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Krieg in der Ukraine: Geflüchtete langfristig aufnehmen

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Von: Jan Sternberg

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Deutschland muss aus der Erfahrung der Geflüchteten der Kriege der 90er Jahre lernen. Fehler beim Bleiberecht dürfen sich nicht wiederholen.

Beispiellos. Dieses Wort fällt am häufigsten, wenn es darum geht, die Flucht aus dem Kriegsgebiet Ukraine zu beschreiben. Eine Million Menschen sind nach einer Woche des Krieges auf der Flucht, zehn Millionen können es noch werden. Eine solche Fluchtbewegung in Europa gab es seit 1945 nicht.

Beispiellos ist die Hilfsbereitschaft in den Nachbarländern. In Polen, das schon vor dem Krieg eine millionenstarke ukrainische Community hatte. In der Slowakei und in Tschechien, wo das Erbe des Prager Frühlings 1968 und seiner Niederschlagung wieder sehr präsent ist.

Und beispiellos ist die Hilfsbereitschaft auch in Deutschland. Tausende haben sich in den vergangenen Tagen zur Grenze aufgemacht, um Verwandte, Bekannte oder einfach Menschen in Not in Empfang zu nehmen und nach Deutschland zu bringen.

Es sind zum überwiegenden Teil Menschen mit privaten Beziehungen in das nahe, ferne Land um Lwiw, Kiew und Odessa. Es sind Exil-Ukrainerinnen und -ukrainer, deren deutsche Ehepartner und ganz oft auch die jüdischen Geflüchteten aus der Ex-Sowjetunion, die in den 1990er-Jahren kamen. Fast die Hälfte von ihnen hat noch Familie in der Ukraine, um deren Sicherheit sie jetzt bangt.

Und beispiellos ist schließlich die Empathie der Menschen hierzulande, die keine Familie im Land haben, aber vom größten Krieg in Europa seit Jahrzehnten so aufgewühlt sind, dass sie einfach etwas tun wollen. Mehr als 100 000 Menschen haben binnen einer Woche auf der gemeinnützig organisierten Website unterkunft-ukraine.de Schlafplätze für Geflüchtete aus der Ukraine angeboten. Auf dem Spendenkonto der „Aktion Deutschland Hilft“, dem Bündnis der großen Hilfsorganisationen, waren am Freitag überwältigende 18,6 Millionen Euro verbucht.

All die Freiwilligen-Netzwerke aus den Jahren 2015/16 sind wieder reaktiviert, neue sind dazugekommen, im ganzen Land. Im Unterdeck des Berliner Hauptbahnhofs stehen Familien mit Schildern, bieten unentgeltlich private Betten an. Auch im brandenburgischen Cottbus, wo die Willkommenskultur in den vergangenen Jahren nicht unbedingt bei Teilen der Stadtgesellschaft vorherrschend war, haben jetzt alle Platz in ihren Häusern.

Gewiss, ein Krieg in Europa ist nicht nur geografisch näher als einer in Syrien oder Afghanistan. Und so bitter es ist, Flüchtende, „die so aussehen wie wir“, haben es einfacher in den Nachbarländern Ostmitteleuropas, haben es auch einfacher in Deutschland.

Das betrifft auch ihren Aufenthalt: 90 Tage visafrei können Ukrainerinnen und Ukrainer ohnehin in Deutschland bleiben. Daraus können jetzt bis zu drei Jahre werden, mit Anspruch auf Sozialleistungen wie Asylbewerber. Die EU hat erstmals die „Massenzustromrichtlinie“ aktiviert, die das möglich macht.

Beispiellos mag die aktuelle Situation zwar sein, unvergleichbar ist sie nicht. Vor 30 Jahren gab es schon einmal Kriege vor unserer Haustür. Heute sind es 1000 Kilometer von Berlin bis in die Ukraine, damals waren es 800 Kilometer von München bis in den Bosnienkrieg. Mehr als 300 000 Geflüchtete aus Bosnien-Herzegowina gab es 1994 in der Bundesrepublik. Viele der Hochqualifizierten wanderten nach Amerika weiter, einige der Jüngeren und der Härtefälle durften bleiben, Zehntausende lebten in ständiger Angst vor Abschiebung in ein Land, das politisch und wirtschaftlich bis heute vom Krieg gezeichnet ist.

Rund eine Woche nach dem russischen Überfall auf die Ukraine können wir noch hoffen, dass es dem Land besser gehen wird. Zu befürchten ist aber eher, dass auch die Ukraine noch Jahre nach Kriegsende ein zerstörtes, von Hilfe abhängiges Land sein wird.

Die Fehler der 1990er Jahre im Umgang mit den Geflüchteten aus Bosnien sollte die Bundesrepublik der 2020er Jahre dann nicht wiederholen. Wer hier eine neue Heimat findet, soll auch bleiben dürfen. Auch das wäre beispiellos.

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