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Konfuse Prognosen

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Von: Rudolf Hickel

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Der Krieg in der Ukraine – hier ein aktuelles Bild aus Odessa – zerstört nicht nur die ukrainische Wirtschaft. Sie hat weltweit Auswirkungen wie Preissteigerungen, demolierte Lieferketten, Produktionseinbrüche, Verluste an Arbeitsplätzen sowie Folgekosten für Flucht und Vertreibung.
Der Krieg in der Ukraine – hier ein aktuelles Bild aus Odessa – zerstört nicht nur die ukrainische Wirtschaft. Sie hat weltweit Auswirkungen wie Preissteigerungen, demolierte Lieferketten, Produktionseinbrüche, Verluste an Arbeitsplätzen sowie Folgekosten für Flucht und Vertreibung. © Petros Giannakouris/dpa

Die Wissenschaft kann die Folgen von Putins Krieg nicht beziffern, weil ein Risikorating im Vergleich des Für und Widers fehlt. Der Gastbeitrag.

Der Bundeskanzler hat nach Russlands Angriffskrieg in der Ukraine nicht nur für die künftige Sicherheits- und Friedenspolitik die große „Zeitenwende“ angekündigt. Der Schwur auf die ökonomische Internationalisierung der Staaten Europas, die wegen der wechselseitigen Vorteile und Abhängigkeiten militärische Konflikte vermeiden, ist geplatzt.

Damit kommt dem Pazifismus sein ökonomischer Optimismus abhanden: Norman Angell, der Friedensnobelpreisträger von 1933, liegt mit seiner Bibel für den ökonomisch begründeten Pazifismus von 1909 unter dem Titel „The Great Illusion – A Study of the Relation of Military Power to National Advantage“ daneben. Insgesamt verliert die Hyper-Globalisierung durch den Freihandel ihre sicherheitspolitische Naivität.

Diese durch Putins Krieg erzwungene Zeitwende verändert auch die hiesige Wirtschaft fundamental. Bisher nicht gekannte Preissteigerungen, demolierte Lieferketten, Produktionseinbrüche, Verluste an Arbeitsplätzen sowie Folgekosten der Flucht und Vertreibung rücken ins Zentrum.

Da ist Rat der Ökonominnen und Ökonomen dringlich. Die Bewertung der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Auswirkungen der Sanktionspolitik steht im Mittelpunkt. Die Ökonomenzunft liefert ziemlich konfuse Ergebnisse. Ein Risikorating im Vergleich des Für und Widers gibt es nicht. Hier zeigt sich, die Folgen des russischen Angriffskrieges lassen sich nicht als exogener Schock, dessen Dauer unbekannt ist, mit marktoptimistischen Makromodellen verarbeiten.

Hat Kanzler Olaf Scholz mit seiner klaren Kritik bei „Anne Will“ recht, wenn er sagt: Diese Wirtschaftswissenschaft kann nur „mathematische Modelle zusammenrechnen, die dann nicht funktionieren“? Bitterer Beleg für diese regierungsoffizielle Skepsis ist die große Spanne der Prognosen zu den Wachstumsverlusten.

Was soll die Politik mit einer Bandbreite zum drohenden Rückgang des Bruttoinlandsprodukts beim Lieferstopp von 0,5 Prozent bis über sechs Prozent anfangen? Dabei irritiert vor allem der optimistische Wachstumsverlust mit nur 0,5 Prozent in der Expertise von „Econtribute“, dem Excellenzcluster der Universitäten Bonn und Köln.

Gegen dieses Szenario sprechen die optimistischen Annahmen über die schnelle, preisgetriebene Substitution der fossilen Energie durch Alternativen und das überschätzte Einsparpotenzial. Der Bundesminister für Wirtschaft und Klima sucht vergeblich nach machbaren Vorschlägen zur Substitution und zum Einsparen.

Anerkennung verdient das Institut für Makroökonomie und Strukturforschung (IMK) für den Nachweis der Grenzen derartiger Modelle: Steigen die Preise so hoch, dass russisches Gas nicht mehr nachgefragt wird, kann „das Modell keine stabilen Zahlen mehr produzieren“. Grundsätzlich müssen die Makromodelle auf einer engmaschig interdependenten Wirtschaft aufgebaut werden. Nur so lassen sich die krisenverschärfenden Kaskadeneffekte einer Sanktionspolitik erkennen.

Darauf verweist etwa die chemische Industrie, die den Wegfall des Gases vom Ersteinsatz in der Produktion über das produzierende Gewerbe bis zum Endprodukt beim privaten Konsum erfasst. In die Prognosen zum Verlust an Wirtschaftskraft sollte auch der Preis für die gebremste ökologische Transformation bewertet werden. Zum bereits mit hohen Investitionssummen gestarteten Ausstieg aus CO2-Stahl durch den Einsatz von Wasserstoff wird Erdgas als Brückenenergie gebraucht.

Die beratende Ökonomenzunft liefert sicherlich erste Hinweise zu den wirtschaftlichen Konsequenzen der Zeitenwende. Für die Politik ist das Angebot je-doch zu abstrakt, zu unsicher. Sie muss auch die bittere Alternative berücksichtigen, wonach Putin sich von noch so harten Sanktionen nicht beeindrucken lässt. Damit findet das weitere Töten von Menschen kein sofortiges Ende.

Künftig wird die Wirtschaftskraft und soziale Stabilität in den sanktionierenden Staaten sowie für den Wiederaufbau der Ukraine gebraucht. Die Ratgeber aus der Wissenschaft müssen hier und heute unter hohem Risiko verantwortungsvoll handeln.

Ein Beispiel: An den Tankstellen zeigt sich beim Benzinpreis im Vergleich zum Rohölpreis, dass Spekulationen auf den Finanzmärkten mit der Marktmacht der Mineralölkonzerne preistreibend wirken. Während die vorherrschende Wirtschaftswissenschaft keinen Rat bietet, beauftragt Wirtschaftsminister Robert Habeck das Bundeskartellamt, diese Fehlentwicklung zu erkunden.

Es gibt weitere Defizite, die durch die Beratungsökonomik ohne ideologische Verkrampfungen zügig zu überwinden sind: die Bekämpfung der Inflation vorübergehend auch mit Preiskontrollen, die Einführung sozialer Ausgleichsmaßnahmen, Analyse hoher Inflation bei wirtschaftlichem Abschwung (Stagflation), die Rolle der derzeit machtlosen Geldpolitik sowie die aktive Finanzpolitik ohne Schuldenbremse.

Rudolf Hickel ist Forschungsleiter am Institut Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen.

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