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Aktivisten der Albert Schweitzer Stiftung und der Tierschutzorganisation Peta protestieren vor der Urteilsverkündung mit einer symbolischen Aktion zum Kükenschreddern vor dem Bundesverwaltungsgericht.

Leitartikel

Der Verbraucher hat es in der Hand, dem Irrwitz der Tierzucht ein Ende zu bereiten

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Das Urteil zum Töten männlicher Küken zeigt: Ökonomischer Erfolg ist wichtiger als das Tierwohl. Das müssen Industrie und Verbraucher ändern. Der Leitartikel.

Noch in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schien die Welt auf den Bauernhöfen in Ordnung. Es gab das Problem des Vergasens von Küken nicht. Hahn und Henne unterschieden sich nur im Geschlecht, nicht in dem, was die moderne Landwirtschaft heutzutage als „Leistung“ vom Tier verlangt. Die Henne legte auch keine 280 Eier, sondern nur die Hälfte, und die Schlachtreife eines Hahns wurde nicht in Tagen bemessen wie heute, wo Masthahn und Masthuhn höchstens 40 Tage leben, bis sie auf dem Grill landen.

Tierschutz ist seit 2002 Staatsziel. Das hat das Bundesverwaltungsgericht am Donnerstag im Grundsatz auch bei Legehennen anerkannt, wonach die wirtschaftlichen Interessen der Brütereien allein keinen vernünftigen Grund zum Töten der männlichen Küken darstellen. Dass der Spruch wegen des Verweises auf die wann auch immer zur Verfügung stehende Geschlechtserkennung im Ei keine unmittelbaren Folgen hat, enttäuscht. Denn wann die Technik aus Sicht der Geflügelindustrie wirtschaftlich funktioniert, ist offen. Sie wird seit Jahren versprochen.

Derweil bekommen in den Ställen Hühner, Rinder, Schweine und vor allem Puten vom Staatsziel wenig mit. Die unsägliche Praxis in der Legehennenfabrikation steht exemplarisch für ein aus dem Ruder gelaufenes System, in dem die Ökonomie diktiert, wie die Fabrikation von Nahrungsmitteln aus lebendigen Tieren zu funktionieren hat.

Tierwohlsiegel korrigiert die Fehlentwicklung zunächst nur punktuell

Kühe dienen oft nur zwei bis drei Jahre der „Produktion“, danach werden sie, da ausgepowert, selektiert. Also nach fünf statt möglicher 30 Lebensjahre zum Schlachter transportiert. Puten wachsen überdimensionale Brustmuskeln, denn nur auf die kommt es an. Ferkel werden betäubungslos kastriert. Und selbst die männlichen Kälber sind nicht gelitten, weil sie nur ein paar Euro einbringen.

Das Tierwohl spielt nur so lange eine Rolle, wie es für den ökonomischen Erfolg relevant ist. Der Frage aber, was Tierwohl bedeutet, wann ein Nutztier putzmunter und gesund ist, ob es über den wirtschaftlich optimalen Tag hinaus leben darf und kann, wie robust es ist, die ist nachrangig. Auch das staatliche Tierwohlsiegel, über das aus ökonomischen Interessen jahrelang fruchtlos diskutiert wurde, korrigiert die Fehlentwicklung zunächst nur punktuell, zumal es freiwillig bleibt.

Es ist wie auf dem Acker: Maximale Produktion, die Ausbeutung der Natur ohne großartige Rücksicht auf Insekten oder Vögel, das ist die Realität. Es wird hergestellt, erzeugt und produziert. In einem zunehmend maschinisierten, automatisierten, digitalisierten Prozess geht verloren, dass es um lebendige Tiere, um Leben geht.

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Gerade bei der Legehenne. Ob man das Ei zwecks Geschlechtsbestimmung durchleuchtet oder die männlichen Tiere aussortiert, mit Kohlendioxid erstickt, schreddert und – von Ausnahmen wie der Fütterung im Zoo – in die Tierkörperbeseitigungsanstalt schaufelt: An der hochgradigen Spezialisierung in der Landwirtschaft, die Abweichungen vom maximal Möglichen ungern duldet, ändert das nichts.

Die Agrarindustrie designt das optimale Nutz-Tier am Schreibtisch. Gerade bei den Legehennen wird das deutlich: Die Züchter beschicken den Landwirt mit Tieren, die maximal viele Eier bei minimalem Futterverbrauch erzeugen. Die Zuchtlinien haben nur die Henne im Sinn. Das Leipziger Urteil beendet diesen Irrweg nicht, es perfektioniert ihn geradezu. Die Zucht konzentriert sich nun vollends auf weibliche Tiere. Ethische Motive zählen nichts.

Päppelt man die Hähne der auf Legeerfolg getrimmten Zuchtlinie ebenfalls, endet das heute schnell im finanziellen Desaster: Diese Hähne brauchen ewig, um eine am Ende eher dürftige Muskelmasse aufzubauen, die vielleicht nur zur Salami taugt.

Zucht befindet sich fest in Hand von vier Konzernen

Weltweit ist die Zucht von Eier- und Fleischrassen getrennt, und diese Zucht befindet sich fest in Hand von vier Konzernen. Wer an dieser in der globalen Ökonomie beispiellosen Konzentration einer Branche rüttelt, kämpft einen schier aussichtslosen Kampf.

Zwar gibt es Bemühungen, die das, was einst selbstverständlich war, nämlich die Zucht des Zweinutzungshuhns (keiner nannte es damals so), wiederzubeleben versuchen. Doch dieses Projekt, gestartet von Öko-Landbauverbänden, führt ein Dasein in der Nische. Denn selbst die biologische Hühnerhaltung setzt – aus ökonomischen Gründen – auf die Zuchtlinien der konventionellen Brütereien.

Auch der Verbraucher hat es jetzt in der Hand, wie es nach dem Urteil weitergeht: Wer, wie es das Gesetz vorsieht, im Tier ein Mitgeschöpf wahrnimmt, es fernhalten will von Schmerz und Leid und verhaltensgerecht gepflegt sehen möchte, der muss um das Zwölf-Cent-Ei und das Vier-Euro-Grillhuhn aus dem Discounter einen weiten Bogen machen. Der Verbraucher hat es in der Hand, dem Irrwitz der Tierzucht ein Ende zu bereiten.

Immerhin gelang es schon einmal, den Hebel umzulegen. Der Verbraucher gibt nun mehr Geld aus für einen ethischen Mehrwert: Im Laden gibt es Käfig-Eier nicht mehr. Die sind dort abgeschafft. 

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