grammatik.

Auch die Kammern klagen über mangelnde Sprachbeherrschung. Nach Jahrzehnten der Einwanderung ist das Deutsche als Sprache der Integration nicht verankert. Formaler sprachlicher Ausdruck wird zunehmend als Nebensache abgetan. Eine weitverbreitete Skepsis gegenüber Normen aller Art schwächt die Verankerung der Sprachnorm. Die Beeinflussung der Schreibgewohnheiten durch die Tendenz digitaler Spontanmedien zur Verkürzung und Beschleunigung tut das Ihre.

An der deutschen Sprache kann die schlechte Sprachbeherrschung nicht liegen. Ihre Vorzüge: Die Wortbildung im Deutschen ist genial. Wortkombinationen sind spielend einfach: Datenautobahn. Durch Vor- oder Nachsilben können wir aus Substantiven in Handumdrehen ein Adjektiv formen wie bei sprachlos.

Nicht zu vergessen: Das Deutsche ist genau im Raum. Das wird ermöglicht durch Verben, die nur durch einfache Vorsilben eine andere Bedeutung erhalten: anhalten, aufhalten, hochhalten. Leichter und transparenter geht es nicht. Der riesige deutsche Wortschatz von rund fünf Millionen Wörtern erklärt sich aus dieser Leichtigkeit. Auch der vielgescholtene deutsche Satzbau birgt Vorzüge. Er ist durch einfache Umstellungen extrem elastisch. Fazit: Leichte Wortbildung, großer Wortschatz und elastischer Satzbau zeichnen die deutsche Sprache aus.

Bei Bedarf kann das Deutsche sehr kurz sein. Die junge Generation macht es gerade vor. Sehr verbreitete Kurzformen wie „geht’s noch?“, „aber hallo!“, „echt jetzt?“, „kein Ding!“ oder „alles gut!“ zeigen dies.

Der Sprachgebrauch wird nicht nur kürzer, sondern auch lässiger. Die alte Grenze zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit lockert sich. Schriftliche Kommunikation beispielsweise auf dem Smartphone wird mündlicher: ma für mal, nich für nicht, isso für es ist so. Im Umgang mit Zeitgenossen ist das Sie auf dem Rückzug. Distanz schwindet.

Der Sprachgebrauch wird aber auch unsicherer. Der Linguist Uwe Hinrichs hat den Einfluss untersucht, den die zehn Millionen Zuwanderer, die zu Hause eine andere Sprache als Deutsch sprechen, auf die deutsche Sprache haben. Es werde „zuerst das abgeschliffen oder beseitigt, was man für die Verständigung nicht dringend braucht“. Das Kiezdeutsch als Jugendjargon ist in vielen Verballhornungen präsent. Es ist aber auch Teil der Jugendsprache geworden.

Aber es gibt nach wie vor auch die Bildungssprache Deutsch. Sie wahrt den Überlieferungszusammenhang mit älteren Sprachzuständen. Sie integriert behutsam das Wichtigste und Häufigste an Neuerungen. Mindestens in formellen Zusammenhängen ist sie unentbehrlich.

Ihre Errungenschaften an Differenziertheit und Elastizität müssen in einer auf Dialog und Aushandlung ausgerichteten modernen Kommunikationsgesellschaft – und schon gar im Rechtsstaat – vermittelt, gepflegt und beherrscht werden. Den sich wandelnden Sprachgebrauch zu kennen und mitzugestalten ist das Eine; das Andere aber ist, die Sprachnorm zu kennen und zu wissen, in welchen Zusammenhängen sie erforderlich ist.

Die Schule soll die Bildungssprache Deutsch vermitteln. Das ist in Umbruchzeiten – Stichworte sind Digitalisierung und Migration – anspruchsvoll. Es kann der Schule nicht allein aufgebürdet werden. Wir benötigen ergänzende Angebote der Sprachbildung über die Schule hinaus.

Sprachbewusstsein ist gefragt: Zumal im Einwanderungsland Deutschland müssen wir eine Sprache als verbindendes Element sprechen können! Die Vermittlung der Bildungssprache Deutsch muss daher als gesamtgesellschaftliche Aufgabe erkannt werden. Dazu ist der Einsatz vieler erforderlich: Elternhäuser, Vereine, Stiftungen, Medien, Unternehmen.

Es ist deshalb begrüßenswert, wenn die öffentliche Hand und private Initiativen miteinander kooperieren oder einander ergänzen, wie dies etwa bei dem Projekt „DeutschSommer“ in Frankfurt und Hessen der Fall ist, in dem Grundschulkinder sprachintensive Ferien verbringen. Solche Beispiele müssen in Deutschland Schule machen. Denn die Bildungssprache geht uns alle an.

Roland Kaehlbrandt ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft und Professor für Sprache und Gesellschaft an der Alanus-Hochschule. 

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