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Deutschland nach Katar: Nur Moralweltmeister

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Von: Jan Christian Müller

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Die deutsche Nationalmannschaft wollte in Katar ein zeichen setzen.
Die deutsche Nationalmannschaft wollte in Katar ein zeichen setzen. © Robert Michael/dpa

Sport und Politik sind bei der WM in Katar zum giftigen Gemisch für den deutschen Fußball geworden. Der Leitartikel.

Es gibt in Deutschland eine Menge Menschen, die froh sind, dass die Elite-Fußballmannschaft des eigenen Landes nicht mehr dabei ist bei der Weltmeisterschaft 2022 in Katar. Die Initiative „Boycott Qatar“ hatte schon vor dem Turnierstart auf der arabischen Halbinsel einen unverhofft starken Rückenwind bekommen. Die Entfremdung von Fans und Basis mit finsterem Blick auf die eigene Mannschaft, das Ausrichterland und den korrumpierbaren Weltverband Fifa könnte gerade nicht größer sein. So steif weht der kalte Nordwind vor allem aus Deutschland in Richtung Wüstenemirat, dass selbst die Organisatoren, zwei Fußballfachbuchautoren im schon etwas gesetzteren Alter, überrascht worden sind. Da kommt es der Bewegung gerade recht, dass nun auch das Team des Deutschen Fußball-Bundes die K.o.-Runde dieser in vielen Belangen vermaledeiten WM boykottiert, wenn auch unfreiwillig.

Sie hat damit sportlich ein getreues Abbild der Atmosphäre geliefert, die die Hochglanzveranstaltung am Persischen Golf in der Heimat verbreitet, ehe kurz vor Weihnachten ein Weltmeister gekürt wird. Die besten deutschen Fußballprofis haben sich in Katar nicht wohlgefühlt, so wie sie es auch vor vier Jahren beim debakulösen Vorrundenaus als amtierender Weltmeister in Russland nicht getan haben. Nun sind sie Hals über Kopf in einen eilig aus Deutschland herbeigerufenen Charterflieger gestiegen und ruhmlos zurückgekehrt.

Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Katar: Ruhmlose Rückkehr

Aufwand und Ertrag des größten Einzelsportverbandes der Welt – dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) – standen bei diesem Turnier in einem krassen Missverhältnis. Finanziell und personell ist der Trip nach Katar nach allen Regeln der Organisationskunst ausgepolstert gewesen, mit bescheidenem Ergebnis. Die leidige Debatte um eine Kapitänsbinde hat mindestens den Bundestrainer Kraft gekostet, er verlor die Balance und Zuversicht, die er in seiner kurzen Amtszeit zuvor ausgestrahlt hatte. Jetzt ziehen sich die Verbandsoberen zurück und beraten, ob Hansi Flick bleiben darf. Und ob Manager Oliver Bierhoff, der organisatorische Baumeister der WM 2014, aber auch das Gesicht der Entfremdung von Fans und Vereinen, noch eine Zukunft hat.

DFB-Präsident Bernd Neuendorf hat die Messlatte für Flick und Bierhoff schon vor dem Abflug aus Doha hochgelegt, aber auch der Verbandschef selbst dürfte sich von den beiden in Katar überforderten Führungskräften Vorhaltungen gefallen lassen müssen. Die Debatte um eine Spielführerbinde wurde noch am Tag vor dem verlorenen Auftaktspiel gegen Japan in die Mannschaft getragen. Der DFB ließ sich mit Neuendorf an der Spitze vom listigen Fifa-Boss Gianni Infantino am Nasenring durch die Manege führen. Sport und Politik wurden zum giftigen Gemisch für die deutschen Fußballer.

DFB: Nationalmannschaft spielt in 18 Monaten bei der EM

Das droht mit dem bangen Blick nach vorne erst einmal nicht wieder: Gut für den DFB, dass sich sein Verhältnis zum europäischen Dachverband Uefa entspannter entwickelt hat als zur Fifa. Zusammen planen DFB und Uefa aus dem Frankfurter Stadtwald heraus mit alsbald 600 Mitarbeiter:innen die nächste Fußball-Großveranstaltung: In 18 Monaten schon findet in Deutschland die Fußball-EM statt.

Es ist dem DFB schon einmal gelungen, aus einem Trümmerfeld einen Jubelpalast zu basteln. 2004 strampelte der deutsche Fußball nach dem EM-Aus wie ein Käfer auf dem Rücken, schon 2006 lag das Land seinen auferstandenen Fußballspielern zu Füßen – und die Welt dem Land. Ein so frohgemutes Deutschland hatte niemand erwartet. Und auch Deutschland selbst lernte sich neu kennen.

Bei der EM in Deutschland wird die arabische Welt genau hinschauen

Auf diesen Erfahrungen will ein kleiner, energischer Mann nun aufbauen. Philipp Lahm war derjenige, der 2006 mit einem Schlenzer in den Winkel gegen Costa Rica den Startschuss für einen unvergesslichen Sommer gab. Deutschland gewann in München 4:2. Ironie des Schicksals: Mit demselben Ergebnis also, aber völlig anderen Nachwehen als 16,5 Jahre später in Katar gegen denselben Gegner. Lahm, der Weltmeisterkapitän von 2014, plant als Turnierdirektor im Sommer 2024 eine Veranstaltung zwischen Hamburg und München, Berlin und Düsseldorf, die auch das Land wieder etwas einen soll. Und am besten ganz Europa. Geht es nach Lahm, wird sich Deutschland als nachhaltig, fröhlich, demokratisch, divers und weltgewandt präsentieren. Das könnte, bestenfalls mit der Verstärkung einer zuverlässigen Hochdruckwitterung wie beim Sommermärchen 2006, tatsächlich gelingen.

Aber es sollte sich auch niemand wundern, wenn die arabische Welt als interessierte Zuschauerin genau hinguckt, wie es beim EM-Ausrichter um den Umgang mit Arbeitsmigrant:innen aus Osteuropa in Schlachtbetrieben und auf Bauernhöfen steht. Stellen wir also besser auch das Visier scharf, ob bei uns die Struktur der Ausbeutung nicht jener von Katar verdächtig ähnelt. Der Moralweltmeister wird sich erklären müssen. Wie in diesen Tagen auch der verzwergte Ex-Weltmeister von 2014. (Jan Christian Müller)

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