Kubakrise in Zeitlupe

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Dosierte Provokationen aus Nordkorea.

Mit einer gewaltigen Militärparade und markigen Sprüchen hat das Regime in Nordkorea der Welt am „Tag der Sonne“, dem 105. Geburtstag des Gründerpräsidenten Kim Jong Il, vorgeführt, dass es die Bevölkerung im Griff habe, militärisch stark und zum Krieg bereit sei, auch zum atomaren. Der als Höhepunkt gedachte Test einer Mittelstrecken-Rakete scheiterte; das Gerät explodierte kurz nach dem Start.

In Seoul ist man beunruhigt, aber nicht in Panik. Die in Südkoreas Hauptstadt erscheinende „Korean Times“ erinnert daran, dass es zu den jährlich wiederkehrenden Traditionen in Pjöngjang gehört, einen Knalleffekt zu bieten, und zitiert einen chinesischen Militärexperten mit der Vermutung, Nordkorea habe die Explosion der Rakete gleich nach dem Start selbst herbeigeführt, um einerseits gesichtswahrend das übliche Spektakel veranstalten zu können, zugleich aber einer US-Reaktion keinen allzu großen Vorwand zu bieten.

Gleichwohl wird der Raketenstart als Teil eines Plans gesehen, die Spannungen zu erhöhen. Die russische Zeitung „Kommersant“ schreibt: „Auch wenn der Test fehlgeschlagen ist, kann es in wenigen Tagen zu einer Eskalation kommen, wenn Nordkorea den 85. Jahrestag seiner Streitkräfte begeht. Nordkorea ist der erste Staat der Welt, der US-Präsident Donald Trump herausfordert. Das bringt den Herrn des Weißen Hauses in eine schwierige Lage. Er hat versprochen, das nordkoreanische Problem zu lösen. Es bleibt die Gefahr, dass Washington wie in Syrien Gewalt anwendet.“

Das deutsche Auswärtige Amt sieht laut Internetseite bisher keine konkrete Gefährdung deutscher Staatsangehöriger in Südkorea. Gleichwohl wird eine solche im Fall einer weiteren Eskalation nicht ausgeschlossen.

Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ erinnert daran, dass in den 1950er-Jahren die USA etwa ein Zehntel der nordkoreanischen Zivilbevölkerung mit Napalm verbrannten, und schreibt: „Das heutige Nordkorea sieht sich noch immer von Feinden umgeben. Die letzten Tage haben gezeigt, dass der chinesische Einfluss auf Pjöngjang ebenfalls zurückgegangen ist.“

Umgekehrt bedrohe nun Nordkorea seine Nachbarn: „Dieses Regime hat nichts zu verlieren, es steht sowieso und immer mit dem Rücken zur Wand. Deshalb können die Vereinigten Staaten keine chirurgischen Militärschläge – wie zuletzt in Syrien und Afghanistan – ausführen. Zu diesem Ergebnis wird auch Trump noch finden.“

Die „New York Times“ spricht von einer „Kuba-Raketenkrise in Zeitlupe“ – allerdings werde sie gerade beschleunigt, da „Präsident Trump und seine Berater klargemacht haben, dass die USA nicht länger gewillt sind zu tolerieren, dass Mr. Kim (Nordkoreas Führer Kim Jong Un, die Red.) schrittweise seinen Zielen atomarer Bewaffnung immer näher kommt.“

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