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Protest vor dem Klimagipfel. (Jane Barlow/PA Wire/dpa)
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Protest vor dem UN-Klimagipfel in Schottland.

Schottland

UN-Klimagipfel: Letzte Chance Glasgow 

  • Joachim Wille
    VonJoachim Wille
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Der UN-Gipfel in Schottland müsste die Wende für mehr Klimaschutz bringen. Doch das ist leider unwahrscheinlich. Der Leitartikel.

Glasgow – Die Kurve kennt, mit kleinen Ausnahmen, nur eine Richtung: nach oben. Seit 1970 haben sich die energiebedingten CO2-Emissionen global von 16 auf 38 Milliarden Tonnen mehr als verdoppelt. Hinzu kommen die anderen Quellen für Treibhausgase, sodass die Weltgemeinschaft in diesem Jahr die Rekordmenge von geschätzt 60 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalenten in die Atmosphäre pusten wird.

Und da soll nun ein zweiwöchiges Gipfeltreffen die Wende bringen? Die COP26 in Glasgow, die am Wochenende beginnt? Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt, doch sich Illusionen zu machen, bringt nichts. Denn: Dass Glasgow die Welt rettet, ist leider unwahrscheinlich.

UN-Klimagipfel in Schottland: Emissionen müssen sich bis 2030 halbieren

Das UN-Treffen in Schottland gilt vielen als letzte Chance, das Ruder herumzuwerfen. Konkret: das 1,5-Grad-Limit der globalen Erwärmung doch noch anzusteuern. Um dieses Ziel in Reichweite zu halten, müssen die weltweiten Emissionen bis 2030 praktisch halbiert werden.

Das umzusetzen bedeutet, die bisherige Logik des fossil befeuerten Wohlstands und Wachstums binnen nicht mal eines Jahrzehnts abzulösen durch ein grünes Leitbild mit 100 Prozent CO2-freiem Strom, Wasserstoffwirtschaft, E-Mobilität, Energieeffizienz – und in den reichen Ländern Genügsamkeit statt Konsumorgien.

UN-Klimagipfel in Schottland: Nur Mega-Krisen haben bisher einen Rückgang der Emissionen bewirkt

Wie groß die Herausforderung ist, zeigt besagte CO2-Kurve. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben nur ökonomische Mega-Krisen oder Umbrüche einen Rückgang der Emissionen bewirkt: die erste und die zweite Ölkrise, der Zusammenbruch des Ostblocks, die Weltwirtschaftskrise nach der Lehman-Pleite und zuletzt Corona. Nach jeder Krise erreichten die Emissionen schnell wieder den Wert von vorher, und dann ging es mit Volldampf weiter nach oben.

Bisher haben die 25 UN-Klimagipfel nichts daran geändert. Die jüngste Bilanz des UN-Umweltprogramms zeigt, dass die Welt mit den bisherigen CO2-Reduktionsplänen der Regierungen nicht auf 1,5, auch nicht auf zwei, sondern 2,7 Grad Erwärmung zusteuert. Eigentlich indiskutabel, misst man das an den von fast allen Ländern der Welt unterzeichneten Vorgaben des Paris-Abkommens von 2015. Alle fünf Jahre sollten die nationalen CO2-Pläne nachgeschärft werden. Trotz der Corona-Verzögerung um ein Jahr – der Gipfel musste verschoben werden – haben das nicht einmal alle Staaten getan, und die Bilanz zeigt: Die Ambitionen reichen bei weitem nicht.

UN-Klimagipfel: Kann Glasgow dem Klimaschutz neue Dynamik verleihen?

Die wichtigste Frage ist nun: Können Glasgow und der just vorher stattfindende G20-Gipfel dem Klimaschutz trotzdem noch neue Dynamik verleihen? Hier ruhen die letzten Hoffnungen auf den USA und der EU. Vor allem, nachdem China als globaler Obereinheizer am Donnerstag klargemacht hat, dass es, anders als erwartet, keine verstärkten Klimaanstrengungen mit Blick auf 2030 ankünden wird.

Das Land steckt aktuell in einer Energiekrise und versucht, sie mit stärkerer Kohlenutzung zu lösen. So bleibt es bei Pekings Plan, das Maximum der CO2-Emissionen bis 2030 zu erreichen und sie dann abzusenken – zu spät, um auf einen 1,5- oder wenigstens Zwei-Grad-Pfad zu kommen.

UN-Klimagipfel in Schottland: Australien will bis 2030 die Füße still halten

Doch auch andere CO2-Schwergewichter hinken hinterher. Australien zum Beispiel peilt zwar nun Klimaneutralität bis 2050 an, will bis 2030 aber nicht mehr tun als bisher angekündigt. Noch bedenklicher: Russland, Brasilien und Mexiko haben neue Pläne aufgestellt, die die 2030er CO2-Ziele teils sogar abschwächen statt sie zu verschärfen.

Die USA und die EU sind die großen Blöcke, die zumindest ansatzweise mit ihren „Green-Deal“-Plänen auf dem richtigen Kurs sind – und gemeinsam eine überzeugende Führungsrolle übernehmen könnten. Es ist allerdings weiter unklar, ob US-Präsident Joe Biden es schafft, eine Mehrheit im Kongress für seinen abgespeckten, aber immer noch ansehnlichen Klimaschutz-Investitionsplan sicherzustellen.

UN-Klimagipfel in Schottland: Von der Leyen muss die EU beim Klima zusammenhalten

Auch die EU muss erst noch hart daran arbeiten, dass ihr Öko-Deal nach der Verschärfung der 2030er CO2-Ziele auch wirklich in die Tat umgesetzt wird. Zuletzt hat Bremser Polen mit seiner starken Kohleabhängigkeit wieder Zweifel daran gesät; zudem streiten die Länder über den richtigen Technologie-Weg, ob mit Atomkraft oder ohne.

Kommissionspräsidentin von der Leyen und die EU-Länderchefs haben nun den Job, den Laden beim Klima zusammenzuhalten und der Weltgemeinschaft den Eindruck zu vermitteln, dass der alte Kontinent begriffen hat, um was es geht. UN-Generalsekretär Antonio Guterres attestierte den Politiker:innen, die in diesen Jahren über die Klimazukunft des Planeten entscheiden, jüngst eine „Führungslücke“. Glasgow ist eine der letzten Chancen, ihn zu widerlegen. (Joachim Wille)

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