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Krieg gegen das Klima

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Von: Steven Geyer

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Russland verbrennt Gas in der Nähe der Verdichtungsstation Nord Stream 1, aufgenommen von einem Luftüberwachturm ist Osten Finnlands aus.
Russland verbrennt Gas in der Nähe der Verdichtungsstation Nord Stream 1, aufgenommen von einem Luftüberwachturm ist Osten Finnlands aus. © Heikki Saukkomaa/dpa

Am Anfang des Kriegs überwogen Empörung und Wunschdenken. Inzwischen hat sich die Hoffnung erledigt, dass die erzwungene Energiepolitik den Umstieg auf klimafreundliche Technologie rapide befördern würde. Der Kommentar.

Die Tage werden kürzer, die Kämpfe in der Ukraine immer länger, und Deutschland erlebt gerade den Wechsel vom Wunsch zur Wirklichkeit. Als die russischen Truppen frisch ins Nachbarland eingefallen und die Folgen für die Bundesrepublik noch nicht recht absehbar waren, da überwogen hierzulande noch Empörung und Wunschdenken.

CDU-Chef Friedrich Merz etwa forderte kurz nach Kriegsbeginn, neben „Nord Stream 2“ auch die Pipeline „Nord Stream 1“ zu boykottieren: Diese „neue Qualität in den Sanktionen“ sei angesichts der Kriegsverbrechen nötig, selbst wenn so die Gasversorgung in Deutschland eingeschränkt würde. Einige Fachleute erklärten, der Krieg könne womöglich die Energiewende beschleunigen, weil ohne russisches Gas der Druck steige, den Umstieg von fossilen auf erneuerbare und heimische Energien zu forcieren. FDP-Chef Christian Lindner sprach von „Freiheitsenergien“.

Inzwischen hat die Realität den Traum überholt, vom russischen Gas schnell loszukommen. Die Idee, der Klimaschutz könne profitieren, wirkt naiv: In einer Demokratie kann die Politik es nicht durchhalten, für den Schutz des Klimas von morgen die Versorgungssicherheit mit Strom, Wärme und Brennstoff von heute auszusetzen. Ausgerechnet der grüne Klimaschutzminister Habeck muss deshalb die schlimmsten CO2-Schleudern, die Kohlekraftwerke, laufen lassen.

Auch seine Energiesparverordnungen wären in Friedenszeiten der Traum von Klimaschützer:innen gewesen, lösen heute aber Wut aus in überforderten Haushalten und Firmen, die sich gar nicht erst leisten können, was sie sparen sollen. Der CO2-Effekt wird aufgefressen von zusätzlicher Kohle und neuem Flüssiggas – ganz zu schweigen vom Erdgas, das Putin abfackeln lässt. Selbst der Windkraft-, Wärmepumpen- und Solar-Turbo ist fraglich, weil die Fachkräfte fehlen und die Rohstoffe aus China kommen, dessen Verhältnis zum Westen sich ebenfalls rapide abkühlt.

Das wirft Schatten auf die UN-Klimakonferenz im November in Ägypten, die einst den Ausstieg aus Kohle, Gas und Öl umsetzen sollte. Im letzten halben Jahr haben neben Russland auch CO2-Sünder wie China und Indien offen gezeigt, dass sie keinerlei Druck mehr für derlei Beschlüsse verspüren.

Das beweist: Klimaschutz lebt nicht von Zufallseffekten wie dem Wirtschaftsstillstand während der Corona-Pandemie, sondern von echtem Handlungsdruck. Der entsteht entweder aus öffentlicher Aufmerksamkeit, der die Politik zum Handeln zwingt. Aber auch ökonomischer Zwang kann Druck erzeugen: Wenn Unternehmen wegen hoher Gaspreise umrüsten auf CO2-arme Technik, hat das langfristige Wirkung. Dafür reicht ein halbes Kriegsjahr nicht. Aber wenn jetzt die Weichen neu gestellt werden, ist das vielleicht doch ein Anfang.

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