Leitartikel

Das Gift der Spaltung ‒ Woher kommt der Hass in den USA und Deutschland?

  • Tanja Kokoska
    vonTanja Kokoska
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Hass und Verachtung sind überall gleich auf der Welt. Woraus speist sich der Nährboden, auf dem sie gedeihen? Die soziale Frage spielt dabei eine entscheidende Rolle. Der Leitartikel.

  • Die Wahlniederlage von Donald Trump reicht noch nicht, um die USA zu einen.
  • Auch mit Joe Biden als Präsident sitzt der Hass in der Gesellschaft noch tief.
  • Mangelnde Sicherheit und die Suche nach Schuldigen tragen ihren Teil dazu bei.

Keine zwei Monate sind es noch, dann ist die US-Präsidentschaft von Donald Trump hoffentlich Vergangenheit. Doch sie wird noch lange nachwirken. Zu tief sind die Worte des Hasses, der Verleumdung – ja: der Menschenverachtung – im Bewusstsein verankert, zu tief sitzt der Keil, der die Gesellschaft auseinandertreibt. Fassungslos machte und macht die Zahl der Menschen, die für diesen Präsidenten gestimmt haben, die ihm in seinem Hass, in seiner Verachtung gefolgt sind und weiter folgen. Dies wird nicht einfach dadurch enden, dass der Demokrat Joe Biden ins Weiße Haus zieht.

Hass und Verachtung sind überall gleich auf der Welt. Sie sind wie Wasser – sie bahnen sich ihren Weg, oder sie stauen sich so lange, bis sie sich in einer kaum noch kontrollierbaren Druckwelle entladen. Wir sehen das auch hierzulande, bei vielen, die Pegida, die den „Querdenkern“, die der AfD anhängen. Wir sehen es in jedem gnadenlosen Post in den sozialen Medien, in jeder Bedrohung von Andersdenkenden. Woher, fragen wir uns, kommt dieser Hass? Woraus speist sich der Nährboden, auf dem er gedeiht?

Einen „Bodensatz“ des Hasses, einen Anteil derer, die nicht mehr zu erreichen sind, hat es in westlichen Gesellschaften immer gegeben und wird es wohl auch immer geben.

USA: Was sind Gründe für die gespaltene Gesellschaft?

Dabei gilt es eine klare Unterscheidung zu machen: Wer sich Nazis anschließt oder auch „nur“ mit ihnen mitläuft, überschreitet eine Grenze. Auch deren Hass, deren Menschenverachtung sind sicher erklärbar. Verständlich oder gar verständniserweckend sind sie niemals, unter keinen Umständen. Doch damit ist die Suche nach den Ursachen nicht beendet. Es lohnt, den Zulauf von Populisten näher in den Blick zu nehmen, denn er droht, Gesellschaften zu sprengen – in den USA war und ist gar von der Möglichkeit bürgerkriegsähnlicher Szenarien die Rede.

Dabei kommt immer wieder die soziale Frage ins Spiel, und immer wieder wird sie mit dem Argument verworfen, es gehe den Menschen doch so gut wie noch nie. Angst vor sozialem Abstieg sei in weiten Teilen unbegründet. Nach wie vor gelte die Heilsversprechung kapitalistischer Gesellschaften, nach der es alle vom Tellerwaschen zur Million bringen können, wenn sie es nur wollen und hart genug dafür arbeiten – und dass die Leistungsgesellschaft solche Mühen mit Anerkennung honoriert.

Diese Argumentation unterschlägt zweierlei: Erstens die realen Erfahrungen, die Menschen – bis weit hinein in die Mittelschicht – in den USA wie in Deutschland machen. Prekäre Jobs, befristete Jobs. Den sich stetig verschlechternden Zugang zu Gesundheitsleistungen, die Verteuerung von Wohnraum, die drohende Altersarmut. Die Ungleichheit, die Privatisierung öffentlicher Leistungen, die Parallelwelt der Superreichen. Die Bedrohlichkeit des Klimawandels, der Globalisierung, der Digitalisierung. Die Gefahr, die von nach wie vor unregulierten Finanzmärkten und ihrer ungebrochenen Macht ausgeht.

Spaltung in den USA: Schlechte Erfahrungen sickern ins Bewusstsein ein und Schuldige werden gesucht

Zweitens wird unterschlagen, wie all diese Erfahrungen wirken, wenn sie stetig – wie Wasser – ins Bewusstsein der Menschen einsickern. Die Sozialforschung nimmt längst auch „weiche Faktoren“ in den Blick, um die Erfolge von Populisten wie Donald Trump zu erklären. Es geht dabei nicht nur um harte Zahlen wie die reale Höhe des Einkommens, sondern auch um Aspekte wie eine diffuse Unsicherheit, das Gefühl von Minderwertigkeit und Kontrollverlust, das Erleben mangelnder Anerkennung, den Druck der übersteigerten Eigenverantwortung. All das führt zu Enttäuschung, zu dem Gefühl, nichts ausrichten zu können. Und damit zu Angst und Wut.

Der indische Essayist und Ökonom Pankaj Mishra sagt, solche Erfahrungen und die daraus resultierenden Gefühle lösten eine „weltweite Epidemie“ des Ressentiments – des „heimlichen Grolls“ – aus. Dieser wirkt wie ein Gift. Denn er breitet sich – wie Wasser – im Inneren aus. Zugleich sucht er sich ein Gegenüber, das er abwerten, dem er alles Schlechte zuschreiben kann ohne die Möglichkeit der Verständigung, des Dialogs, der Kompromisse. So dringt das innere Gift, der Hass, nach außen. Und wer ihn noch schürt, wie Donald Trump, vergiftet ganze Gesellschaften.

Innere und äußere Sicherheit kann Hass und Spaltung wie in den USA vorbeugen

Einen „Bodensatz“ des Hasses, einen Anteil derer, die nicht mehr zu erreichen sind, hat es in westlichen Gesellschaften immer gegeben und wird es wohl auch immer geben. Doch um seine Ausbreitung zu vermeiden, gibt es ein Gegenmittel: Sicherheit. Innere wie äußere. Es hilft eine Politik des sozialen Ausgleichs, der Absicherung und der Solidarität. Wer Spaltung überwinden will, hat keine andere Wahl, als sie sich unter allen Umständen zu leisten.

Und es hilft die Erfahrung, das eigene und das gesellschaftliche Leben selbst gestalten zu können und sozialen Rückhalt zu erleben. Menschen, die sich etwa in einer Nachbarschaftsinitiative, in einer Konsum- oder Wohngenossenschaft zusammenschließen, ermächtigen sich selbst. Auf eine Weise entziehen sie sich dem herrschenden System und seiner Kontrolle. Sie bereiten ihren eigenen Nährboden. Auf dem niemand außer ihnen selbst etwas sät. (Tanja Kokoska)

Rubriklistenbild: © Paula Bronstein

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