Hitzetote, Unwetter, Waldschäden

Hitzewelle: Deutschland braucht dringend einen Hitzeschutzplan

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Trotz Corona-Krise muss die Bundesregierung nach dem Vorbild Frankreichs einen Hitzeschutzplan entwickeln. Ausreden gibt es keine mehr. Der Leitartikel.

  • Hitzewellen der Jahre 2018 bis 2020 machen Deutschland zu schaffen.
  • Unter der Hitze heizen sich Städte stärker auf, für ältere und kranke Menschen wird es lebensgefährlich.
  • Mediziner fordern deshalb einen Hitzeschutzplan für Deutschland nach französischem Vorbild.

Berlin - Noch ist der Sommer nicht zu Ende. Für eine Bilanz ist es zu früh. Doch eines kann man schon sagen: So extrem wie in den Jahren 2018 und 2019 wird diese in Deutschland diesmal nicht ausfallen. Weder wurde ein Hitzerekord erreicht wie im vorigen Jahr mit 42,6 Grad in Lingen im Emsland, noch hat die Trockenheit so fatale Ausmaße angenommen wie 2018, als Flüsse fast austrockneten und die Landwirtschaft gravierende Ernteausfälle verzeichnete.

Die aktuelle Hitzewelle mit ihren tropischen Nächten ließ vielerorts Erinnerungen an diese beiden Extremjahre aufkommen, doch sie geht gerade zu Ende. Für die neue Woche erwarteten die Wetterexperten wieder eher „normale“ Augusttemperaturen.

Hitzewellen trifft Städte besonders hart

Doch ist damit alles wieder gut mit Wetter und Klima? Keineswegs. Wer durch den Wald oder die Städte geht, kann nicht übersehen, dass etwas nicht stimmt. Und nicht nur wegen Corona. Viele Bäume sehen aus, als wäre schon Herbst.

In Frankfurt am Main beispielsweise müssen wegen der Trockenheit allein auf öffentlichen Flächen 4000 Bäume gefällt werden, genau so viele wie 2019. „Vor so einem Desaster haben wir noch nie gestanden“, sagt die Leiterin des Grünflächenamts der Stadt. Dramatisch auch die Lage in den Wäldern. Die Waldzustandserhebung 2019, wonach nur noch 22 Prozent der Bäume ohne Schäden sind, ist längst überholt. Die Dürren der vergangenen drei Jahre, Hitze, Schädlinge und eingeschleppte Krankheiten machen dem Wald, wie wir ihn kennen, den Garaus.

Von Rasen ist in Parks in Frankfurt oder wie hier am Mainufer nicht mehr viel zu sehen.

Das ist natürlich nur ein Aspekt des Problems, wenn auch ein wichtiger. Der Klimawandel verändert zunehmend auch unser Alltagsleben, jeder spürt es. Hitzewellen werden intensiver, die Städte heizen sich noch stärker als bisher auf, und da die Temperaturen nachts nur wenig sinken, kann man sich nur schlecht erholen.

Hitze ist vor allem für alte und kranke Menschen eine Gefahr

Vor allem alte und kranke Menschen sind dabei auch gesundheitlich gefährdet; bei Hitzewellen steigt die Sterblichkeit im Durchschnitt um acht bis zwölf Prozent. Die üblichen Sommergewitter wiederum fallen oft heftiger aus als früher. Gewaltige Wassermassen stürzen dann vom Himmel, Bäche werden zu reißenden Flüssen, die Kanalisation ist überfordert. Unwetterwarnungen halten uns in Atem.

Klimapolitik der Bundesregierung genügt nicht, um den Klimawandel zu stoppen

All das unterstreicht: Mit dem Klimawandel ist die Notwendigkeit entstanden, sich an eine sich rasant verändernde Umwelt anzupassen. Selbst wenn die Klimapolitik global endlich auf den Zwei-Grad-Maximalpfad einschwenkt, der im Pariser Klimaabkommen gefordert ist, muss mit einer Verdoppelung der bisher festgestellten Erderwärmung von im weltweiten Durchschnitt 1,1 Grad gerechnet werden.

Ganz zu schweigen davon, wenn es bis 2100 drei oder sogar vier Grad werden – das ist leider derzeit der Trend. Die deutsche Politik aber hat die Dringlichkeit des Problems nur in der Theorie erkannt. In der Praxis passiert gar nichts oder viel zu wenig.

Klimapolitik der Bundesregierung genügt nicht, um den Klimawandel zu stoppen

Mediziner fordern einen Hitzeschutzplan für Deutschland

Angesichts der jüngsten Hitzewelle hat eine Initiative von Ärzten und Pflegern dies für das Gesundheitssystem nachgewiesen. Es gibt hierzulande kein verbindliches Alarmsystem, keine Identifizierung von Risikogruppen und Gefahrenbereichen, keine Hitzeleitstellen, keine Kühlzonen und keine einschlägige Fortbildung für Ärzte, Krankenhaus- und Pflegeheimangestellte.

Es ist überfällig, dass Deutschland sich an Frankreich orientiert, das zeigt, wie man die vielen Hitzetoten verhindern kann. Temperaturen von 32 Grad an lösen dort die erste Alarmstufe in Kommunen und im Gesundheitswesen aus, von 38 Grad an wird der Zivilschutz aktiv. Die Präfekturen reagieren dann gemäß eines nationalen Hitzeschutzplans. Folgt man dem Diktum des renommierten Klimaforschers Hartmut Graßl – „Hitzetote zeigen die soziale Kälte einer Gesellschaft“ –, schneidet Deutschland schlecht ab.

Gesundheitssystem sollte sich auf das Problem der Hitze anpassen

Gegenüber anderen Feldern der Anpassung ist ein hitzesensibles Gesundheitswesen, wie Frankreich zeigt, noch vergleichsweise einfach und billig zu haben. Ein ökologischer Stadtumbau, der mehr Grün hereinholt, Flächen entsiegelt, Gebäude mit Sonnenschutz ausstattet, mehr Regenrückhaltemöglichkeiten schafft, ist deutlich teurer und braucht Jahrzehnte.

Doch das ist der Hebel, um die neue Lage anzusteuern. Damit muss endlich bundesweit angefangen werden – ohne Aufschub. Die Folgen der Corona-Krise und der Bevölkerungsdruck, der weiterhin auf den Städten lastet, machen das nicht einfacher. Aber anders können die Städte nicht lebenswert erhalten werden. Ausreden, dieser Umbau müsse erst mal warten, gelten nicht. Was zur Anpassung getan werden muss, ist längst bekannt – vom Gesundheitswesen über Städtebau und Verkehr bis zu Landwirtschaft und Forsten.

Bisher ist das sträflich vernachlässigt worden, noch mehr sogar als die Politik zur CO2-Einsparung. Und zu der hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) in einem besonders hellen Moment eingeräumt, die Bundesregierung habe „zu spät gehandelt“ und es gebe einen „enormen“ Nachholbedarf. Von Joachim Wille

Rubriklistenbild: © Sven Hoppe / dpa

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