Angela Merkel, ratlos.
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Angela Merkel, ratlos.

Coronavirus

Die Welt im Krisenmodus

  • Markus Decker
    vonMarkus Decker
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Die Coronakrise ist eine Herausforderung der besonderen Art. Noch ist nicht ganz klar, was genau die Folgen sind. Das verunsichert viele. Der Leitartikel.

Als Angela Merkel in der Bundespressekonferenz nach der Coronakrise und ihren Auswirkungen gefragt wurde, da wirkte sie zuweilen ungewohnt ratlos. Einerseits verwies die Kanzlerin auf die großen „Unsicherheiten“, die eine Prognose erschwerten. Andererseits mahnte sie „Solidarität“ an. Die Vokabel gehört nicht unbedingt zu den geläufigsten in Merkels Wortschatz.

Tatsächlich sind die Vokabeln „Unsicherheit“ und (fehlende) „Solidarität“ eine Art Leitmotiv für die vergangenen 15 Jahre, in denen eine Krise die andere ablöste: Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Coronakrise – und über allem thronend die Klimakrise. Denn so verschieden diese Krisen waren und sind, so verwandt waren und sind sie einander auch.

Erstens handelt es sich um globale Krisen, man könnte auch sagen: um Globalisierungskrisen – Krisen überdies, die sehr dynamisch verlaufen oder in Zeiten digitaler Medien als dynamisch wahrgenommen werden. Sie erzählen von einer vernetzten Welt, in der die Finanzströme ebenso miteinander verflochten sind wie die Migrationsrouten und der Reiseverkehr – und in der alle von dem gleichen Klima abhängen, das sie gemeinsam herbeiführen.

Zweitens sind es Krisen, die in Teilen auf Ängsten basieren und Ängste steigern. Die Finanzkrise ist dafür ein Beispiel, die Flüchtlingskrise ein anderes. Zugleich wuchs mit der Unsicherheit die Sehnsucht nach Sicherheit – und suchte sich Ventile in der Wahl nationalistischer Politiker, die einfache Lösungen versprachen. Der Aufstieg Donald Trumps, der Brexit, das Erstarken der AfD – all das wäre ohne die großen Angst machenden globalen Krisen nicht zu erklären.

Interessant wird nun sein, was in der Coronakrise geschieht. Denn sie trifft auf eine internationale Ordnung, die sich in einem anderen Zustand befindet als 2008 oder 2015. Entsolidarisierung und Zerfall haben Platz gegriffen, in und zwischen den Staaten. Eine Ordnung im alten Sinne existiert vielfach nicht mehr. Allerdings begreift mittlerweile auch der dümmste Populist, dass Grenzschließungen einen Virus nicht aufhalten, der Grenzen längst übersprungen hat.

Die Entsolidarisierung könnte sich unterdessen in der nächsten Stufe fortsetzen. Dann, wenn es um medizinische Hilfe geht oder die Bewältigung der wirtschaftlichen Konsequenzen.

Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, hat bereits vor einer neuen Finanzkrise gewarnt. Schon bisher gab es ja Befürchtungen, dass diese Krise vom ökonomisch schwachen und hoch verschuldeten Italien ihren Ausgang nehmen könnte. Diese Befürchtung dürfte jetzt, wo Italien im wortwörtlichen Sinne der kranke Mann Europas ist, Wirklichkeit werden.

2008 und danach gelangen Lösungen lediglich mit Ach und Krach. Ungewiss ist, ob neue Lösungen unter dem Eindruck der Coronakrise leichter fallen werden – oder ob sich der nationalistische Zerfall dessen beschleunigt, was man einst den „Westen“ nannte.

Dass die Coronakrise eine weitere Finanzkrise nach sich ziehen könnte, ist jedenfalls offenkundig. Offenkundig ist außerdem, dass die Coronakrise die Flüchtlingskrise medial an den Rand drängt. Mit der Klimakrise verhält es sich ähnlich. Denkbar ist, dass die erforderliche Energiewende unter einer absehbaren Wirtschaftskrise begraben wird – nach dem Motto: „Wir haben jetzt andere Sorgen.“

Die Coronakrise, so viel steht fest, ist mehr als alle vorher gehenden der letzten beiden Jahrzehnte ein gesellschaftliches oder politisches „Experiment“. Kann sein, dass materiell orientierte Gesellschaften im Merkel’schen Sinne „Solidarität“ üben. Kann aber auch sein, dass die von ihr benannten „Unsicherheiten“ in zusätzliche Verteilungskonflikte und Aggressionen münden – zwischen wirtschaftlich Starken und Schwachen, zwischen Gesunden und Kranken, zwischen Jungen und Alten.

Allein das, was viele Menschen mehr denn je herbei wünschen, nämlich Stabilität, wird es weniger geben als je zuvor. Im Gegenteil, die Welt wirkt auf die meisten Menschen – zumindest in den wohlhabend-industrialisierten Staaten – so instabil wie noch nie. Kein Mensch wird daran bis auf weiteres etwas ändern können.

Von Markus Decker

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