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Leitartikel zu 40 Jahren Kniefall von Warschau

Die Kraft der Demut

  • Thomas Kröter
    VonThomas Kröter
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Eine symbolische Geste steht bis heute für die Anerkennung deutscher Schuld. Willy Brandts Kniefall von Warschau besiegelte die neue Ostpolitik. Seine Größe erschloss sich vielen erst später.

Er war ein Redner, wirkungsmächtig wie in der jüngeren Nachkriegsgeschichte höchstens noch Richard von Weizsäcker. Doch in die Geschichte eingegangen ist Willy Brandt mit einer wortlosen Geste: dem Kniefall von Warschau. Am Mahnmal für die Toten und Geschundenen des jüdischen Ghettos in der polnischen Hauptstadt erwies der deutsche Bundeskanzler den Opfern der deutschen Verbrechen wider die Menschlichkeit die Ehre.

Die symbolische Anerkennung der Schuld – mehr ein Jahrzehnt, bevor Weizsäcker als Staatsoberhaupt seine wiederum historische Rede hielt, in der er die Schuld anerkannte und die Niederlage im Zweiten Weltkrieg als Befreiung bezeichnete. Mit einem Blitzbesuch in Polen erinnert Christian Wulff, der heutige Bundespräsident, an diesen Tag und macht eine Kontinuität deutlich, die vor vierzig Jahren wenig wahrscheinlich schien.

Fast die Hälfte der Bundesbürger fand 1970 Brandts Kniefalls übertrieben. CDU und CSU lehnten seine Ostpolitik ab, für die er ein Jahr später den Friedensnobelpreis erhalten sollte. Die Presse der DDR erwähnte die Geste nicht. Doch der Kanzler fügte in Warschau zusammen, was zusammengehört: die – zunächst vorsichtige – Anerkennung der polnischen Westgrenze. Und das Eingeständnis, dass der Verlust der einst deutschen Ostgebiete mit jenen Verbrechen der Deutschen begann, für die Brandt Trauer und Scham bekundete.

Wenig illustriert den Zusammenhang besser als das Schicksal des Mannes, dessen Namenszug neben dem Brandts unter dem Vertrag von Warschau steht: Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz überlebte das KZ Auschwitz. Wie die meisten Vernichtungslager befand es sich in dem Territorium, das die Deutschen in ihrem Angriffskrieg erobert hatten.

Konrad Adenauer hat den langen Weg der „Vergangenheitsbewältigung“ 1952 mit einem Abkommen über die materielle „Wiedergutmachung“ gegenüber Israel und den Juden begonnen. Die Westintegration in die Europäische Gemeinschaft und Nato waren weitere Schritte. Doch gegenüber den Ländern im Osten stockte diese Politik. Kalter Krieg und territoriale Ansprüche der Bundesrepublik verhinderten eine Entspannung. Bis Brandt kam. Innenpolitisch wurde der Sozialdemokrat zum Teil scharf bekämpft und verleumdet, weil er als Emigrant sein Vaterland angeblich verraten habe. Umso bemerkenswerter seine Demutsbezeugung, für die er persönlich weit weniger Anlass hatte als die meisten seiner Landsleute.

"Deutsche Klassik in der Politik"

Diplomatisch war der Besuch in Warschau wohl vorbereitet. Zuvor hatte der Kanzler den Moskauer Vertrag als ersten Baustein der neuen Politik unterzeichnet. Der Kniefall aber sei spontan gewesen, schreibt Brandt in seinen „Erinnerungen“. „Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“

Unter seinen Nachfolgern hatte nur Helmut Kohl ein annähernd ähnlich emotionales Verhältnis zur Geschichte. Die Machtpolitiker von Helmut Schmidt bis Angela Merkel vermögen Brandts Kniefall zu würdigen. Der Sinn für symbolträchtige Gesten dieser Dimension aber geht ihnen ab. Kohl wiederum hatte mäßig Glück bei seinem Versuch, in Brandts Fußstapfen zu treten. Eindrucksvoll, wie er mit François Mitterrand in Verdun der Toten des Ersten Weltkriegs gedachte. Aber es war der französische Präsident, der die Initiative ergriff, die Hand des Deutschen zu nehmen. Ein Desaster dagegen, als Kohl versuchte, mit US-Präsident Ronald Reagan einen Versöhnungsevent auf dem Soldatenfriedhof von Bitburg zu inszenieren; dort liegen auch Angehörige der Waffen-SS.

Da hat der bislang jüngste Bundespräsident auf Anhieb einen besseren Griff getan. Bei seinem ersten Staatsbesuch in Israel schwieg Christian Wulff – jedenfalls, was große Reden angeht. Aber er nahm seine 17-jährige Tochter mit: Die Erinnerung an die Schuld, die Einsicht in die Notwendigkeit der Versöhnung, sie werden überleben, auch wenn die letzten Opfer und Täter gestorben sind. Eine würdige Idee, sorgfältig geplant und inszeniert.

Umso mehr hebt sich die Kraft und Einmaligkeit jenes Kniefalls hervor, über den Brandt sagte, er habe schlicht empfunden, dass es nicht reiche, den Kopf zu neigen. „Der König hat geweint“, steht in Friedrich Schillers „Don Carlos“. Über den demokratischen Staatsmann Willy Brandt heiße es: „Der Kanzler hat gekniet“, schreibt der in Israel geborene deutsche Historiker Michael Wolffsohn. „Das ist deutsche Klassik in der Politik.“

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