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Neun-Euro-Ticket: Der Verkehr der Zukunft

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Von: Jutta Rippegather

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Das 9-Euro-Ticket erfreut sich großer Beliebtheit in Deutschland.
Das 9-Euro-Ticket erfreut sich großer Beliebtheit in Deutschland. © imago

Das Neun-Euro-Ticket ist ein Erfolg. Doch für eine Verkehrswende bedarf es größerer Anstrengungen. Der Leitartikel.

Dieser Tage standen eine Frau und ein Mädchen vor der Tür. Das Neun-Euro-Ticket hatte es möglich gemacht.

Die Familie war 2015 mit dem großen Flüchtlingstreck nach Hessen gekommen. Schon vor Jahren zogen die Fünf weiter. Ein Besuch der Bekannten in Hessen war bei ihrem schmalen Salär nicht drin. Dann kam das Neun-Euro-Ticket – mit großer Wirkung: grenzenloses Reisen für kleines Geld, ohne komplexe Tarife, ohne sich vor jeder Fahrt mit einem Ticketautomaten auseinandersetzen zu müssen.

Neun-Euro-Ticket: Das große Chaos blieb aus

Ein erfolgreiches Experiment. Das befürchtete Chaos blieb aus. Die Deutschen haben gezeigt, dass sie Rücksicht nehmen, sich in Geduld üben können. Der Ausflug wird ein Abenteuer zum Schnäppchenpreis. Da drückt man bei den Ansprüchen an die Qualität auch mal ein Auge zu.

Das Neun-Euro-Ticket ist sozial. Familien mit geringem Einkommen ermöglicht es am Wochenende, gemeinsam die Gegend zu erkunden. Studierende besuchen weit entfernte Verwandtschaft, denn ihr Semesterticket ist in der ganzen Republik gültig. Noch ist nicht bekannt, ob der Bund die Einnahmeverluste der Kommunen und Länder tatsächlich komplett ausgleichen wird. Doch klar ist schon jetzt, dass die Berliner Ampel im September die Uhr nicht komplett zurückdrehen darf.

Die Preise für Energie und Lebensmittel steigen weiter. Mobilität ist Daseinsvorsorge. Die Republik braucht über den August hinaus ein bezahlbares, unkompliziertes Nahverkehrsticket mit deutschlandweiter Gültigkeit. Am besten direkt im Anschluss an die drei Monate und für alle, mindestens aber für Geringverdienende.

Das Neun-Euro-Ticket alleine reicht nicht aus

Aber ein Neun-Euro-Ticket macht noch keine Verkehrswende. Es ist für die Katz, wenn die Buslinie abends um 20 Uhr ihren Betrieb einstellt. Die Fahrpläne sind dünn mangels Fahrerinnen und Fahrern – und weil es zu teuer ist, wenige Menschen mit großen Bussen durch die Landschaft zu kutschieren.

Es gibt Alternativen. Etwa die On-Demand-Flotte mit autonomen Fahrzeugen, die der Rhein-Main-Verkehrsverbund mit der Deutschen Bahn an den Start bringen will. Für einen Obolus on top hält der Wagen in der Nähe der eigenen Haustür und bringt einen zum Bahnhof. Klingt nach Science-Fiction, soll aber im nächsten Jahr Wirklichkeit werden.

Die Verknüpfung des Nahverkehrs mit Share-Angeboten ist ein weiterer Trittstein zur Verkehrswende. Aus dem Zug steigen und für die letzten Kilometer das Leihauto nehmen, das Leihrad oder den E-Scooter. Die stehen nur ein paar Meter entfernt. Die Buchung sämtlicher Verkehrsmittel erfolgt über ein und dieselbe App, die Rechnung kommt monatlich. Auch daran arbeiten Expert:innen.

Verkehr: Die Infrastruktur ist kaputtgespart

Es gibt sogar schon elektronische Tickets, die die festen Tarifgrenzen außer Kraft setzen. Für Technikaffine kein Problem. Um alle Bewohnerinnen und Bewohner mitzunehmen, sind Angebote nötig, die auch diejenigen verstehen, die nicht ständig auf dem Handy daddeln. Keiner darf abgehängt werden.

Es gibt viele Ideen und Projekte. Doch noch fehlt die Basis, um jene Qualität zu bieten, die selbst eingefleischte Autofans zum Umsteigen auf Bus und Bahn bewegen könnte. Die Infrastruktur ist kaputtgespart. Marode Weichen, defekte Toiletten, zu wenig Fahrzeuge. Die Liste der Mängel ist lang.

In den Ballungsräumen stehen die ICE im Stau, weil die Kapazitäten auf der Schiene erschöpft sind. Erweiterungen des Netzes dauern Jahrzehnte von der Planung bis zum Spatenstich. Das kann und muss schneller gehen. Intensive Kommunikation von Anfang an vermeidet so manche zeitverzögernde Klage.

Nein zum Auto heißt nicht Verzicht

Ein Umdenken in der Arbeitswelt ist fällig. Wozu diese Konzentration der Jobs in den verkehrsüberlasteten Großstädten? Warum bestehen viele Chefinnen und Chefs trotz der guten Erfahrungen während der Pandemie wieder auf volle Präsenz in den Büros? Pendeln ist zeitaufwendig, teuer, klimaschädlich. Es mindert die Lebensqualität der Beschäftigten und aller, die an Straßen wohnen, durch die morgens und abends die Blechlawinen rollen.

Von weniger Autos profitieren alle. Kinder haben mehr Platz zum Spielen. Der Lärmpegel sinkt, die Luft ist besser. Die Menschen erobern sich die Stadt zurück. Die Zahl der Radfahrenden wächst, weil sie sich sicher fühlen.

Ohne ein Umdenken in den Köpfen ist die Verkehrswende nicht zu schaffen. Nein zum Auto heißt nicht Verzicht, sondern sich neuen Mobilitätsideen zu öffnen. Wie das funktioniert, testen zig Millionen mit dem Neun-Euro-Ticket im Selbstversuch. Auf die Idee hat sie mutige Politik gebracht, die die richtigen Anreize gesetzt hat. Davon brauchen wir mehr. Einzig so kann die Verkehrswende gelingen. (Jutta Rippegather)

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