Immer mehr Flüchtlinge kommen über den kürzesten Weg von Tunesien nach Europa.
+
Immer mehr Flüchtlinge kommen über den kürzesten Weg von Tunesien nach Europa.

Eine Analyse

Warum immer mehr Migrant*innen über Tunesien nach Europa flüchten

  • Martin Gehlen
    vonMartin Gehlen
    schließen

Geflüchtete kommen zunehmend über den kürzesten Weg von Nordafrika nach Europa. Dafür gibt es eine Vielzahl an Gründen. Auch Corona spielt eine Rolle.

Im Zeichen von Corona verschieben sich die Fluchtrouten im Mittelmeer. Neben Libyen rückt seit Anfang Juli immer mehr Tunesien in das Zentrum des Geschehens. Die Entwicklung ist so rasant, dass Italiens Innenministerin Luciana Lamorgese bei einem Kurzbesuch in Tunis den Verantwortlichen ins Gewissen redete. Die Migrationsströme aus dem Mittelmeeranrainer seien „völlig unkontrolliert“, beklagte die italienische Politikerin und forderte ein härteres Vorgehen.

Geflüchtete in Italien: Immer mehr Menschen reisen über Tunesien ein

Die Zahl der Boote, die von Tunesien aus Sizilien, Lampedusa oder das süditalienische Festland erreichen, steigt täglich. Im Juli kamen mehr als 5000 der seit Januar registrierten 12 000 Migranten, dreimal so viele wie im vergangenen Jahr. Knapp die Hälfte von ihnen legte in Tunesien ab, die andere Hälfte in Libyen.

Auch die meisten Neuankömmlinge sind inzwischen Tunesier, gefolgt von Menschen aus Bangladesch und der Elfenbeinküste. Vorwiegend junge Männer machen sich auf den Seeweg, aber auch Familien. Pro Person kostet die Überfahrt zwischen 600 und 1100 Euro.

Italien wurde von dem Zustrom der letzten vier Wochen überrascht. Auch befürchtet die Bevölkerung eingeschleppte Covid-19-Fälle, seit es in drei Aufnahmelagern auf Sizilien zu Massenausbrüchen kam. 300 Tunesier flohen innerhalb von 24 Stunden aus der Corona-Quarantäne – offenbar aus Angst, sofort wieder in ihre Heimat abgeschoben zu werden. Die meisten konnte die Polizei rasch wiederfinden, mehrere Dutzend jedoch blieben verschwunden. Jetzt will Rom zwei große Fährschiffe vor der Küste Siziliens installieren, von denen niemand mehr so einfach herunter kommt. Im Hafen von Lampedusa protestierten Bürgerinnen und Bürger gegen den Ansturm von Migranten.

Geflüchtete in Italien: Tunesiens Präsident betont Investition in Herkunftsländern

Tunesiens Präsident Kais Saied äußerte Verständnis für die italienischen Sorgen, betonte aber, Sicherheitskräfte allein könnten „das Phänomen der illegalen Migration nicht lösen“. Wichtig seien Investitionen in den Herkunftsländern. Innenminister Hichem Mechichi, der als frisch nominierter Regierungschef in den kommenden vier Wochen eine neue Regierung bilden soll, versprach seiner Amtskollegin aus Rom, energischer gegen Schlepperbanden und abfahrende Migrantenboote vorzugehen.

Tunesiens Küstenwache hat alle Hände voll zu tun. Nach Angaben des „Tunesischen Forums für Ökonomische und Soziale Rechte“ (FTDES) verhinderte sie in der ersten Hälfte 2020 die Abfahrt von 236 Booten mit 4000 Migranten, darunter 2250 Tunesier – viermal so viele wie im Vorjahr. Die Schleusernetzwerke seien immer professioneller geworden, sagte der tunesische Soziologe Khaled Tababi. Sie nutzten die Schwierigkeiten Tunesiens aus.

Der Anstieg der Überfahrten hat mehrere Gründe. Zum einen bot Italien Anfang Juni wegen des Mangels an osteuropäischen Erntehelfern, die wegen Corona wegblieben, allen illegalen Migranten eine sechsmonatige Aufenthaltserlaubnis an, wenn sie in der Landwirtschaft oder als Haushaltshilfen arbeiten. Dies löste in Tunesien einen Sturm auf die Boote aus, obwohl die italienische Regierung sofort klarstellte, dass diese Regelung nicht für Neuankömmlinge gilt. Trotzdem kamen von den 4300 Tunesiern seit Jahresbeginn allein 2800 im Juli.

Geflüchtete in Italien: Situation in Tunesien instabil - Ursache ist Corona-Pandemie

Ein zweiter Grund ist die zunehmend instabile Situation in Tunesien, ausgelöst durch die Covid-19-Pandemie, aber auch durch den turbulenten Rücktritt der Regierung von Premierminister Elyes Fakhfakh. Er war Mitte Juli erst vier Monate im Amt, als die an seiner Regierungskoalition beteiligte konservativislamische Ennahda ein Misstrauensvotum beantragte, dem er mit seiner Demission dann zuvorkam.

Die Regierungskrise paart sich mit einem beispiellosen Wirtschaftseinbruch. Seit Jahren leidet Tunesien unter einem Reformstau, mangelhafter Arbeitsmoral und einer erstickenden Bürokratie. Nun droht wegen Corona eine schwere Rezession, der Verlust von 300 000 Arbeitsplätzen und damit eine Arbeitslosigkeit von über 20 Prozent.

Geflüchtete in Italien: Haupttransit wechselt von Libyen nach Tunesien

Wichtig ist noch das Chaos beim Nachbarn Libyen. Zwischen der Türkei sowie Russland, den Emiraten und Ägypten droht ein Stellvertreterkrieg. War Libyen bisher das Haupttransitland für Migranten aus Subsahara-Afrika an die Mittelmeerküste, suchen immer mehr den Weg über Tunesien. Kein anderes Land in Nordafrika ist näher an Italien. Mit 140 Kilometern ist der Seeweg um die Hälfte kürzer als von Libyen.

Für die Überfahrt von der Küste zwischen Nabeul und Sfax nach Lampedusa setzen die Schleuser meist kleinere Fischerboote aus Holz ein, die die italienische Insel in der Regel ohne Hilfe von internationalen Rettungsschiffen erreichen. In der Nacht von Dienstag zu Mittwoch trafen dort 13 Boote aus Tunesien ein – mit 300 Menschen an Bord. (Von Martin Gehlen)

Lesen Sie auch: Die Situation für Geflüchtete* in Griechenland ist untragbar. Erik Marquardt (Grüne) erhebt starke Vorwürfe gegen die Praxis der EU-Kommission. (*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Redaktionsnetzwerks)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare