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Donald Trump ist verrückt. Man muss sich nur seine Auftritte anschauen, und man sieht es.

Donald Trump

"Komplett verrückt"

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Ja, es ist verrückt, was wir mit US-Präsident Donald Trump erleben. Und nicht nur es, sondern auch er. Aber ist der neue US-Präsident der Erste seiner Art? Erinnert sich jemand an den Krieg im Irak? Der Leitartikel.

Donald Trump macht alles richtig. Er beschimpft die Presse. Er beschimpft Richter. Er beschimpft Abkommen, die sein Vorgänger unterzeichnet hat. Er sagt nicht, was Parteistrategen ihm zu sagen empfehlen, sondern er sagt, was ihm durch die Birne geht. Dafür wurde er gewählt. Nicht von einer Mehrheit der Bevölkerung, aber doch von mehr Wahlmännern und -frauen als Hillary Clinton.

Warum also aufhören damit? Seine Anhänger sind von ihm begeistert. Sie sind es, weil er so redet, wie er redet. Sie mögen auch die Art, wie er auftritt. Dieses Von-oben-herab, dieses So-tun-als-ob. Dieses Macho-Gehabe von Ich-habe-alles-im-Griff. An Faktenchecks sind sie nicht interessiert. Ebenso wenig wie Donald Trump. Sowie man diese Elle anlegt, kommt man zu Erkenntnissen, die erschreckend einfach sind. Shepard Smith zum Beispiel, der Moderator des konservativen und eigentlich Trump-freundlichen Senders Fox News, erklärte im Anschluss an Trumps Pressekonferenz vom Donnerstag: „Es ist verrückt, was wir da jeden Tag sehen, komplett verrückt.“ Das ist natürlich eine Fake News.


Die Wahrheit ist: Nicht es, sondern Donald Trump ist verrückt. Wäre es ein Film, spätestens bei dieser Pressekonferenz wären drei, vier stämmige Herren in weißen Kitteln hervorgetreten und hätten Herrn Trump mit den Armen voran in einen anderen weißen Kittel gesteckt und dezent aus dem Saal manövriert. Ein Pressesprecher wäre aufgetreten und hätte erklärt, dass nicht der Präsident der Vereinigten Staaten zu uns gesprochen habe, sondern einer, der über das Kuckucksnest geflogen sei. In ein paar Minuten werde der echte Präsident uns etwas sagen zur Lage der Nation. Aber wir sind nicht im Kino. Wir sind in der Wirklichkeit: Donald Trump ist der Präsident der Vereinigten Staaten und er macht alles richtig. Was die Zustimmung seiner Anhänger und was die Einschaltquoten angeht.

Er hat auch recht, dass es nicht zu begreifen ist, dass die USA mehr zur Verteidigung Europas ausgeben als die Europäer. Okay, wie erweitern den Verteidigungsbegriff, und schon zählen wir Ausgaben für zum Beispiel das, was früher einmal Entwicklungshilfe hieß, auch dazu. Aber das ist natürlich angesichts der Aneignung der Krim durch Russland und des Krieges – wir nennen ihn nicht mehr so – in der Ukraine eine arge Augenwischerei.

Es gibt eine ganze Reihe von Punkten, bei denen Donald Trump recht hat. Das ändert nichts daran, dass sein „Make America great again“ als Wahlkampfschlager bestens funktioniert, als politisches Programm aber lebensgefährlich ist. Für Amerikas Nachbarn – nicht nur Mexiko, sondern auch Kanada –, für den Rest der Welt. Vor allem aber für die USA selber.

Die USA sind die mächtigste, wichtigste Nation der Welt. Sie sind aber bei weitem nicht mehr so mächtig, so wichtig, wie sie es vor fünfzig Jahren waren. Das hat weniger zu tun mit Fehlern und auch Verbrechen der US-Politik, an denen es nicht mangelte, als vielmehr mit der völligen Veränderung der Weltlage. Es gibt nicht mehr den Kampf zweier Riesen – USA gegen Sowjetunion –, sondern es gibt den einen Riesen, der von Hunderten kleinen Quälgeistern gepiesackt wird.

Es genügen ein paar Dutzend durchgeknallte junge Männer und schon stürzt sich die mit Abstand größte Militärmacht, die es je gegeben hat, in einen Krieg, der sie für Jahrzehnte beschäftigt. Ohne die geringste Aussicht, ihn siegreich beenden zu können. Auch da muss man sagen: „Es ist verrückt, was wir da jeden Tag sehen, komplett verrückt.“ Wer den jüngeren Bush noch vor Augen hat bei seiner Ankündigung des „Krieges“, des „Kreuzzuges gegen den Terror“, der wird wohl auch dieses „es“ um der Wahrheit willen durch ein „er“ ersetzen.

Zu den bekanntesten Fake News der jüngeren Geschichte gehören die Fotos von Lastwagen, die der so honorig wirkende damalige Außenminister der USA, Colin Powell, der Weltöffentlichkeit als Beleg für das irakische Massenvernichtungsprogramm vorstellte. Eine Farce, auf die niemand hereinfiel. Die aber viele – dankenswerterweise mit Ausnahme der Bundesrepublik – nicht davon abhielt, sich diesem Betrug und dem ihm folgenden Krieg anzuschließen.

Donald Trump ist verrückt. Man muss sich nur seine Auftritte anschauen, und man sieht es. So deutlich, wie man damals sah, dass es keine Massenvernichtungsmittel gab, wenn die US-Regierung auf diese Lastwagen-Fotos zurückgreifen musste. Verrückte, die die Tatsachen gerade so verbiegen, wie es ihnen passt, sind weder in unserem Alltagsleben eine Seltenheit noch in der Politik. Das wissen wir doch. Tun wir also nicht so, als wäre so etwas wie Donald Trump uns noch nie vorgekommen. Er hat den Zugang zum Knopf, mit dem er einen Atomkrieg auslösen kann. Das nimmt seinen Auftritten viel von ihrer Komik. Aber zu behaupten, er wäre der erste, bei dem wir an uns diese Mischung aus Faszination und Angst erleben, wäre gelogen. Eine Fake News.

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