Gläubige versammeln sich vor der Hagia Sophia in Istanbul, wo erstmals seit der Umwidmung in eine Moschee das Freitagsgebet stattfindet.
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Gläubige versammeln sich vor der Hagia Sophia in Istanbul, wo erstmals seit der Umwidmung in eine Moschee das Freitagsgebet stattfindet.

Türkei

Hagia Sophia - Symbol für Erdogans autoritäre Identitätspolitik

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Die Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee setzt die autoritäre Formierung zu einer rein muslimischen Gesellschaft fort. Aber kollektive Identität kann auch befreiend sein. Der Leitartikel.

Wenn es nach Recep Tayyip Erdogan geht, wird in der Türkei an diesem Freitag „Auferstehung“ gefeiert. Was er meint, ist die Wiederauferstehung eines identitätsstiftenden Symbols der muslimischen Türkei: Die Hagia Sophia, einst Kirche, dann Moschee und dann Museum, wird wieder als muslimisches Gebetshaus genutzt.

Identität stiften: Das ist es, was Erdogan sich von diesem Schritt erhofft. Es handelt sich allerdings – anders als bei identitätspolitischen Debatten im linken und liberalen Spektrum – um eine von oben „gestiftete“, eine autoritär verfügte Identität.

Hagia Sophia in Istanbul umgewidmet: Formierung einer kollektiven Identität

Als Museum konnte die „Heilige Weisheit“, so der Name auf Deutsch, nur als Ausdruck eines laizistischen Staates gelesen werden, der religiöse (und gesellschaftliche) Vielfalt nicht als Störung der „Identität“, sondern als Vorzug freier Gesellschaften verstand. Nun soll das Gebäude einer geschlossenen Gesellschaft Ausdruck geben, deren Mitglieder zumindest in Glaubensfragen miteinander möglichst „identisch“ sind.

Unter diesem Aspekt verweist die Wiedernutzung der Hagia Sophia als Moschee auf Formen von Identitätspolitik, die weit über den Anlass hinaus eine Bedrohung für freiheitliche Gesellschaften darstellen. Erdogan ist leider nicht allein mit dem Versuch, die Bevölkerung durch die mal „nur“ propagierte, mal mit Zwang durchgesetzte Formierung zu einer kollektiven Identität zu disziplinieren. Wer sich diesem Kollektiv entzieht, gilt als Verräter.

Hagia Sophia wird zur Moschee: Vehikel muss nicht religiös sein

Das Vehikel muss nicht immer ein religiöses sein. Wie wir wissen, kann das Motto „hegemonialer Identitätspolitik“, wie Wissenschaftler sie nennen, statt „Allah ist groß“ auch „Make America Great Again“ heißen (und mit „America“ ausschließlich die Weißen meinen). Es kann, wie in Russland, im dekretierten Schulterschluss gegen den angeblich dekadenten Westen bestehen, der Fortschritte wie die „Ehe für alle“ per Verfassung faktisch ausschließt. Und die regierenden Identitätspolitiker in Polen sind ihrem Lieblingsfeind Wladimir Putin in dieser Hinsicht ähnlicher, als sie glauben. Von AfD und Co. ganz zu schweigen.

Bei diesen Formen der kollektiven Identität handelt es sich um das Gegenteil dessen, was im liberalen Spektrum als „Identitätspolitik“ gilt. Wird auf der einen Seite die Religion, die Nationalität oder die „Moral“ (oder alles auf einmal) als Mittel der Machtsicherung benutzt, kann die Politisierung kollektiver Identitäten auf der anderen Seite ein legitimes, ja notwendiges Mittel im Kampf um Emanzipation sein.

Tatsächlich geht der Begriff „Identitätspolitik“ eher auf seine emanzipatorische Bedeutung zurück. Hier geht es darum, dass strukturell benachteiligte Gruppen – Frauen, People of Color, ethnische Minderheiten, Schwule, Lesben, Trans-Personen, Obdachlose oder andere – sich ihrer gemeinsamen Identitätsmerkmale bedienen, um sich zum Einsatz für Anerkennung und Gleichberechtigung zu formieren.

Umwidmung der Hagia Sophia als Ablenkung für die türkische Wirtschaftskrise

Wer daran glaubt, dass Vielfalt eine Gesellschaft lebenswerter macht als erzwungene Homogenität, kann diese emanzipatorische Variante der Identitätspolitik nur begrüßen. Und muss zugleich staunen, welche wütenden Reaktionen sie auslöst – offenbar vor allem bei denjenigen, die ihren gesellschaftlichen Status und/oder ihre eigene Identität für so brüchig halten, dass sie sich von gleichberechtigten Minderheiten angegriffen fühlen. Selbst wenn sie noch nie einem Mitglied dieser Minderheiten begegnet sind.

Es wäre ein großer Fehler, das Streben nach Emanzipation an diesen Reaktionen zu messen. Die Auseinandersetzung muss nicht nur gegen autoritäre Identitätspolitiker wie Erdogan geführt werden, sondern auch gegen anti-emanzipatorische Reflexe in der Gesellschaft selbst.

Wo soziale Zustände autoritären Fantasien in die Hände spielen (Erdogan will ja nicht zuletzt von der schlechten Wirtschaftslage ablenken), muss gegen diese Zustände angegangen werden – aber gerade nicht als Alternative zu liberalen Modellen der Vielfalt, sondern mit dem Ziel, Akzeptanz für diese Modelle zu finden.

Auch in der emanzipatorischen Identitätspolitik lauern Gefahren

Allerdings: Auch in der emanzipatorischen Identitätspolitik lauern, wie sich in jüngsten Debatten zeigt, Gefahren. Sie liegen nicht darin, dass gegen rassistische Muster angegangen wird, zum Beispiel in der Sprache. Gefährlich, wenn auch in der Emphase des Aufbegehrens verständlich, ist vielmehr eine Verengung des Identitätsbegriffs, die ihrerseits zu ausgrenzenden Verhaltensweisen führen kann.

Nur ein Beispiel: Der Schriftsteller und Pulitzer-Preisträger Jeffrey Eugenides hat sich jüngst im Interview mit der Wochenzeitung „Der Freitag“ gegen eine Vorstellung von authentischer Identität gewandt, nach der Männer nicht über Frauen und Weiße nicht über Schwarze schreiben könnten (und umgekehrt). