Marküs Söder ist im Zentrum des Bildes und läuft auf eine steinerne Treppe zu, die nach unten führt.
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Markus Söder kurz vor der Sommerpause: Bisher hat der bayrische Ministerpräsident sich nicht zu einer Kanzlerkandidatur bekannt

Leitartikel

Markus Söder und die Coronatest-Panne: Krise statt Nordseeluft

  • Daniela Vates
    vonDaniela Vates
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Markus Söder hat die Corona-Krise nicht verschärft. Er hat aber die Grundlagen für die Test-Panne gelegt, die ihm politisch schadet. Der Leitartikel.

Wie schön es doch hätte sein können: Markus Söder Aug in Aug mit knopfäugigen Seehunden und knöcheltief naturverbunden durch den Wattmatsch staksend. Traumhafte Bilder wären da entstanden, die perfekte Ergänzung zur Herrenchiemseer Schlosskulisse, vor der vor ein paar Wochen die freundliche Zuwendung der Bundeskanzlerin festgehalten wurde.

Nach dem Merkel-Segen hätte sich der bisher sehr bayerische CSU-Chef-Horizont in den fernen Norden erweitert, wo Leute wohnen, die man brauchen könnte, wenn man interessiert daran wäre, die Kanzlerkandidatur der Union zu übernehmen.

Ein Bayer, der übers Watt ins Kanzleramt wandert – wie schön es doch hätte sein können. Umfragewerte, Sympathiebekundungen aus der CDU, ein Image als stabiler Krisenmanager – der Rahmen hätte gepasst.

Aber dann ist etwas dazwischen gekommen: Die bayerische Staatsregierung hat einräumen müssen, dass Zehntausende Reiserückkehrer noch auf die Ergebnisse ihrer Corona-Tests warten, darunter 900 Corona-Treffer.

Krisensitzung statt Nordseeluft also für Söder, für den mehr geplatzt ist als nur eine Reise. Statt als Krisenmanager steht er nun als Heiße-Luft-Verkäufer da. Er hat die Krise nicht verschärft – die 900 positiven Fälle hätte es auch ohne Test gegeben und man muss ihm zugute halten, dass sie dann vermutlich nicht aufgefallen wären.

Aber Söder hat die Grundlage für die Panne gelegt. Er wollte die freiwilligen Tests für alle Reiserückkehrer und er wollte sie schnell – trotz Warnungen vor Kapazitätsengpässen. Er ging damit über die Einigung von Bund und Ländern hinaus, die nur Rückkehrer aus Risikogebieten überprüfen. Von einem „Service für Deutschland“ sprach Söder. Bei der CSU im Allgemeinen und bei Söder im Besonderen ist gern immer etwas eine Nummer größer als eine Nummer kleiner.

Es stellt sich nun heraus: Angeordnet ist schnell etwas, organisiert ist es aber deswegen noch lange nicht. Freiwillige des Roten Kreuzes mussten für die Tests einspringen. Statt Computer gab es an den eilig errichteten Teststationen an den Autobahnen Zettelwirtschaft und handschriftliche Notizen.

Die Worte Umsicht, Wachsamkeit sind in der Corona-Krise zu seinen Lieblingsworten geworden. Zigmal hat er vor Unvernunft und Leichtsinn im Umgang mit dem Virus gewarnt und dabei den Blick oft streng nach Nordrhein-Westfalen gerichtet, dessen Ministerpräsident Armin Laschet sich ebenfalls bereit macht für die Kanzlerkandidatur. Vernunft aber macht sich allein nicht am Tragen einer Maske im weiß-blauen Rautenmuster fest.

Söder ist über sich selbst gestolpert, über seinen Ehrgeiz und den Eindruck, nur im selbstattestierten Superlativ bestehen zu können, als Erster, Größter, Bester, Schnellster, Sachlichster. Fehler können passieren, aber die Fallhöhe ist groß, wenn man sich wie Söder zuvor als einziger Profi in einem Laienspieltheater inszeniert hat und wenn man sich gerne über die Organisationsunfähigkeit anderer so sehr mokiert.

Einen persönlichen Fehler hat Söder nicht eingeräumt. Er hatte eine gute Idee, die Ausführung war schlecht und im Übrigen der Virus schuld. Söder überließ es zunächst seiner Gesundheitsministerin Melanie Huml, das Debakel zu schildern und kommentierte die Lage aus sicherer Entfernung als „sehr sehr ärgerlich“. Als hätten die ungezogenen Kinder im Kabinett hinter seinem Rücken etwas angestellt.

Nun wird ein Behördenleiter versetzt, Gesundheitsministerin Melanie Huml bleibt im Amt. Söder errichtet damit auch einen Schutzwall um sich selbst. Schließlich waren die Anordnungen von oben das Problem. Ein Rausschmiss der Ministerin hätte es Söder erschwert, die Krise wegzustecken. Es hätte zusätzlich die Frage aufgeworfen, warum Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer mit seinen Maut-Problemen nicht gleich mitgehen muss. Auf den Superlativ, als erster Ministerpräsident Minister zu verlieren, hat Söder gerne verzichtet.

Das Rennen um die Kanzlerkandidatur ist deswegen noch nicht entschieden, aber es zeigt sich, wie schnell sich Gewichte verschieben können. Auch Söder hat nun den Makel des Fehlbaren. Friedrich Merz und Norbert Röttgen kommen mangels Verantwortung nicht in die Gefahr, im Krisenmanagement zu versagen. Es ist die Frage, ob das wirklich für sie spricht. Über Wasser gehen können sie alle nicht. Wäre ja auch zu schön gewesen.

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