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Putins Scheitern im Ukraine-Krieg

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Von: Viktor Funk

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Wladimir Putin
Russlands Präsident Wladimir Putin. © Kirill Kudryavtsev/AFP

In Moskau lassen sich ernsthafte Probleme bei der Kriegführung nicht mehr verschweigen. Es gibt klare Zeichen für eine Machtverschiebung zugunsten der Ukraine. Der Leitartikel.

Frankfurt – Mittwoch, 18. Mai, die Nachrichten um 09.00 Uhr im russischen Staatsfernsehen Perwyj Kanal: Ein ausführlicher Bericht widmet sich den ukrainischen Kämpfern und Kämpferinnen aus dem Asow-Stahlwerk, die sich ergeben haben. Die Moderatorin wirft westlichen Medien vor, sie würden die Realität verdrehen, weil sie von Evakuierung und nicht von Niederlage der Asow-Truppe sprechen. Dieser Bericht soll das russische Publikum glauben machen, westliche Medien würden „alles auf den Kopf stellen“. Die Kämpferinnen und Kämpfer aus dem Asow-Werk werden in Russland noch lange propagandistisch ausgebeutet, das ist absehbar.

Russland wird diese Gefangenen als einen Beweis für ihre Behauptungen präsentieren, dass die ukrainische Armee aus Nazis bestehe, weil es im Asow-Regiment zum Beginn seiner Entstehung 2014 tatsächlich viele Rechtsradikale gab.

Ein verbrecherischer Krieg

Seit dem Sturz des prorussischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch im Februar 2014 sahen der russische Präsident Wladimir Putin, sein Staatsapparat und seine staatlich kontrollierten Medien nur Nazis in der Ukraine. Das diente der Legitimation, das Land unter russische Kontrolle zu bringen und ihm eine unabhängige, selbstbestimmte und demokratische Entwicklung zu verwehren. Doch selbst sein verbrecherischer Krieg bringt Putin diesem Ziel keinen Schritt näher. Ganz im Gegenteil.

Ukrainische Kämpferinnen und Kämpfer hatten sich in dem Asow-Stahlwerk in Mariupol verschanzt.
Ukrainische Kämpferinnen und Kämpfer hatten sich in dem Asow-Stahlwerk in Mariupol verschanzt. © dpa

Das ukrainische Nazi-Monster, das Moskau halluzinierte, gibt es nicht. Dafür gibt es ein Volk, das nicht nur effektiv Widerstand gegen die Angreifer leisten kann, sondern auch noch die Unterstützung der westlichen Welt bekommt. Zudem hat Moskau dafür gesorgt, dass mit Schweden und Finnland zwei neutrale Staaten des Westens sich nun rasch der Nato anschließen.

Russland verschweigt eigene Verluste

Nach 84 Kriegstagen ist klar, dass Moskau gescheitert ist, auch wenn es die Gefangennahme der Frauen und Männer aus dem Asow-Werk als einen Erfolg präsentiert. Was die russischen Medien dagegen verschweigen, das sind die eigenen Verluste. Und die sind enorm.

Offiziell existiert bisher nur eine Zahl. Am 25. März berichtete das russische Verteidigungsministerium von 1351 Gefallenen. Das ist absurd wenig. Am 25. April ging das britische Verteidigungsministerium von mindestens 15.000 gefallenen russischen Soldaten aus, inzwischen spricht das ukrainische Verteidigungsministerium von mehr als 28.300.

Tote, Verwundete und nicht mehr Einsatzfähige

Für übertrieben hält der israelische Militäranalyst Igal Levin diese Zahl nicht. In seinem Telegram-Kanal „Ressentiment“, in dem er von Anfang an den Kriegsverlauf analysiert, geht er davon aus, dass mit toten, verwundeten und nicht mehr einsatzfähigen russischen Soldaten die Verluste auf mehr als 70.000 geschätzt werden müssten.

Von Asow abgesehen kommt Moskau in den vergangenen Wochen militärisch kaum voran. Zur besten Sendezeit im Staatsfernsehen kann der ehemalige Oberst-Leutnant Michail Chodarenock von ernsthaften Problemen, einer politischen Isolation und einer hohen Kampfmoral der Ukrainer sprechen. Und Kiew setzt jetzt die Gespräche mit Moskau aus. Das ist ein klares Zeichen für Machtverschiebungen in diesem Krieg. Die Überfallenen und Getriebenen haben die Lage soweit im Griff, dass sie sagen können: Stopp, so reden wir nicht mehr mit euch!

Die Zeit läuft für die Ukraine

Kiew will erst weiter verhandeln, wenn Putin die Realität einer unabhängigen Ukraine anerkennt, seine Nazi-Mythen zurücknimmt und die Truppen zurückzieht. Diese Strategie kann sich die Ukraine erlauben, weil sie weiß, dass die Zeit auf ihrer Seite ist – nicht zuletzt wegen der enormen westlichen Militärhilfe.

Die festgefahrene militärische Situation kann zu einem Wendepunkt führen – einem positiven oder einem negativen. Sollte das Regime Putins zur Besinnung kommen, könnten tatsächlich Verhandlungen beginnen, die den Namen auch verdienen.

Russische Mobilmachung kaum durchsetzbar

Hält Moskau an seinem imperialen Weltbild fest, müsste es eine Mobilmachung ausrufen, um militärisch etwas zu erreichen. Das ist aber weder logistisch noch politisch durchsetzbar, wovon seit Kriegsbeginn russlandweit mindestens zwölf Brandanschläge auf Registrierbüros der Armee zeugen.

Doch es wäre ein Wunder, würde Putin Fehler eingestehen. Deshalb ist eine andere Option wahrscheinlicher: Moskau wird die Realität nicht anerkennen, aber gleichzeitig auch militärisch nichts mehr ausrichten können. Der Status quo bleibt erst einmal. Ein Stellungskrieg droht und Raketenbeschuss der Infrastruktur in der gesamten Ukraine. Wenn Putin schon nicht gewinnen kann, so wird er der Ukraine einen noch größeren Schaden zufügen wollen. Dass er dabei auch seinem eigenen Land schadet, ist ihm gleich. (Viktor Funk)

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