Leitartikel

Die Coronakrise legt die Schwächen unserer Kliniken schonungslos offen

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Deutschland ist auf die Corona-Pandemie besser vorbereitet als andere Länder. Doch die Krise deckt Schwächen im Gesundheitssystem schonungslos auf. Der Leitartikel.

Sie sind diejenigen, auf die es in den nächsten Tagen, Wochen und womöglich Monaten ankommen wird: Pflegerinnen und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte sowie alle anderen, die Deutschlands Kliniken in der Corona-Krise am Laufen halten. Diese Helden der Gegenwart werden an ihre Grenzen und darüber hinausgehen müssen.

Bilder aus Italien mit abgekämpften Ärzten, deren Gesichter von Schutzbrillen und Masken wundgescheuert wurden, vermitteln eine Ahnung davon, was medizinisches Personal in diesen Tagen leistet. Ihnen applaudieren viele auch hierzulande bei abendlichen Balkon-Klatschkonzerten. Bislang heißt es, dass hiesige Krankenhäuser auf die Corona-Krise besser vorbereitet sind als es die in Wuhan, in Bergamo, Madrid oder New York waren. Hoffen wir, dass das stimmt. Die Stunde der Wahrheit rückt näher.

Mit dem starken Anstieg der Infektionszahlen, den die Republik seit einger Zeit erlebt, nimmt auch die Zahl der Covid-19-Patienten mit schweren Verläufen rasch zu. Viele von ihnen müssen auf Intensivstationen behandelt werden. Noch sind die Fallzahlen beherrschbar. Die entscheidende Frage wird sein, ob und in welchem Ausmaß die vor gut einer Woche eingeleitete Vollbremsung bei den Sozialkontakten wirkt – in Form von weniger Infektionen, weniger Erkrankungen und weniger schweren Verläufen.

Um ein Gespür für Dimensionen zu bekommen, lohnt ein genauerer Blick auf die Zahlen der Interdisziplinären Vereinigung für Notfall- und Intensivmedizin. Sie vermitteln ein Gefühl dafür, wo wir gerade stehen.

Es sind Daten aus ungefähr der Hälfte der Kliniken mit Intensivstationen. Dort wurden am Dienstagvormittag 613 Männer und Frauen behandelt, die in Folge einer Corona-Infektion erkrankt sind. Das entspricht etwa einem Zehntel der Intensivbettkapazitäten, die diese Krankenhäuser innerhalb von 24 Stunden schaffen könnten. Auch ein Gesundheitssystem, das international gelobt wird, kann überfordert werden.

Es war Gesundheitsminister Jens Spahn, der den Worst Case hier bei uns vor kurzem ausdrücklich nicht ausgeschlossen hat: dass Intensivbetten und Beatmungsgeräte nicht für alle reichen. Eine Entscheidung darüber, wer gerettet wird und wer nicht, wolle man unbedingt vermeiden, so Spahn. Nicht gerade beruhigend!

Die Krise legt schonungslos offen, was in der Vergangenheit schiefgelaufen ist. Die Krise lässt Versäumnisse sichtbar werden. Unsere Helden der Gegenwart, Mediziner und Pflegepersonal, werden in der großen Krise improvisieren müssen.

Weil die Pandemiepläne zu spät aus der Schublade geholt wurden. Weil nicht genügend Fachkräfte da sind. Weil es nicht nur an Schutzmaterial fehlt. Weil Schulungen in Krankenhäusern ausfielen, da diese bis zuletzt nicht auf planbare Operationen verzichten wollten. Nicht verzichten konnten, würden die Klinikchefs argumentieren.

Hier zeigt sich die Perversion eines durchökonomisierten, in Teilen dysfunktionalen Systems. Auch unsere Krankenhäuser sind krank. Krank gemacht haben sie ökonomische Fehlanreize. Über Therapien und Operationen wird längst nicht allein nach medizinischem Nutzen entschieden, sondern auch danach, wie lukrativ sie sind. Über Jahre hinweg sind die Länder ihrer Verantwortung, in die Krankenhäuser zu investieren, nicht oder nicht vollständig nachkommen.

Im vergangenen Sommer hat eine Studie für Schlagzeilen gesorgt, der zufolge rund die Hälfte aller Krankenhäuser zwischen Flensburg und Garmisch verzichtbar wären. Nie in der Geschichte der Bundesrepublik waren Kliniken wichtiger als heute. Verzichtbar allerdings sind Krankenhäuser, die sich einen ruinösen Wettbewerb liefern und nicht alle Kräfte für die Grundversorgung mobilisieren, auch für die mit Intensivmedizin.

Wenn es darum geht, insbesondere das stark belastete Pflegepersonal besser zu bezahlen und die Arbeitsbedingungen zu verbessern, ist es in der Vergangenheit meist nur bei Sonntagsreden geblieben. Als Gesundheitsminister Spahn vor einiger Zeit Mindestpersonalvorgaben für Intensivstationen machte, war die Folge, dass mehr als ein Drittel der Krankenhäuser Betten vorübergehend stilllegten. Schlicht und einfach, weil es nicht genügend Fachkräfte gab.

Dass der gleiche Minister gezwungen war, angesichts des bevorstehenden Höhepunkts der Corona-Epidemie genau diese Personaluntergrenzen wieder aufzuheben, zeigt die Dimension der Misere und des Mangels in den Krankenhäusern. Sobald diese Krise ausgestanden ist, braucht Deutschland eine große Klinikreform. 

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