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Bei verschiedenen Diensten im Internet kann man überprüfen, ob man von einem Datenklau betroffen ist.

Datenklau

Das Kreuz mit den Passwörtern

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Sichere Passwörter wären eine gute Sache, wenn man sie sich nur merken könnte. Kann man aber nicht. Hilft nur noch die Rückkehr zur virenresistenten Schreibmaschine. Oder doch nicht?

Seit einer Woche wird es wie ein Mantra in allen Medien heruntergebetet: Der beste Schutz gegen digitalen Datenklau, empfehlen die IT-Experten, sei ein sicheres Passwort. Eines, das kompliziert genug ist, um Hacker auflaufen zu lassen. Ich verfahre derart schon seit Jahren, denke mir ungewöhnliche Wort-Zahlen-Kombinationen aus, greife auf seltene Begriffe zurück, verdrehe Groß- und Kleinschreibung – allerdings mit zweifelhaftem Erfolg. Immer wieder komme ich beim besten Willen selber nicht mehr darauf, was ich mir da ausgeheckt habe, wenn ich mich in einen der zahlreichen Dienste, die man online benutzt, einloggen will.

Zwei, drei Codes kann man sich mit ein bisschen Anstrengung ja noch merken. Aber wer viel im Internet unterwegs ist, braucht mehr: Nicht nur ein Passwort zum Laptop-Start und Öffnen des E-Mail-Accounts, sondern auch je eines für Facebook, Twitter, Dropbox, Bahncard, Online-Banking, I-cloud, I-tunes, das Zeitunglesen im E-Paper-Format, den Online-Sprachkurs und so weiter und so fort. Oft genug passiert es, dass mir mein eigener Nutzername und/oder das zugehörige Geheimwort partout nicht einfällt und ein neuer Zugangscode angefordert werden muss.

Für Schussel wie mich sollte eigentlich die digitale Schlüsselbundverwaltung genau das Richtige sein. Nur hat das angeblich weltbeste und dazu kostenlose Antivirenprogramm, das ich ebenfalls heruntergeladen hatte, sie leider blockiert. Dafür poppt jetzt auf dem Bildschirm penetrant Werbung für ein Bezahlmodell zum nun wirklich sichersten Rundumschutz aller Zeiten auf, die schwer nach Malware aussieht.

Abstinenzler Robert Habeck 

Manchmal ist eben der Finger, mit der Entscheidung, ein verlockendes Angebot anzuklicken, schneller als das Hirn. Aber machen Sie das mal einem Elfjährigen klar, der neulich über die familiäre Whatsapp-Gruppe einen digitalen Kettenbrief verschickte. Unbedingt müssten wir den an alle unsere Kontakte weiterleiten. Dann bekomme er hundert Euro Guthaben aufs Handy, andernfalls würde unser Konto gesperrt. Meine Warnung, dahinter stecke vermutlich Datenmissbrauch in betrügerischer Absicht, ging dem Jungen nicht in den Kopf. „Ein Versuch kostet uns doch nichts“, hielt er entgegen.

Andererseits mehren sich im Bekanntenkreis die Abstinenzler, die weder Facebook noch Twitter anrühren und in Robert Habeck nun einen prominenten Fürsprecher haben. Selbst die klassische mechanische Schreibmaschine soll wieder im Kommen sein. Weil ein darauf getippter Brief beste Gewähr gegen Spähattacken biete und zudem virenresistent sei. Klingt vorgestrig, scheint aber in gewissen New Yorker und Berliner Zirkeln der neueste Schrei zu sein. In Kreuzberger Cafés sind jedenfalls Trendsetter, die auf einer Reiseschreibmaschine herumhämmern, bereits vereinzelt anzutreffen.

Für mich wäre das nichts, wieder mit Tipp-ex zu arbeiten statt mit den Computertools „cut and paste“. Lieber schlage ich mich mit Passwörtern rum, als auf Streifzüge in den unendlichen Weiten des Internets zu verzichten. Den Freundesrat allerdings, E-Mails nur verschlüsselt über Posteo zu versenden, den alternativen Anbieter aus Berlin, der das Briefgeheimnis hüte wie einst die gute alte Post, werde ich künftig nicht mehr belächeln. Die Posteo-Nutzergemeinde dürfte nach dem jüngsten Datenskandal um einen hessischen Stubenhocker, der vom Hotel Mama aus reihenweise Codes von Politikern und Prominenten knackte, weiterwachsen. Ich bin dabei.

Inge Günther ist Autorin.

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