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Wie wollen wir leben? Hoffen und Handeln sind Zwillingsgeschwister

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Von: Thomas Kaspar

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NATO-Soldaten auf Patrouille als Teil der Friedensmission im Kosovo. Serbien hat hier kurz vor Jahresende beinahe die nächste Krise ausgelöst.
NATO-Soldaten auf Patrouille als Teil der Friedensmission im Kosovo. Serbien hat hier kurz vor Jahresende beinahe die nächste Krise ausgelöst. (Symbolbild) © afp/(Symbolbild)

Ukraine-Krieg, Energiekrise und Corona zwingen uns zu neuen Antworten. Viel Zeit bleibt nicht. Der Leitartikel.

Frankfurt – Rückblick. Silvester vor einem Jahr. Das Virus war das bestimmende Thema. Eine neue Regierung, ein kurzes Aufflammen von Euphorie über einen Politikwechsel nach dem Wahlsieg der rot-grün-gelben Koalition. Die Sehnsucht, dass im Frühjahr 2022 vielleicht die Pandemie überwunden werden kann. Hoffnung, endlich den Kampf gegen den Klimawandel aufzunehmen. Und dann kam der 24. Februar. Panzer rollten über die Gewissheit, dass ein konventionell geführter Krieg in Europa unmöglich geworden ist.

Es gibt viele Unterschiede zwischen der Bedrohung durch Corona und einem Krieg. Einer ist entscheidend für die Art, wie wir die Zukunft sehen: Fachleute diskutierten darüber, ob die Weltwirtschaft sich nach der Pandemie eher in Form eines V oder eines U erholt. Dass nach der Krise eine Rückkehr zu einer neuen Normalität möglich ist, davon waren aber viele Menschen überzeugt.

Ukraine-Krieg, Corona-Pandemie, Energiekrise – Notwendigkeiten der Gegenwart

Putins Ukraine-Krieg ist dagegen eine unumkehrbare Zäsur. Plötzlich war die Haushaltsplanung für den sozio-ökologischen Umbau vom Tisch und Milliarden fließen in Aufrüstung. Aufgebrochen ist eine Kluft zwischen den Glaubenssätzen der Vergangenheit und den Notwendigkeiten der Gegenwart. Wirtschaftliche Verflechtung führt dazu, dass Völker in Frieden miteinander leben?

Nein, Kapitalismus domestiziert weder den imperialistischen Wahn Russlands noch das Wachstumsbedürfnis Chinas oder die ausbeuterische Lebensweise des globalen Nordens. Die Optimierung der weltweiten Lieferketten bringt einen höheren Gewinn? Nein, der ökologische, soziale und seelische Gesamtertrag ist katastrophal.

Die „Letzte Generation“ hat die Nase voll

Es ist kein Zufall, dass genau im Moment des Krieges auch der Streit um den Kampf gegen den Klimawandel eskaliert, dass die „Letzte Generation“ genau jetzt die Nase voll hat. War die neue Regierung noch als Klimaregierung gestartet, ist davon absolut nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil. In Bayern werden junge Menschen über Weihnachten unter maximaler Dehnung des Rechtsverständnisses in Schutzhaft genommen. Aus Berlin ist dazu kaum ein Wort der Empörung oder der Verteidigung zu hören – die Regierungsparteien diskutieren über Demonstrationsformen statt über die Folgen der Erderwärmung.

Die Proteste sind aber genau das im Wortsinn: Protest. Ein grelles, unübersehbares Stopp-Schild, dass es so und hier nicht weitergeht. Die Abbruchkante des Kohlebergbaus in Lützerath, die hinter dem Dorf meterweit in die Tiefe stürzt, ist symbolisch für genau jenen Grat, über den wir nicht hinausgehen dürfen.

Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg, Klimawandel – Wie wollen wir morgen leben?

Pandemie, Krieg, Klimawandel. Ein globaler Finanzkapitalismus, der die Schere zwischen explodierendem Reichtum dank Kapitalerträgen und Lohnerträgen ohne Sparerfolgen immer weiter aufreißt. Wo soll da die Lösung sein? Ist das nicht hoffnungslos? In dieser Erschütterung liegt auch eine große Kraft. Denn nur wer versteht, dass es kein Weiter-so geben kann, stellt sich die richtige neue Frage: Wie wollen wir morgen leben?

Die Lösungsvorschläge für den Kampf gegen Klimawandel und weltweite Ungerechtigkeit liegen längst vor. Doch nichts passiert. Die Welt wirkt wie in Schockstarre.

Ukraine-Krieg, Corona-Pandemie, Energiekrise: Jenseits der Hoffnung liegt Hoffnung

Ein Konzept beschreibt die Paradoxie dieser Lage sehr gut. „Beyond Hope“, „Jenseits aller Hoffnung“ – in diesem ernüchterten Fazit steckt eine große Chance. Wenn es ohnehin unmöglich scheint, das 1,5 Grad-Ziel zu erreichen, kann auch eine Menge Freiheit entstehen, dennoch das Beste zu versuchen. Wenn die globale Finanzwirtschaft so verflochten ist, muss nun gerade jeder Staat für sich versuchen, eine gerechte progressive Steuer einzuführen. Und gerade wenn Frieden aussichtslos erscheint, müssen wir es anstreben, ihn als großes Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Entscheidend ist dabei, eben nicht die Hoffnung aufzugeben, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Denn in der Hoffnung stecken die Werte für eine positive Veränderung. Hoffnung ist immer da – wie eine versteckte Tür, die man nur manchmal nicht mehr sieht vor lauter Sorgen. Hoffnung wird aber gemacht – weil man ein Ziel hat, weil man sich nicht scheut, eine Utopie anzustreben – auch und gerade, wenn es fast unmöglich erscheint. Hoffen und Handeln sind Zwillingsgeschwister.

Durch Tun entsteht Veränderung

Hoffnung wird gemacht – durch Tun entsteht Veränderung. Machen ist das Gegenteil von Ausreden und Aufschieben. Ja, es gibt schlimmere Klimaverschmutzende. Ja, der eigene Beitrag zählt vielleicht nicht viel. Und dennoch: An einer Kerze können sich beliebig viele andere entzünden, ohne dass das eine Licht kleiner wird. Hoffnung machen wirkt auf mich selbst und verändert andere.

Noch haben wir das Privileg, eine Utopie für die Zukunft entwickeln zu können: Wir sollten das gerade anbrechende Jahr 2023 dafür nutzen. Am Ende bleibt dabei eine ganz einfache Frage: Wenn es schiefgeht, wer will ich dabei gewesen sein? Und indem ich mir diese Frage stelle, habe ich wahrscheinlich dazu beigetragen, dass genau das nicht passiert – und die Welt ein Stückchen besser gemacht. (Thomas Kaspar)

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