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Krieg in der Ukraine bedeutet auch mehr Hunger im Jemen

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Von: Stephan Hebel

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Männer im Jemen verteilen Hilfsgüter des Welternährungsprogramms. Doch die Rationen werden nicht zuletzt aufgrund des Krieges in der Ukraine nicht ausreichen. Hammadi Issa/dpa
Männer im Jemen verteilen Hilfsgüter des Welternährungsprogramms. Doch die Rationen werden nicht zuletzt aufgrund des Krieges in der Ukraine nicht ausreichen. Hammadi Issa/dpa © picture alliance/dpa

Die Globalisierung zeigt zwangsläufig, wie die Krisen der Welt miteinander verflochten sind: Der Angriff auf die Ukraine bedeutet auch mehr Hunger im Jemen. Welche Lehren müssen wir daraus ziehen? Autor Stephan Hebel gibt Antworten.

1 Wer vom Krieg spricht in diesen Tagen, meint meistens den russischen Überfall auf die Ukraine. Er ist es schließlich, der uns buchstäblich nahegeht: Das tödliche Artilleriefeuer in Charkiw ist von Frankfurt nur genauso weit weg wie der Strandurlaub auf Kreta. Es ist Krieg – das gilt aber leider nicht nur in Europa. Es gilt zum Beispiel auch im Jemen. Immerhin wurde dort jetzt ein Waffenstillstand vereinbart, der Staatschef durch einen „Präsidialrat“ ersetzt und wenig später meldete die Deutsche Presseagentur: „Erstmals seit Beginn der von Saudi-Arabien angeführten Bombardements im Jemen vor sieben Jahren hat das Bürgerkriegsland eine ganze Woche ohne Luftangriffe erlebt.“ 380 000 Menschen sollen nach UN-Angaben in diesem Krieg getötet worden sein.

Hebel meint: Wie eng vernetzt die Krisen dieser Welt heute sind, zeigt dieses Beispiel besonders deutlich: Krieg in der Ukraine bedeutet mehr Hunger im Jemen. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, WFP, hat schon vor Putins Überfall auf seinen Nachbarn die Rationen für acht Millionen Opfer des Jemen-Krieges gekürzt. Insgesamt zunehmender Hunger in der Welt, die Corona-Pandemie und steigende Preise hatten dem WFP keine Wahl gelassen. Jetzt fällt wohl auch noch die Ukraine, ein wichtiger Getreidelieferant auch für das Welternährungsprogramm, wegen des Krieges weitgehend aus.

Die Weltgemeinschaft interessiert sich für diese humanitäre Katastrophe übrigens nicht besonders: Von den 3,9 Milliarden Euro, die die Vereinten Nationen forderten, kam bei einer Geberkonferenz im März gerade ein Drittel zusammen.

Aber die Zusammenhänge reichen noch viel weiter: Zu den Ländern, die bis vor wenigen Tagen im Jemen ihre Bomben abwarfen, gehören auch die Vereinigten Arabischen Emirate. Welcher Moral folgen wir eigentlich, wenn wir das Gas, das wir von Putin zu Recht nicht mehr wollen, dort kaufen? Dass Wirtschaftsminister Robert Habeck alles tut, um die kurzfristige Versorgung zu sichern, ist verständlich. Dass er jetzt von einer Autokratie zur nächsten laufen muss, um Gas zu kaufen, ist dem klimapolitischen Versagen der Vorgängerregierungen geschuldet. Aber ist die Ampel zu einer echten Energiewende in der Lage, wenn sie nicht mal ein Tempolimit zustande bringt?

Das bedeutet: Wenn Deutschland und Europa aus den Krisen und Kriegen unserer Tage etwas lernen wollen, dürfen sie sich grundsätzlichen Fragen nicht entziehen. Sie betreffen das Globalisierungsmodell, dem so ziemlich die ganze Welt seit mindestens 30 Jahren folgt.

