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Florian Lakotta, Geselle bei der Bildgießerei Hermann Noack, ziseliert einen Berlinale-Bären für die internationalen Filmfestspiele Berlin. Hier werden die Berlinale-Bären gegossen, gefertigt und nachbearbeitet. Die 71. Berlinale startet nicht wie geplant im Februar, sondern wird auf zwei Termine geteilt. Im März ist ein Online-Branchentreff geplant, im Juni soll es ein öffentliches Festival mit Publikum geben.
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In der Bildgießerei Hermann Noack werden die Berlinale-Bären gegossen.

Leitartikel

Corona und Filmkultur: Was bleibt?

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
    schließen

Die Corona-Krise verändert auch die Berlinale. Was lässt die Pandemie von der Kinokultur übrig? Der Leitartikel.

Vielleicht wird es einmal ein neues Sprichwort geben: Was nichts wird, wird virtuell. Auch die Berlinale, das größte Publikumsfestival Europas, zeigt sich in dieser Woche seinen Gästen ausschließlich über ein Streamingportal.

Doch nicht die ausgehungerten Filmfans wurden nach Monaten von Kino-Lockdown und Startverschiebungen zum Heimkino eingeladen – ausschließlich Branchenvertreter und Journalisten dürfen sich an sechs Tagen durch die 139 Premieren der verschiedenen Sektionen schauen. Sofern das auch nur annähernd möglich ist.

Es ist ein zwiespältiges Privileg: Wer möchte seinen Leserinnen und Lesern Filme vorstellen, die erst frühestens im Juni – beim geplanten reellen Festival – ein Publikum finden können? Liegt nicht der Zauber eines Festivals gerade daran, selbst Teil dieses Publikums zu sein und der gemeinsamen Entdeckung? Liegt der Reiz nicht „zwischen den Bildern“? In den kollektiven Gefühlen, die Filme auch nach dem Ende-Titel noch erzeugen, den Diskussionen, die sie entfachen? Und wer könnte über die Entscheidungen einer Jury spekulieren, die wie man selbst im Unsichtbaren agiert?

Was für ein sonderbares Festival: Während ein Berlinale-Tag früher mit einer gehetzten U-Bahn-Fahrt zum Potsdamer Platz begann, um sich um 8.30 Uhr in den ersten Wettbewerbsfilm zu drängeln, greife ich jetzt um diese Zeit zur Fernbedienung. Der Beamer im Schlafzimmer wirft mir den ersten Wettbewerbsfilm in Dreimeterbreite an die Wand. Und dass es so gar kein Publikum gibt, stimmt natürlich auch nicht ganz: Meine Freundin findet es überhaupt nicht schlimm, dass ich dieses Jahr nicht nach Berlin fahre, und schaut gerne mit.

Und doch kann einem Angst und Bange werden. Wie schnell haben sich die Streaming-Dienste in die Lück der geschlossenen Kinos und verschobenen Filmstarts gedrängt? Netflix, Amazon Prime oder Disney+ gehören zu den größten Krisengewinnern, doch das Programm, dass sie bieten, hat mit dem, was ein Filmfestival zeigt, wenig zu tun. Zwar gibt es auch anspruchsvollere Anbieter wie etwa „Mubi“, doch dort kann man nur finden, was zuvor von einem Kinopublikum entdeckt wurde. Zum Beispiel auf der Berlinale.

Und genau deshalb ist die virtuelle Öffnung der Festivalauswahl jetzt so wichtig. Die großen Festivals der Welt sind riesige Füllhörner, aber damit es ein Film hineinschafft, muss er durch ein Nadelöhr. Bei der Berlinale überhaupt zu laufen, ist schon eine Auszeichnung, die über den weiteren Weg eines Films entscheiden kann.

Was sich hier gerade digital ausschüttet, ist der erste Einblick in die Kinoproduktion des Corona-Jahrs. Wie werden die Beschränkungen das filmische Erzählen beeinflusst haben und was wird daraus entstehen? Wird man intimere Geschichten erzählen und Kreativität in der Beschränkung finden?

Dass Kultur für eine freie Gesellschaft lebenswichtig ist, scheint von der gegenwärtigen Corona-Politik beinahe vergessen. Zwar sind in Kinos keine Ansteckungen bekannt, doch sie stehen leider offenbar weit unten auf der Liste der ersten Öffnungen.

Niemand weiß, wie viele Kinos nach den Corona-Lockdowns noch dauerhaft öffnen werden. Vielleicht wird man später sagen, das Virus habe den Ausschlag zum großen und endgültigen Kinosterben gegeben. So wie der Komet, der die Saurier tötete. Diese virtuelle Berlinale ist wie eine Warnung, dass dies nicht geschehen darf. Aber vieles wird anders werden.

Filmfestivals werden uns weiterhin mit den herausragenden Werken aus aller Welt versorgen, ein neugieriges Publikum ist ihnen sicher. Vielleicht werden sich die großen Medienkonzerne einzelne Multiplexe leisten, um ihren Produkten die entsprechende Aufmerksamkeit zu verleihen. Es wird Privatinitiativen geben von Cinephilen, von Künstlern oder Stummfilmmusikern. Und natürlich nachwachsende Filmkünstlerinnen und Künstler, auch das analoge Filmmaterial wird uns auf absehbare Zeit erhalten bleiben.

Mit dem Verlust der Kinokultur aber verlieren wir nicht nur gemütliche Sessel, feierliche Leuchter oder den heute schon selten gewordenen Vorhang. Die roten Teppiche der Berlinale werden bleiben. Aber was wird aus der Alltäglichkeit des Kinos? Wir verlieren einen Ort, der weder allein dem bürgerlichen Publikum gehörte noch der breiten Masse. Einen Ort, in dem man nicht gesehen werden möchte, sondern einfach nur verschwinden. Im Film.

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