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Kontinuität im Wandel

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Zum 50. Jubiläum des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung – eine Rede, die nicht gehalten werden durfte.Von Erhard Eppler

Herr Bundespräsident!Herr Altbundespräsident!Meine Damen und Herren!

Die 50 Jahre dieses Ministeriums stehen für ein halbes Jahrhundert des Engagements tüchtiger Beamter beiderlei Geschlechts. Sie stehen für den Existenzkampf eines Ministeriums, das sich von Anfang an von größeren, mächtigeren Ministerien umgeben und oft auch angefochten sah, zumal diese Ministerien seit 1956 schon so etwas wie Entwicklungshilfe geleistet hatten und nicht bereit waren, ihre Zuständigkeiten an das neue Ministerium abzugeben. Sie, Herr Altbundespräsident Scheel, können ein Lied davon singen, und dieses Lied war nicht ausgesungen, als ich 1968 das Ministerium von Ihrem Nachfolger Hans-Jürgen Wischnewski übernahm.

Jedenfalls erinnere ich mich noch mit leisem Grauen an die ersten vier Jahre meiner Amtszeit, in denen die Kämpfe um Kompetenzen viel Nerven gekostet haben, meine und die anderer – aber dann gab es endlich ein wirkliches Ministerium. Wer sich dem Ministerium und seiner Aufgabe verpflichtet sah, gehörte dazu, gleich welcher Partei er angehörte.

Sie, Herr Altbundespräsident, haben dem Ministerium für seine Arbeit die Kurzformel mitgegeben: „Hilfe zur Selbsthilfe“. Soweit ich dies beurteilen kann, haben sich alle Minister daran gehalten. In den frühen Siebzigerjahren waren sich die in der westlichen Welt Zuständigen, angeführt vom Weltbankpräsidenten Robert McNamara, einig: Uns ging es nicht um Wachstumsraten, sondern um die Grundbedürfnisse der Menschen. Und wenn ich heute höre, wie schwierig es ist, die Arbeit der verschiedenen Geberländer im Entwicklungsland zu bündeln, dann neige ich zu der steilen Behauptung: An diesem Brett haben wir schon vor vierzig Jahren gebohrt, und der Bohrer ist inzwischen nicht sehr viel weiter ins Brett eingedrungen.

Wir waren damals in allen wichtigen Fragen einig: Maßstab für unsere Arbeit war der Erfolg im Entwicklungsland. Unsere Etats – und der deutsche lag immer, bis heute unter einem Prozent unserer Exporte – sollten dazu dienen, Menschen zu helfen, sich selbst zu helfen. Wie das im einzelnen zu geschehen hatte, darüber gab es eine nie abreißende Diskussion, einen nie endenden Lernprozess. Aber eben weil jeder wusste, dass in ein paar Jahren vielleicht andere Schwerpunkte nötig sein konnten, baute jeder Minister auf dem auf, was sein Vorgänger – oder seine Vorgängerin – zuwege gebracht hatten. Das galt ganz unabhängig von der Parteizugehörigkeit. Und ich schließe dabei ausdrücklich die Minister ein, die der CSU angehörten. Kritik an Nachfolgern war tabu, auch wenn er – oder sie – etwas tat, was man selbst wohl nicht getan hätte.

Ich will hier nicht eingehen auf das, was in den letzten zwei Jahren verstoßen hat gegen das, was 48 Jahre lang gegolten hat. Ich will auch nicht fragen, was die tüchtigen und engagierten Mitarbeiter dieses Ministeriums denken und fühlen müssen, wenn man ihnen sagt, das Ministerium, für das sie seit Jahrzehnten schuften, gebe es gar nicht mehr.

Gäbe es wirklich ein neues, ganz anderes Ministerium, so hätten wir heute nichts zu feiern, denn es wäre keine fünfzig Jahre alt. Wenn es heute etwas zu feiern gibt, dann die verlässliche Kontinuität einer Arbeit, die 1961 begann, eine Arbeit von gewissenhaften, aber auch einfallsreichen, kreativen Frauen und Männern, Angestellten und Beamten, die sich nicht geschont haben, wenn es darum ging, den Menschen im Süden dieser Erde neue Lebenschancen zu verschaffen. Das BMZ hat sich zu keinem Zeitpunkt als Welt-Sozialamt verstanden. Aber in diesem Ministerium wurde immer global gedacht. Alle wussten, dass dieses Europa, das wir bauen wollten, keine Insel in einem Meer von Elend sein konnte.

Natürlich ändern sich Methoden und Schwerpunkte der Zusammenarbeit. Auch ich würde heute manches anders machen als vor 40 Jahren. Damals hatten wir noch nicht mit zerfallenden Staaten zu tun, und von einer dezentralen Stromversorgung durch erneuerbare Energien haben wir noch nicht einmal geträumt. Politische Arbeit steht immer in der Spannung zwischen Kontinuität und Wandel. Dauerhafte Leistung entsteht meist da, wo Politiker ihre Grenzen kennen und respektieren, wo sie Bescheid wissen und also bescheiden werden.

Ich wünsche diesem Ministerium nicht, dass es noch einmal 50 Jahre alt wird. Ich wünsche ihm und uns allen, dass es vorher überflüssig wird. Aber wenn es einmal seine Arbeit getan hat, hoffe ich, dass die Historiker nicht von plötzlichen Brüchen zu berichten haben, von Kehrtwendungen, die dann neue Kehrtwendungen zur Folge haben, sondern von respektvoller Kontinuität im unvermeidlichen Wandel, vor allem aber von einer großen Anstrengung der deutschen Demokratie und ihrer Parteien, mitzuarbeiten an einer Welt, in der alle Menschen die Chance haben, ihr Brot, ihren Reis oder ihre Hirse für sich und ihre Kinder zu verdienen, für Kinder, die lesen und schreiben lernen, aber auch unbeschwert singen, musizieren, spielen und lachen können.

Erhard Eppler (SPD) war 1968 bis 1974 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

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