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NRW-Innenminister Herbert Reul.

NRW-Vorstoß

Herkunft von Verdächtigen nennen? Als ob rechte Hetzer sich für Fakten interessieren

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Wer Spekulationen über Kriminelle verhindern will, sollte sich vor einfachen Aktionen hüten: Auch gute Absichten können schaden. Der Leitartikel.

Herbert Reul begeht einen folgenreichen Fehler. Der NRW-Innenminister lässt die Landespolizei künftig in den Pressemitteilungen die Nationalität von verdächtigen Tätern nennen. Damit soll Offenheit und Transparenz geschaffen werden, Fakten sollen Spekulationen aus der rechten Ecke eindämmen.

Schön wär’s. Als hätten sich Hetzer je für Fakten interessiert. Ganz im Gegenteil: Sie instrumentalisieren lediglich jene Fakten, die ihrer menschenfeindlichen Ideologie nutzen. Ist ein Verdächtiger ein Deutscher, schreit kaum ein Rechter. Ist ein Verdächtiger aber ein Ausländer und vielleicht sogar ein ausländischer Muslim, dann gehen das Geschrei und die Hetze los.

Die Weltsicht der AfD

Wozu das nun in NRW eingeführte verfahren führen wird, ist bereits erforscht und das hätte Reul berücksichtigen müssen: Die Rechten werden seine gutgemeinte Absicht für sich ausbeuten, denn das tun sie schon heute, wie die Kriminalpolitische Zeitschrift vor kurzem in der Untersuchung von AfD-Pressemitteilungen zur Kriminalität aus dem Jahr 2018 darlegte.

Glaubte man der Weltsicht der AfD ist der typische verdächtige Gewalttäter zu 98 Prozent männlich, zu 47 Prozent Ausländer und in rund 50 Prozent ein Unbekannter. Die Wissenschaftler, die die AfD-Pressemitteilungen ausgewertet haben, ergänzen: „Um deutsche Tatverdächtige geht es in nur 2,5 Prozent der AfD-Pressemitteilungen, und soweit sie erwähnt werden, wird dieser Sachverhalt durchweg relativiert.“

Um es gleich zu sagen: Mehr Transparenz beim Thema Kriminalität täte der Öffentlichkeit gut. So könnte zum Beispiel die Erkenntnis von Forschern verbreitet werden, dass die reale Kriminalität nichts mit der medial abgebildeten Kriminalität zu tun hat. Und übrigens gibt auch die Polizei nicht jede erfasste Tat oder Aktion als Pressemitteilung raus.

Politik reagiert auf verzerrte Darstellung von Kriminalität

Der emeritierte Konstanzer Kriminologe Wolfgang Heinz erläuterte in einem Beitrag für die FR einmal, was das konkret bedeutet: „Im medialen Kriminalitätsbild ist zum Beispiel der Anteil der Sexualmorde mehr als 6000-mal so hoch wie in der Statistik. Diese dem Nachrichtenwert geschuldete ,Dramatisierung der Gewalt‘ ist folgenreich für die Kriminalitätswahrnehmung und die Verbrechensfurcht“, schrieb Heinz.

Aus dieser verzerrten Verbrechensfurcht folgen aber reale Taten der Politik. Wenn nun also durch die Hetze der Rechten das mediale Bild der Kriminalität auf bestimmte Gruppen gelenkt wird, dann werden als nächstes politische Forderungen folgen, die ganz sicher nicht für soziale Arbeit und mehr Integrationskapazitäten werben werden.

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Hier leistet Reul also eine – wohl unfreiwillige – Vorarbeit für die Rechten, indem er das Kriterium Herkunft als ein entscheidendes für die Berichterstattung der Polizei ausdeutet. Ginge es Reul oder anderen, die die Nationalitäten-Nennung, fordern, wirklich um Transparenz und Prävention vor Hetze, dann müssten soziale Hintergründe des Verdächtigen und seine Prägung, die Geschichte seiner Werdung also, eine größere Rolle in der Berichterstattung spielen, als einfach nur die Nationalität.

Die Nationalität liefert keine Erklärung

Ja, es trifft zu, dass es Auffälligkeiten bei bestimmten Deliktarten gibt, dass also bestimmte soziale und Herkunftsgruppen stärker herausragen als andere. Aber auch das kann sich nach Bundesland, sogar nach Städten unterscheiden, dazu gibt es Untersuchungen.

Das bedeutet, dass sich aus der Angabe „Nationalität“ keine Erklärungen ableiten lassen, warum Straftaten begangen werden. Das ist das Entscheidende: Nicht „Woher stammt der Täter?“, sondern, „Warum tat er das?“, ist die wichtigere und politisch sinnvollere Frage. Aber die wird selten laut gestellt und thematisiert, auch weil die Antworten darauf für politische oder mediale Vermittlung zu komplex erscheinen.

Als gesichert gilt, dass „eine geringere Bildungsteilhabe, ein vermehrtes Erleben elterlicher Gewalt oder eine größere Gewaltakzeptanz“ das Delinquenzrisiko steigen lassen, sagen Kriminologen in der Fachpublikation „Neue Kriminologische Schriftenreihe“, weniger gesichert sind die herkunftskulturellen Einflüsse auf Deliquenzrisiko.

Lesen Sie hier die Kolumne zum Thema: Der Moslem wars

Es ist ein viel zu einfacher Weg, den die Befürworter der Nationalitäten-Nennung wählen: Sie werden nicht nur nicht die Rechten verstummen lassen, sie werden von ihnen weiter getrieben werden. Wenn sie tatsächlich für mehr Sicherheit sorgen wollen, müssen sie mehr Ressourcen für soziale Prävention, Integration und Hilfe für Risikogruppen zur Verfügung stellen.

Debatte über Herkunft führt in die falsche Richtung

Wir würden dann nicht Debatten über Herkunft führen, sondern darüber, unter welchen Bedingungen und mit welchen Vorbildern jemand aufwächst. Denn die entscheiden maßgeblich, ob Menschen kriminell werden oder nicht.

Reuls Vorstoß ist vor diesem Hintergrund aber ein großer Schritt rückwärts in der Aufklärung über gesellschaftliche Zusammenhänge. Er leistet dem Frieden in seinem Bundesland und darüber hinaus einen Bärendienst. Und viele in der AfD jubeln.

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