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Verödung oder Neustart der Stadtzentren? Die Städte haben es in der Hand

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Von: Fabian Scheuermann

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Wird geschlossen: Die frühere Kaufhof- und heutige Galeria-Filiale am Weißen Turm.
Wird geschlossen: Die Galeria-Filiale in Darmstadt. Dort könnte etwas Zukunftsweisendes entstehen, heißt es in der Stadtpolitik. © Renate Hoyer

Wollen wir unsere Innenstädte vor dem Veröden bewahren, müssen wir sie neu denken. Die Kommunen sollten bei diesem herausfordernden Prozess eine sehr aktive Rolle einnehmen.

Ein Samstag im vergangenen Winter in Frankfurt. Eine junge Familie hat ein paar spezielle Dinge zu besorgen. Das viele Bestellen im Internet und der ganze Verpackungsmüll nerven. Man hat sie sich in der Pandemie angewöhnt, die Bestellerei. Es ist viel mehr geworden, was da tagein, tagaus verpackt im Treppenhaus rumsteht. Parallel dazu möchte man die eigene Innenstadt doch gern unterstützen. Warum es also nicht mal in dieser riesigen Galeria-Filiale auf Frankfurts Einkaufsmeile Zeil versuchen? So als Ausflug mit der ganzen Familie?

Einer anderen Generation wäre dieser Gedanke wohl viel früher gekommen - gehörte der ausgiebige Besuch von Kaufhäusern doch über Jahrzehnte zum festen Ritual eines deutschen Innenstadtsamstags. Doch für einen Mittdreißiger sind es wohl bestenfalls Kindheitserinnerungen, die mit den Kaufhäusern verbunden sind. Zu unschlagbar ist das Internet mit seinem schier endlosen und individualisierbaren Angebot. Und die großen Einkaufszentren am Stadtrand, die gibt es ja auch noch. Seitdem produzieren Kaufhof & Co. eigentlich nur noch Negativschlagzeilen. So wie jetzt auch wieder. Viele zucken nur noch mit den Achseln, auch wenn man die Leute bedauert, die ihre Jobs verlieren. Denn dass sich diese Häuser überlebt haben, ist zumindest für Jüngere ein Allgemeinplatz.

An besagtem Wintersamstag geht es um einen Messbecher aus Glas in einer bestimmten Größe, um eine Sanduhr und um schönes Kinderbesteck. Die ersten Posten waren in dem Kaufhaus nicht verfügbar. Und das Kinderbesteck war sehr hässlich. Ziemlich ernüchternd, das Ganze. Im Netz hätte es natürlich alles gegeben. Nur ein paar Klicks entfernt.

Der Besuch endet in einer Art Panoramalounge im Obergeschoss der Galeria-Filiale. Gedacht ist dieser raumgreifende Ort mit Glasfassade für Reisende, die steuerfrei shoppen wollen. Doch die Leute kommen vor allem, um sich vom Einkaufsstress zu erholen. Kostenlos und mit einem grandiosen Blick über die Stadt sitzen sie da, manche haben Brötchen mitgebracht, die Kinder turnen herum. Ganz schön ist das. Nur verdient hat Galeria Karstadt Kaufhof an diesem Tag an besagtem Familienausflug nichts.

Diese andekdotenhafte Erzählung macht deutlich: Für das breite Angebot braucht es Kaufhäuser nicht mehr. Für ein Erlebnis aber vielleicht schon. Genau das trifft auch für die Innenstädte insgesamt zu. Viele Städte haben das erkannt und versuchen, ihre Zentren umzudeuten. Weniger Einkaufen – mehr Erlebnis, mehr Kultur, mehr Wohnen, mehr schattiges Grün. Und wenn Läden, dann mit möglichst kleiner Fläche, damit die Mieten leistbar sind und die Straßen durch Vielfalt zum Leben erwachen. Und auch: mehr nichtkommerzielle Angebote. Diese beleben auch den Handel. Ebenso wie die entspannte Erreichbarkeit mit dem zunehmend bedeutsamen Verkehrsmittel Rad. All diese Gedanken sind goldrichtig. Aber sie umzusetzen, ist nicht leicht. Und das liegt vor allem am Geld.

Beispiel Offenbach – eine Stadt mit besonders wenig Geld. Eine Stadt, die eine Innenstadt, die funktioniert und Gewerbesteuer abwirft, besonders nötig hätte. Vor Jahren schon hat die Verwaltung dort auf betreiben eines agilen Oberbürgermeisters ein Zukunftskonzept für die City auf den Weg gebracht. Eine der reizvollsten Ideen darin war es, eine Markthalle einzurichten. Einen Ort, wo es vor allem regionale Produkte zu kaufen gibt - sei es ein Stand mit lokalem Bio-Apfelwein oder eine Galerie von Studierenden der in Offenbach ansässigen Hochschule für Gestaltung, die selbstentworfene Plakate, Bücher, Kunstdrucke verkaufen. Dazu Konzerte, Sitzmöglichkeiten, Trinkbrunnen.

Eine Markthalle für regionale Produkte? Dürfte funktionieren.

Kurzum: Es ging darum, einen Ort zu schaffen, den es im benachbarten Frankfurt nicht gibt und im Internet auch nicht. Einen Ort, für den auch junge Leute wieder in die Fußgängerzone kommen würden. Wer die Idee hörte, geriet ins Schwärmen. Doch den Raum dafür müsste die Stadt stellen. Für viel Geld. Und an dieser Stelle scheitern die großen Gedanken von den „neuen Innenstädten“ oft oder die Ideen werden in extrem zurechtgestutzter Weise umgesetzt.

Es gibt Best-Practice-Beispiele. Dort, wo innenstadtnahe Einkaufsstraßen funktionieren, muss man genau hinschauen und überlegen, warum. Man nehme einen Straßenzug in Frankfurt-Sachsenhausen, wo die städtische Wohnungsbaugesellschaft kleine Läden vermietet. Wohl zu Mieten, die es den Geschäftstreibenden ermöglicht, sich zu halten. In den vergangenen Jahren hat ein „Unverpackt“-Laden aufgemacht, ein marokkanisches Café, ein kleines Einrichtungsgeschäft. Es läuft.

Hoffnung macht auch eine Meldung aus dem benachbarten Darmstadt. Ausgerechnet die schlechte Nachricht von der Schließung der Kaufhof-Filiale samt Wegfall von 80 Arbeitsplätzen nahm der grüne Oberbürgermeister dort zum Anlass, um Hoffnung zu verbreiten. Jochen Partsch sprach von einer „einmaligen Chance“ für die Innenstadt – denn man könne die frei werdenden Flächen mit Ideen wie einem „Mittendrin-Haus“ zum „Leben erwecken“. Mit Gastronomie, kleinen Läden und Räumen, wo gesellschaftliches Engagement gelebt werden kann. Klingt gut. Gut wäre es auch, wenn Bund und Länder die Städte stärker unterstützen – damit solche Ideen auch in ärmeren Kommunen wie Offenbach umgesetzt werden können.

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