Zwei Beispiele dazu: Vor zwei Jahren hat die Regierung der Ukraine begonnen, die wertvollen und fruchtbaren Böden des Landes für den „freien Markt“ und damit im Zweifel für die Spekulation zu öffnen. Im Land selbst war das heftig umstritten, aber der Druck des Internationalen Währungsfonds, von dem Kiew Kredite erhielt, gab am Ende den Ausschlag. Noch dürfen nur Ukrainerinnen und Ukrainer mit Grund und Boden handeln, aber das Internet ist längst voll mit Tipps, wie Investitionswillige aus dem Ausland die passenden Verpächter:innen finden, um an Ackerland kommen.

Mit Putins Krieg hängt diese Entwicklung nicht direkt zusammen, den verschuldet der Verbrecher im Kreml allein. Aber wäre die Weizenkrise nicht Anlass zu fragen, ob 60 Prozent der deutschen Getreideernte als Tierfutter verwendet werden müssen? Ob es nicht besser wäre, auf regionale Wirtschaftskreisläufe umzusatteln, die die Grundversorgung der Menschen sichern, statt sich immer mehr Pfründe in aller Welt zu sichern und uns weiter von Importen abhängig zu machen?

Zweites Beispiel: In Europa waren nach Angaben des zuständigen Branchenverbandes vor dem Krieg 100 000 Menschen aus der Ukraine als Lkw-Fahrer:innen unterwegs, meistens im Auftrag polnischer oder litauischer Firmen. Jetzt drohen sie wegen des Krieges zum großen Teil auszufallen. Sollten wir uns da nicht fragen, ob es in Zukunft der richtige Weg ist, unsere Nudeln (die übrigens demnächst auch teurer werden) von relativ billigen Arbeitskräften durch ganz Europa kutschieren zu lassen, und zwar mit dem klimaschädlichen Diesel aus arabischen Autokratien im Tank?

Noch einmal: Es geht nicht darum, Putins Verantwortung zu relativieren. Es geht auch nicht darum, globale ökonomische Kooperation oder (freiwillige) Arbeitsmigration pauschal zu verteufeln. Es geht sehr wohl darum, aufmerksam zu sein für die Risse und Risiken in den Netzwerken einer Globalisierung, die vor allem auf Kostensenkung und Profit um fast jeden Preis ausgerichtet ist. Auch das lehrt uns spätestens dieser Krieg.

Die Serie

FR-Autor Stephan Hebel kommentiert an dieser Stelle alle 14 Tage aktuelle politische Ereignisse. Wenn Sie Kritik, Lob oder Themenhinweise haben, schreiben Sie an stephan.hebel@fr.de Bitte merken Sie dabei auch an, ob Sie mit einer Veröffentlichung einverstanden wären.

Live erleben können Sie den Autor bei der Diskussionsrunde „Ein Raum für die Demokratie? Wie weiter mit der Paulskirche?“ am 26. April im Haus am Dom, Domplatz 3, Frankfurt. Beginn 19.30 Uhr, Platzreservierung unter hausamdom-frankfurt.de

2 Im Berliner Kanzleramt sitzt ein „Zauderer“. So hat ihn Marie-Agnes Strack-Zimmermann von der Koalitionspartei FDP tituliert, mit kaum verhohlener Zustimmung von Grünen und selbst aus Scholz’ eigener Partei, der SPD. Es geht um die Lieferung von noch mehr und schwereren Waffen an die Ukraine, aber der Regierungschef tut, was er am liebsten tut: seine Absichten und Haltungen hinter eisernem Schweigen oder undurchsichtigen Wortnebel-Schwaden verbergen. Entsprechend ärmlich sieht das Bild aus, das die Ampel-Regierung abgibt.

Hebel meint: Sollte der Kanzler sich in einem Prozess des Abwägens befinden, dann wäre daran nichts auszusetzen. Er trägt schließlich noch mehr Verantwortung als Bundestagsabgeordnete, die in berechtigter Furcht vor den Folgen einer ukrainischen Niederlage die schnelle Lieferung auch schweren Geräts verlangen. Scholz tut gut daran, auch die Stimmen zu hören, die durch massive Unterstützung der Ukraine mit Waffen eher eine zusätzliche Eskalation befürchten.

