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Die Corona-Krise bewegt Politiker wie Markus Söder dazu, beherzter Entscheidungen zu treffen.

Gastbeitrag

Die Rückkehr der Führung - Wie Corona für neues Krisenmanagement sorgt

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Wir müssen uns führen, aber nicht verführen lassen. Das gilt nicht nur für die Politik.

  • Traditionelle Führung schien lange überholt
  • Fehlende Führung bedeutet auch Unverantwortlichkeit
  • In der Corona-Krise erlebt die Führung ein Revival

Frankfurt - Gibt man in Internet-Suchmaschinen die Begriffe Corona, Krise und Führung ein, so erscheinen vor allem Beiträge zur politischen Großwetterlage. Das ist interessant, spiegeln diese in vielen Fällen eine Sehnsucht nach klarer Führung wider. Diese Corona-Krisenzeit ist die Zeit der Führung, nicht nur in der Politik, sondern in unseren vielfältigen Organisationen wie Unternehmen, Verwaltungen und Kulturbetrieben.

Führung schien lange nicht mehr gefragt

Lange Zeit schien traditionelle Führung im Sinne einer hierarchischen Einzelentscheidung nach Abwägung von Alternativen zum Alteisen zu gehören. Weder gab es jemanden, der sagte, wo es langgeht, noch jemanden, der sich das hätte sagen lassen. Führung wurde zum Gruppenhappening, Entscheidungen fielen im Kollektiv. Partizipation degenerierte mehr und mehr zur Entscheidungspartizipation. Der Ablauf in Organisationen oder Unternehmen wurde zu einem Meeting-Marathon, bei dem am zähen Ende vielleicht eine Entscheidung geboren wurde: Viel reden um (fast) nichts!

Mit dem Blick nach extern herrschte der Glaube, man müsse auf die Umwelt des eigenen Systems eingehen, wollte man erfolgreich sein. Bei den Führenden setzte sich die Furcht fest, eine Blindheit vor dem wirklich Wichtigen zu entwickeln. Immer saß die Angst im Nacken, drastische Fehlentscheidungen zu treffen. Von der ursprünglichen Intention, von der Deutlichkeit, vom Unterschied, den eine Entscheidung markieren kann, blieb so am Ende wenig übrig.

Entscheidungsverwahrlosung statt Führung - Ein Problem blieb lange unerkannt

Eine neue Kultur schlich sich ein: eine der organisierten Unverantwortlichkeit. Verantwortung kann nicht kollektiviert werden. Diejenigen, die es versuchen, produzieren lediglich einen Nebel, hinter dem man sich verstecken kann. Überspitzt formuliert: In vielen Organisationen ist es zu einer Entscheidungsverwahrlosung gekommen.

Das blieb lange unerkannt, da unsere Gesellschaft erfolgreich erschien: Die Wirtschaft boomte, Deutschland segelte an Krisen glimpflich vorbei, um nicht zu sagen, ging als Gewinner daraus hervor. Nicht nur Angela Merkel regierte eher moderierend abwartend, auch in den Firmen wurde dieser Führungsstil gelebt.

Bei genauerem Hinsehen war dies ein verwaltendes Handeln in einer Blase, deren letzten Sauerstoff wir verbraucht haben. Wir haben vermeintliche Erfolgsstrukturen manifestiert und versäumt, uns auf die Herausforderungen der Zukunft einzustellen. Unsere Firmen haben weder auf die Digitalisierung, China, die sich auflösende Europäische Union, die Migration noch die Klimakatastrophe eine umfassende Antwort. Wir haben es verpasst, dem zu erwartenden Unbekannten mit richtungsweisenden, radikalen Entscheidungen entgegenzutreten.

Die Führung darf wieder Entscheidungen treffen

Und weil es in der Corona-Zeit um das eigene Leben zu gehen scheint, ist ein Entscheidungsruck durch die Firmen und Verwaltungen gegangen. Ein Realitätscheck besonderer Art, erkennbar an der neuen Diskussionskultur in den sich aneinanderreihenden Web-Konferenzen. Die Wichtigtuer, die Bedenkenträger und die Großmäuler scheinen fürs Erste verschwunden. Es redet nur, wer dran ist. Man hält sich kurz, fokussiert sich. Von der Führung erwartet man, dass sie nach entsprechender Sondierung die Marschroute vorgibt. Weil alles unsicher ist, braucht es Entscheidungen – und man gesteht diese den Führenden nun zu.

In einer Krise muss Hierarchie funktionieren, müssen Energien, Kommunikationen und Handlungsstränge zusammengeführt werden. Was derzeit passiert, basiert auf einem Vertrauensvorschuss für jene, die zu entscheiden haben. Hier zeigt sich, wer führen kann. Dabei entpuppt sich gute Führung als Haltung und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, Alternativen abzuwägen, Entscheidungen unter Unsicherheiten zu treffen, diese erklärend zu kommunizieren und zu revidieren, sofern sich neue Erkenntnisse ergeben.

Ohne Führung wird die Krise zur Katastrophe

Neu daran ist die Chance, dass diese Art der Führung aus dem Krisenmanagement der Corona-Zeit übernommen werden kann. Corona ist bloß die Prüfung zum Freischwimmer, weitere Krisen werden die neue Normalität. Und genau dieses Bild zeigt den Fehler im Denken: Krisen sind nur dann Krisen, wenn man entweder im Vorfeld nicht gehandelt hat oder mittendrin keine Handlungsoptionen sieht.

Der sprachliche Ursprung des Wortes Krise ist Unterscheidung oder Entscheidung. Es braucht also Führungspersönlichkeiten, die unterscheiden und Strukturbrüche aktiv gestalten. Tun sie dies nicht, entwickelt sich die Krise zur Katastrophe, die Niedergang bedeutet. Das ist die Reifeprüfung, die uns als angeblich aufgeklärte Menschen und „Organisationsbewohner“ bevorsteht: Wir müssen uns führen lassen und dürfen uns gleichzeitig nicht verführen lassen. Das gilt für die Politik genauso wie für unser gesamtes gesellschaftliches Leben.

Frank E. P. Dievernich ist Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences.

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