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Nur wenn Gleichheit und Freiheit allen gewährt werden, hat Demokratie als Organisation gesellschaftlicher Beteiligung auch eine Chance zu überleben.
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Nur wenn Gleichheit und Freiheit allen gewährt werden, hat Demokratie als Organisation gesellschaftlicher Beteiligung auch eine Chance zu überleben.

Leitartikel

Leitartikel zur Gleichberechtigung: Die Mehrheitsgesellschaft muss Anteile abgeben

  • Thomas Kaspar
    VonThomas Kaspar
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Unterscheidung schafft Raum für Rassismus. Nötig ist Repräsentation statt Integration – und auf dem Weg dahin braucht es mehr als nur Quoten. Der Leitartikel.

  • Der rassistische Anschlag in Hanau und die Ankunft Vertriebener in Deutschland vor sechs Jahren stellten jeweils eine Zäsur dar.
  • Die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland muss den Stimmen von Marginalisierten und Diskriminierten Raum geben.
  • Quoten sind ein Weg, Repräsentationslücken zu schließen und die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden.

Frankfurt - Was haben wir erreicht? Wo scheitern wir? Was muss dringend geändert werden? Gut ein Jahr nach dem rassistischen Attentat von Hanau und sechs Jahre nach der weltweiten Flucht von Menschen vor dem Syrienkrieg ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen.

Beide Zäsuren haben unsere Sicht auf Migration und auf Zusammenleben in der Gesellschaft verändert. Die Grundhypothese, wie „Integration“ funktioniert, ist in den Grundfesten erschüttert. Aber nicht nur das: Es ist Zeit, diesen Wert selbst zu hinterfragen, ja ihn abzulösen. Es ist höchste Zeit, unsere Phantasie von möglicher Homogenität einer Gesellschaft zu beerdigen.

Gesellschaftliche Werte: Alle sollen auf allen Ebenen repräsentiert, gehört werden

Gerade eine falsch verstandene Sehnsucht nach Einheit und damit Einfachheit ist der eigentliche Kern einer trennenden Gesellschaft und in der Folge auch die tiefsitzende Motivation für Rassismus. Das Ziel kann nur sein, eine neue gesellschaftliche Pluralität anzuerkennen, in der sich niemand integrieren muss. Das Ziel muss sein, eine Idee von Gemeinschaft zu entwickeln, die alle Gruppen auf allen Ebenen selbstverständlich repräsentiert.

Mit der Aufnahme Hunderttausender Asylsuchender erkannte die Mehrheitsgesellschaft plötzlich wieder Unterschiede, die verwischt schienen. Selbst Gutmeinende trennten im Kopf wieder Menschen mit lange zurückliegender Völkerwanderungsvergangenheit und Migrant:innen der neueren Zeit.

Ungleichheit in Deutschland: Die „gläserne Decke“ behindert nicht nur Frauen

Alleine dass es eine Unterscheidbarkeit gibt, lässt auch die Sehnsucht nach dem Gegenteil auf den Plan treten: Es muss doch Eindeutigkeit geben. In einer ohnehin komplexen, kaum überschaubaren Wirklichkeit führt dieser Wunsch nicht nur zur rassistischen Trennung, wie sie seitdem von rechten Parteien und Gruppierungen verfolgt wird. Es wird viel gesprochen – über die Nichtanerkennung von Geschlechtervielfalt oder die absurde Benachteiligung ostdeutscher Biografien. Doch in jedem „Sprechen über“ ist die „Trennung von“ enthalten.

Verändert hat sich damit auch die Normalität der eingewanderten Deutschen und ihrer Nachkommen. Es zeigte sich für sie, dass Diversität kein gelebter, tief verankerter Wert war. In dem erneuten Klima der Unterscheidung mussten auch sie sich neu definieren.

Es wurde sichtbar, dass die gläserne Decke, die der Feminismus beschrieb, auch für andere Gruppen bittere Realität ist. So klingt ein neuer Ton an, etwa wenn Deniz Ohde in ihrem großartigen Debütroman „Streulicht“ beschreibt, wie sie als Frau, als Arbeiterkind, als Tochter türkischer Eltern erfährt, was multiple Ungleichheit bedeutet.

Rassismus in der Gesellschaft: Hanau reiht sich ein in eine Serie rassistischer Hassverbrechen

Das Massaker von Hanau war das letzte Glied einer latent vorhandenen Unterschieds-Feindlichkeit. Sie äußerte sich in einer Brutalität, die von niemandem mehr hingenommen werden konnte. Vor Hanau brodelte der Rassismus in der Gesellschaft, seit Hanau kann auch der letzte nicht mehr behaupten, es gäbe ihn nicht. Hanau hat auch ein neues „Sprechen mit“ eingeleitet. Bundespräsident Steinmeier etwa hat sehr glaubwürdig und sehr ernsthaft „mit“ den Opfern gesprochen. Doch die Opfer warten bis heute auf das Einlösen der Versprechen von damals.

Max Czollek („Desintegriert euch“) hat den Begriff „Gedächtnistheater“ eingeführt. Er bezog sich auf die Vernichtung der Juden, lässt sich aber leicht übertragen. In Integrationstheateraufführungen verleihen Politiker (bewusst in männlicher Form gewählt) Preise, sprechen „mit“ den Opfern über Rassismus und Integration. Und sie gehen daraufhin zurück in eine Welt, in der weder Geschlechter noch Abstammungen noch soziale Schichten gleichberechtigt repräsentiert sind. Jetzt endlich muss sich der Blick hinter die Kulissen richten. Wir brauchen keine Bühne, wir müssen die Welt um das Theater verändern.

Überwindung von Rassismus, Sexismus, Ableismus, und Marginalisierung – ganz oder gar nicht

Es ist gut, dass die Stimmen von Black Lives Matter und viele Stimmen für Ostdeutsche, Behinderte, Geschlechtervielfalt laut und selbstbewusst zu hören sind. Es ist kein Zufall, dass sie ausgerechnet jetzt wehtun, nerven, manchmal über das Ziel hinausschießen. Es ist höchste Zeit, etwas zu ändern. Ein bisschen gerecht, ein bisschen beteiligt gibt es nicht.

Die Mehrheitsgesellschaft muss Anteile abgeben. Es geht nicht um Erlösung des eigenen schlechten Gewissens, sondern um das Einlösen des Chancenversprechens von Demokratie: Nur wenn Gleichheit und Freiheit allen gewährt werden, hat Demokratie als Organisation gesellschaftlicher Beteiligung auch eine Chance zu überleben. Das nutzt am Ende allen, aber es wird nicht leise gehen.

Repräsentation in Deutschland: Quoten sind dazu gedacht, sich selbst obsolet zu machen

Es ist nicht mehr die Frage, ob Repräsentationslücken geschlossen werden, sondern nur wie. Der Weg dorthin sind vorübergehende Quoten. Wir brauchen eine Phase des „selbst Sprechens“, in der sich bisher nicht berücksichtigte Gruppen artikulieren.

Beteiligung ist etwas anderes als Duldung. Wenn Quoten endlich überflüssig sind, wenn diese Idee einer diversen hybriden Gesellschaft im Alltag erlebbar wird, dann können Rassismus, Sexismus und anderer Spaltungswahnsinn überwunden werden. (Thomas Kaspar)

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