In dieser Situation zu entscheiden, ist in der Tat extrem schwer, politisch, militärisch und moralisch. Aber das Problem mit Olaf Scholz ist: Wir wissen nicht, ob und wie er mit dem Thema ringt. Er sagt es uns, den Bürgerinnen und Bürgern, nicht. Er wirkt, als wäre er an einer öffentlichen Abwägung solch existenzieller Fragen nicht interessiert. Als wollte er sich an einer solch öffentlichen Debatte erst recht nicht beteiligen – obwohl diese auch nicht mehr Zeit erfordern müsste als die Phasen seines Schweigens.

Nur einmal, drei Tage nach Putins Überfall auf die Ukraine, ist der Kanzler von sich aus in die öffentliche Arena gegangen. Dann allerdings mit einem 100-Milliarden-Rüstungsprogramm, das er mehr oder weniger im Hinterzimmer mit ein paar Getreuen erdacht hatte und als faktisch vollendete Tatsache präsentierte.

Hat Scholz etwa daraus gelernt? Will er nicht wieder überstürzt die militärische Karte ziehen – auch wenn das Kriegsgeschehen zur Eile drängt? Sollte es so sein, dann wäre es höchste Zeit, es uns und den Partner-Parteien in der eigenen Regierung mal zu sagen und sich den Diskussionen zu stellen. So etwas tut Entscheidungsprozessen immer ganz gut, besonders in einer Demokratie.

3 Zum Schluss will ich wieder kurz auf Hinweise und Einwände von Leserinnen und Lesern antworten – mit einem Dankeschön sowohl für zustimmende als auch für kritische Stimmen. Dr. Thomas Bernstein aus Leipzig hat sich an folgender Passage in meinem Text vom 6. April gestört: „Ja, wir haben uns in Putin geirrt. Das gilt für einen Politiker wie (den SPD-Vertreter Wolfgang, Anm. d. R.) Thierse, der Willy Brandts Entspannungspolitik aus den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ,nach wie vor für eine Erfolgsgeschichte‘ hält.“ Dazu Leser Bernstein: „Was ich an Ihrem Text für eine flagrante Fehleinschätzung halte, ist, dass Sie offensichtlich die Brandtsche Ostpolitik der 1970er, insbesondere gegenüber der UdSSR, so en passant in Frage stellen.“

Lieber Herr Bernstein, wie ich Ihnen schon persönlich schrieb: Es ist mein Fehler, dass dieser Eindruck zunächst entstehen konnte. Ich hätte schreiben müssen: „Das gilt für einen Politiker wie Thierse, obwohl er Willy Brandts Entspannungspolitik ,nach wie vor für eine Erfolgsgeschichte‘ hält.“

Auch ich bin nach wie vor überzeugt, dass Brandts Entspannungspolitik einen entscheidenden Beitrag zur friedlichen Entwicklung in Europa bis hin zur Wende von 1989 geleistet hat. Und ich würde mich keineswegs so eindeutig von den Grundideen dieser Politik verabschieden, wie Thierse es tut, wenn er eine lange Zeit der Konfrontation mit Russland voraussagt.

Ich stimme dem SPD-Veteranen zu, dass „Entspannung“ mit Putin im Moment nicht geht, denn er ist (noch) unberechenbarer und irrationaler als die damaligen kommunistischen Regime. Aber ich denke – und da stimmen Sie, Herr Bernstein, mir wahrscheinlich zu – dass wir auch jetzt schon nach Ansatzpunkten für eine künftige Verständigung suchen müssen. Eindeutige Gegenwehr gegen den Aggressor steht diesem entspannungsorientierten Denken meines Erachtens keineswegs entgegen. Die Kunst bestünde darin, sich der notwendigen Konfrontation zu stellen, ohne die Idee des friedlichen Zusammenlebens aus den Augen zu verlieren.

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