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Driving Home for Christmas: Gerade in der Pandemie treffen unter dem Tannenbaum verschiedene Meinungen aufeinander. Das kann auch bereichernd wirken.
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Driving Home for Christmas: Gerade in der Pandemie treffen unter dem Tannenbaum verschiedene Meinungen aufeinander. Das kann auch bereichernd wirken.

Leitartikel

Weihnachten: Jede Begegnung ist ein gut verpacktes Geschenk

  • Thomas Kaspar
    VonThomas Kaspar
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Die Festtage sind eine der Gelegenheiten zum Gespräch mit anderen. Jede dieser Begegnungen ist ein gut verpacktes Geschenk. Der Leitartikel.

Es hätte auch so ausgehen können: Die Angst vor der Ausbreitung der Pandemie ist so stark, dass Kontakte und Reisen schon zu Weihnachten eingeschränkt werden. Doch es kommt anders. Familienfeiern werden bewusst kaum eingeschränkt. Wir sollten diese Chance zu Begegnungen nutzen.

Weihnachten ist eine schöne Vereinbarung unserer Gesellschaft. In den Tagen bis Neujahr scheint der eingeübte Zeitablauf angehalten. Bundesweit entsteht so etwas wie eine Lücke im Alltag, die viele dazu nutzen, um zusammen zu feiern. Die einen machen Urlaub, die anderen trinken und essen viel, nicht wenigen gelingt beides.

Der Heilige Abend hat etwas Heiles, ohne dass man dafür einer Religion angehören muss

Spürbar werden in diesen Tagen die Urbindungen jedes Menschen. Wir folgen den eigenen Wurzeln zurück zu Mutter und Vater, vielleicht bis zu Oma und Opa. Verwandte, Freundinnen und Freunde rücken in besuchbare Nähe. In diesen Tagen ist es schöner Brauch, seine Liebsten zu sehen und sich mit ihnen auszutauschen – ob dabei etwas totes Holz hübsch dekoriert wird oder Geschenke getauscht werden, spielt fast eine Nebenrolle. Der Heilige Abend hat etwas Heiles, ohne dass man dafür einer Religion angehören muss.

Und dann dieses Virus. Seine Spaltkraft reicht bis in die Familien. Manche sehen sich in diesem Jahr nicht vollständig, weil sie die Kontakte beschränken wollen. Andere besuchen sich nicht, weil die Auffassungen über die Impfung Zwietracht gesät haben. Aus unangenehmen Gesprächen wurden Debatten, aus wiederholtem Streit wurde der Verzicht auf den Besuch.

Weihnachten: Besonderer Moment, der die Frage aufkommen lassen sollte, was wirklich wichtig ist

Corona-Ärger ist so ziemlich das Gegenteil der positiven Energie, die das Weihnachtsfest entfalten könnte. Diesen Sinn leiten die einzelnen Gruppen anders her, im Kern sind sie sich aber einig: Es gibt Hoffnung, weil Jesus geboren wurde (christliche Variante), die langen Tage vorbei sind und Licht überall leuchtet (naturverbundene Variante) oder man endlich wie jedes Jahr die alten Kumpels zum nonkonformistischen Protest-Essen wiedersieht (68er Variante). In jedem Fall ist es ein besonderer Moment, der wenigstens ein Mal im Jahr die Frage aufkommen lassen sollte, was wirklich wichtig ist im Leben.

Unsere Welt schließt sich schon lange in Blasen ein. Sobald ein digitales Gerät eingeschaltet ist, greifen die Auswahlkriterien der Anbieter, die Verhalten messen und Passendes zuspielen. Doch auch wenn alle Geräte ausgeschaltet sind, schwindet immer stärker unsere Bereitschaft, uns mit dem Fremden, Verstörenden, Ungewohnten auseinanderzusetzen.

Wir klicken nur noch gezielt an, was wir als passend vermuten

Längst schauen wir nicht mehr unseren Lieblingssender und folgen dem Programmangebot, das sich TV-Macher ausgedacht haben. Irritierendes schalten wir ab, schlimmer, irgendwann klicken wir nur noch gezielt an, was wir als passend vermuten. Netflix, Amazon, Disney und all die Streamingdienste messen uns wie unser Mobiltelefon und bieten uns immer neue Reize, die wir kompakt konsumieren, bis die letzte Folge vorbei ist. In diesen Schaustrudeln nutzt sich der Rausch ab und schwindet die Inspiration.

Während Sie diesen Text lesen, leisten Sie sich noch eines der letzten Privilegien des Überraschtwerdens. Sie mussten erst elf Seiten Zeitung durchblättern, um zu diesem Artikel zu gelangen. Ob Sie wollten oder nicht, begegneten Ihnen dabei Bilder und Geschichten, die Sie nicht gezielt gesucht haben, sondern die Journalistinnen und Journalisten für Sie zusammengestellt haben. Breite Information, Inspiration, Orientierung durch Begegnung mit dem Unerwarteten liefert das im besten Fall.

Welche nicht vorsortierten Begegnungen bleiben?

Wie viel davon halten wir heute noch aus? Welche nicht vorsortierten Begegnungen bleiben? In Kindergärten und Grundschulen können die Jüngsten noch als Querschnittsgruppe zusammenkommen, sofern deren Eltern nicht schon nach Milieus umgezogen sind.

Im Beruf müssen wir mit anderen Meinungen umgehen – doch auch hier hat Corona oft das persönliche Flurgespräch verschwinden lassen und durch effiziente Videokonferenzen ersetzt. Die Corona-Paradoxie betrifft nahezu alle Lebensbereiche: Wir bräuchten Kontakte zu anderen dringender denn je – wegen der Pandemie können wir diese aber nicht haben. Bei allen Vorteilen der schnellen Kommunikation des Digitalen birgt dies auch immer die Gefahr, dass dabei der Ton rauer wird.

Weihnachten bietet die Chance, dem rauen Ton etwas entgegenzusetzen

Weihnachten bietet die Chance, dem etwas entgegenzusetzen. Rund um den dekorierten Baum, am Esstisch ergeben sich Möglichkeiten, die nervigen Verwandten diesmal anders zu sehen, als Gegenüber, das die eigenen Denkmuster bereichert. Andere Meinungen bieten Chancen für neuen Ideen, sind Prüfsteine für eigene Überzeugungen, aber sind auch Inspirationsquelle oder Verstärkung. Die Versöhnung liegt in der Akzentverschiebung. Betone ich die Unterschiede in den menschlichen Haltungen, oder die Haltung, dass Unterschiede Menschlichkeit ausmachen?

Und das Gespräch muss ja nicht mit dem Unterschied beginnen. Gerade weil es schwerer geworden ist, hat ein Satz eine neue Bedeutung: „Schön, dich zu sehen.“ Jede dieser Begegnungen ist ein gut verpacktes Geschenk. Das vorsichtige Auspacken lohnt sich – auch und gerade bei Menschen. Frohe Weihnachten!

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