1. Startseite
  2. Meinung

Die Krise der Väter

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Als Obervater Köhler seinen Posten vorzeitig verließ, vertiefte er die Kluft. Die Bürger trauen jetzt nur noch sich selbst.

Von Stephan Grünewald

Kein anderes Ereignis dieses Jahres hat das politische Bewusstsein so stark erschüttert und verändert wie der Rücktritt Horst Köhlers. Psychologisch betrachtet bedeutete er eine ungeheure Kränkung für die Wähler: Auf wen kann man sich in der Politik noch verlassen, wenn selbst der Obervater der Nation Fahnenflucht begeht? Spontan behandelten die Bürger ihre Enttäuschung durch Schuldzuweisungen: Für die einen avancierte Köhler zum wehleidigen Vaterlands-Verräter, anderen erschien die politische Klasse als Nestvertreiber des aufrichtigen Bundespräsidenten. Und danach wollten sie den Vater durch die Obermutter von der Leyen oder besser noch den sturmerprobten und unbeirrbaren Pfarrer Joachim Gauck ersetzen. Die Sympathien galten Gauck, nicht dem vermeintlichen Polit-Gaukler Christian Wulff.

Die Demission Köhlers ist der bisherige Tiefpunkt in einer bereits lange schwelenden Vertrauenskrise zwischen Bürgern und Politikern. Sie verstärkte zudem die tiefe Glaubenskrise der Bevölkerung. Spätestens nach der Finanzkrise und den immer wieder neu aufreißenden schwarzen Euro-Löchern glauben die Menschen nicht mehr an eine Maximierungskultur, die ihr Heil in Wachstums-Versprechungen und immer neuen Aufschwüngen sucht. Deutschland steht Ende 2010 ohne politische Zukunftsvision und ohne verlässliche Führungsgestalten dar. Das verdeutlichten auch die überraschenden Rückzüge von Roland Koch, Jürgen Rüttgers, Ole von Beust, Dieter Althaus oder Günther Oettinger.

Die Väterkrise manifestiert sich aber nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich in dem schlechten Standing der leiblichen Väter, die jüngst die rheingold-Jugendstudie diagnostiziert hat. Vermisst werden auch im privaten Feld Verlässlichkeit, Präsenz und Glaubwürdigkeit der Väter. Oft haben sie das Internet oder das Büro zu ihren Fluchtburgen erkoren und überlassen die Alltagsgestaltung oder die Stiftung des familiären Zusammenhalts den Müttern.

Die Folge der Väterkrise ist das Ende des Stillhalteabkommens zwischen Wählern und Politikern. Die Wähler koppeln sich nicht mehr freiwillig aus der Welt der Politik ab und delegieren bequem jede Verantwortung an die Politiker. Die Zeiten sind vorbei, in denen sich die politische Willensbildung in der rituellen Wahlpflicht und im habituellen Jammern oder Mäkeln erschöpfte. Viele Bürger üben wieder Systemkritik, sie informieren und aktivieren sich auch jenseits von Prestigeprojekten wie Stuttgart 21 oder den Castortransporten. Ausdruck dieser Emanzipation der Bürger ist paradoxerweise ebenso der Erfolg der basisdemokratischen Grünen wie die enorme Resonanz von Thilo Sarrazin: Die Grünen brillieren als wackere Vorkämpfer der Basisdemokratie, die für den Erhalt eines natürlichen Wertesystems eintreten. Sarrazin punktet als volksnaher Freidenker jenseits der Political Correctness mit seiner Frage, ob sich nicht nur die Väter, sondern auch das Vaterland abschafft.

Der Abgang Köhlers hat jedoch nicht nur das politische Erwachen und eine neue Mündigkeit der Bürger dynamisiert. Er hat auch die Sehnsucht nach der Restauration einer präsidialen Überväterlichkeit verstärkt. Ihr Hoffnungsträger ist der unabhängige, charismatische und adlige Kanzlerkandidat in spe zu Guttenberg.

Stephan Grünewald ist Diplompsychologe und Markt- und Kulturforscher.

Auch interessant

Kommentare