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Eine Frau steht neben einer Hütte in einer von den Vereinten Nationen unterstützten Siedlung für Binnenflüchtlinge.
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Eine Frau steht neben einer Hütte in einer von den Vereinten Nationen unterstützten Siedlung für Binnenflüchtlinge.

Leitartikel

Terror-Hotspot Afrika: Konflikt oder Chance?

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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In der Sahelzone addieren sich die Krisen. Allein der Einsatz des Militärs wird sie nicht lösen. Der Leitartikel.

Das war kein guter Start ins neue Jahr – zumindest nicht in diesem Teil der Welt, dem Terror-Hotspot Afrikas. In der Sahelzone fing 2021 mit einer ganzen Serie tödlicher Zwischenfälle an: Im Niger brachten islamistische Extremisten beim blutigsten Überfall in der jüngeren Geschichte des westafrikanischen Landes mehr als einhundert Dorfbewohner um; in Mali sollen französische Soldaten bei einem versehentlichen Angriff auf eine Hochzeitsgesellschaft zwanzig Menschen getötet haben (was in Paris bestritten wird). Ebenfalls in Mali kamen bei zwei Hinterhalten fünf französische Soldaten um. Westliche Terrorbekämpfer:innen hatten gehofft, das vergangene Schreckensjahr werde auch in der Sahelzone von gnädigeren Zeiten abgelöst. Die Hoffnung stellt sich nun als eitel heraus.

Dabei ging schon das vergangene Jahr als eines der blutigsten in die Annalen der Halbwüstenregion ein. Mehr als 4000 Terroropfer hatten Burkina Faso, der Niger, Mali sowie der Tschad allein in den vergangenen zwölf Monaten zu beklagen. Zigtausenden von Soldat:innen aus aller Welt – darunter auch aus Deutschland und Frankreich – gelingt kein Sieg über den Terror. Der breitet sich stattdessen immer weiter über den Kontinent aus, hat sich längst auch in Nigeria und Somalia sowie inzwischen auch im Kongo und in Mosambik festgesetzt. „Wenn sich der Terrorismus in Afrika etablieren kann, dann wird er auch in Europa Fuß fassen“, ist Nigers scheidender Präsident, Mahamadou Issoufou, überzeugt.

Die „Barkhane-Mission“ sollte die Terrorgruppen zerschlagen

Vor genau einem Jahr war die Stimmung noch anders. Damals hatte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bei einem Gipfeltreffen mit seinen afrikanischen Amtskollegen eine weitere Aufstockung der französischen Truppen angekündigt. Gemeinsam mit den gut 14 000 Blauhelmen der UN-Mission „Minusma“ (der auch rund tausend Bundeswehrsoldat:innen angehören), den über 5000 Uniformierten einer Eingreiftruppe aus den Sahelstaaten, den Hunderten europäischen Militärausbildern sowie der europäischen Spezialeinheit „Takuba“ sollte den mehr als fünftausend Fremdenlegionären der französischen „Barkhane-Mission“ die Zerschlagung der zahlreichen Terrorgruppen gelingen. Doch ein Jahr später steht fest: Auch das militärische Potpourri wird die Aufgabe nicht meistern.

Das ist auch kein Wunder. Das Gebiet, das von dem Schutzmacht-Allerlei gesichert werden soll, ist größer als das Terrain der EU. Zudem sind die Minusma-Blauhelme vor allem mit ihrer eigenen Sicherheit beschäftigt. Mit über 200 Opfern ist sie die gefährlichste UN-Mission der Welt.

In Nigeria herrscht die Korruption

Frankreich verweist zwar auf die Erfolge beim „Ausschalten“, also dem Töten, einzelner Terrorführer. Doch deren Nachfolger wachsen wie die Dünen der Sahara nach. Auch die Truppenführung weiß, dass ein militärischer Sieg ausgeschlossen ist, solange die Krisen der Region nicht auch politisch aus dem Weg geräumt werden.

Doch diese sind dermaßen zahlreich und komplex, dass allein ihre Aufzählung schwindelig macht. Der Niger etwa gilt bei den UN als ärmstes Land der Welt und hat die höchste Geburtenrate dieses Planeten. Das Land grenzt im Osten an den Tschadsee, der infolge der Klimaerwärmung seit Jahren immer kleiner wird, und im Süden an den afrikanischen Riesenstaat Nigeria, dessen soziale und religiöse Verwerfungen eine der schonungslosesten Terrorgruppen – Boko Haram – hervorgebracht haben.

Johannes Dieterich

Nigeria ist auch ein Beispiel dafür, wie internationale Erdölfirmen ein bodenschatzreiches Land sowohl physisch als auch moralisch verschmutzen können. Die dortige Korruption hat den Staat wie ein giftiger Hefepilz zersetzt. Unter einem ähnlichen Phänomen leidet auch Mali: Dort wurde im vergangenen Jahr einmal mehr eine Regierung wegen Korruption und Ineffizienz aus dem Amt geputscht. Schlechte Regierungsführung, schwache staatliche Institutionen, importierte und hausgemachte Misswirtschaft sowie die aus der Überbeanspruchung und dem Klimawandel resultierende ökologische Verwahrlosung sind die Ursachen, die zu weiterer Verarmung und zur Entstehung extremistischer Gruppen führen. Afrikas Dschihadisten versprechen nicht nur ewiges Seelenheil, sondern ein Ende der irdischen Qualen. Wer dem Terror also den Nährboden nehmen will, muss auch die Qualen bekämpfen.

Afrika steht auf der Prioritätenliste ganz unten

Natürlich ist das auch in Washington, Paris und Berlin bekannt. Doch ob der Erkenntnis auch die nötige Entschlossenheit und Ausdauer folgen, steht auf einem anderen Blatt. Ein paar Tausend Soldat:innen in einen Krisenherd zu entsenden, um Einsatz zu markieren, ist wesentlich einfacher, als eine Krisenregion mit anhaltendem Engagement, konstruktiver Kritik und finanzieller Hilfe zu begleiten. Noch immer steht der seit seiner Ausplünderung durch die Kolonialnationen nicht auf die Beine gekommene Kontinent auf der europäischen – und deutschen – Prioritätenliste ganz unten. Ihm sind vor allem Kirchen- und Antiterrortage gewidmet. Dabei trat in Afrika Anfang des Jahres der größte Freihandelsraum der Welt in Kraft. Ob man den komplizierten Kontinent nur als Verpflichtung oder auch als Chance begreift, liegt an einem selbst.

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