+
Die Abwrackprämie wurde den Konsumenten ironischerweise als "Umweltprämie" verkauft.

Gastbeitrag

Der Konsument als pathologischer Käufer

Statt mit immer neuen Schulden die Scherben des Wachstumsmodells zusammenzukehren, braucht es neue Ideen. Wir alle sind Entscheidungsträger und müssen uns fragen, wie ein erfülltes Leben jenseits der Warenwelt möglich ist. Der Gastbeitrag.

Von Klaus Euler

Die Politik hat ein fragwürdiges Beispiel gegeben: Um das Wachstum in Deutschland anzukurbeln, führte die Bundesregierung 2009 eine Prämie ein, um Autobesitzer dazu zu bewegen, ihren alten Wagen zu verschrotten und einen neuen zu kaufen. Der Name dieser Maßnahme lässt sich kaum anders als ironisch lesen: Umweltprämie. Mit der Begründung, durch den Umstieg auf moderne Pkw die Schadstoffbelastung verringern zu wollen, wurden mehr als 1,7 Millionen Menschen dazu motiviert, ihre zumeist funktionierenden Fahrzeuge zu verschrotten und neue zu kaufen.

Die Aktion führt vor Augen, welche Bedeutung dem sinnentleerten Konsum in unserer Gesellschaft zukommt, um das Trugbild vom unendlichen Wachstum am Leben zu erhalten. Der Mensch wird offiziell zum Verbraucher erklärt und ihm wird – wie etwa im Fall der Abwrackprämie – eingeredet, dass diese Aufgabe sowohl aus ökologischer als auch aus sozialer, den Lebensstandard erhaltender Sicht elementar wichtig sei. Und leider nimmt er sie allzu häufig an, ohne für sich einen eigenen Wert zu schaffen. „So mutiert der Konsument zum pathologischen Käufer, der vieles, was er anschafft, gar nicht mehr konsumiert, sondern der als Zwischenstation fungiert, als Humandepot zwischen Herstellung und Entsorgung“, meint dazu der Soziologe Harald Welzer im „FuturZwei Zukunftsalmanach 2015/16“.

Zwei Drittel aller Lebensmittel landen hierzulande im Müll. Zum einen, weil durch die Überproduktion gar nicht alles verkauft wird. Zum anderen, weil wir aufgrund der jederzeit gefüllten Regale jeglichen Bezug zur Herkunft unserer Nahrung verloren haben und vieles einfach kaufen, schlussendlich aber gar nicht verbrauchen. In kurzen Abständen kommen neue Handymodelle auf den Markt, die sich durch minimale Neuerungen auszeichnen. Die bei der Herstellung verbrauchten Mengen an Rohstoffen und Energie sowie die Müllberge, auf denen die Altgeräte landen, werden ausgeblendet und sind nur Randerscheinungen.

Tiefe Narben in unserem Planeten

Doch die Folgen des beschleunigten Konsums verursachen tiefe Narben in unserem Planeten. Der „Earth Overshoot Day“, der Tag, bis zu dem so viele natürliche Ressourcen verbraucht werden, wie die Erde in einem Jahr produziert, lag in diesem Jahr auf dem 13. August. Das heißt; Viereinhalb Monate vor Ende des Jahres haben wir den Ressourcen-Vorrat aufgebraucht. „Der Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und die Veränderung der Umwelt hat die Kapazität des Planeten derart überschritten, dass der gegenwärtige Lebensstil nur in Katastrophen enden kann“, schreibt Papst Franziskus I., der im Mai dieses Jahres als erster Papst diesem Problem eine Enzyklika widmete.

Unter den Katastrophen und deren Folgen leiden vor allem die Ärmsten der Armen. Die aktuelle Flüchtlingssituation führt uns täglich vor Augen, welche Schäden unser Überkonsum anrichtet.

„Es ist an der Zeit, Verzicht nicht als Einschränkung und Unbequemlichkeit zu deuten, sondern als Chance, als Möglichkeit, Neugier und Kreativität zu wecken. Wir müssen üben, mit weniger auszukommen, weniger zu verbrauchen und darin unsere Lebensqualität zu erhöhen“, schrieb der Psychologe Wolfgang Schmidbauer bereits vor drei Jahren. An Aktualität hat dieser Aufruf nichts verloren, an Dringlichkeit sogar zugenommen. Denn anstatt Mäßigung zu etablieren, setzt die Politik weiterhin auf ein Mehr.

Doch eine Lösung für das Dilemma, einerseits ökologische Verantwortung übernehmen und andererseits ökonomisches Wachstum erzeugen zu müssen, ist das nicht. Hilflose Maßnahmen, wie die genannte Abwrackprämie, beschränken sich auf wirtschaftliche Interessen. Von Nachhaltigkeit kann nicht die Rede sein, wenn Wachstum mit dem Geld künftiger Generationen erkauft wird, sich die Staatsschulden türmen und damit nur Schäden repariert statt Werte geschaffen werden.

Die derzeitige Situation in der Europäischen Union, die ihren dramatischen Höhepunkt in der Griechenlandkrise gefunden hat, spricht Bände. Wer bei wem wie viel Schulden hat und wie diese tatsächlich abgezahlt werden können, spielt schon lange keine Rolle mehr. Stattdessen bereitet die Europäische Zentralbank mit ihrer Geldflutpolitik die nächste Krise vor.

„Wir fahren vor die Wand, und keiner erforscht den Bremsweg.“ So beschreibt die Journalistin Ulrike Herrmann das Fehlen von Ideen für eine Alternative zum Turbokapitalismus. Anstatt mehr Kraft zu investieren in einen grundsätzlichen Wandel hin zu einer bedarfsorientierten Wirtschaft, begnügen sich die politischen Entscheidungsträger mit dem Zusammenkehren der Scherben. Was fehlt, ist der Mut, sich offen und konstruktiv mit der Frage auseinanderzusetzen, wie ein „gutes Leben“ zwischen tatsächlichen materiellen Bedürfnissen und kreativem Müßiggang aussehen kann. Darüber müssen wir diskutieren – öffentlich. Und die Politik muss sich ihrer ureigensten Aufgabe widmen: die Interessen des Einzelnen zu einem gesamtgesellschaftlichen Interesse zu bündeln und in seinem Sinne zu handeln.

Doch wir alle sind Entscheidungsträger – in unserem eigenen Leben. Wir alle müssen uns fragen, wie ein erfülltes Leben jenseits der Warenwelt möglich ist. Jeder kann Gewohnheiten ändern, das eigene Kaufverhalten hinterfragen und verantwortungsvoller ausrichten. Nur so können wir uns von den Zwängen des Konsums befreien, uns Zeit für unsere Mitmenschen nehmen und eigene kreative Gedanken in den Vordergrund rücken. Der Wunsch nach dem Weniger wird uns erfüllen.

Klaus Euler ist Vorstandsvorsitzender der Ethikbank.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare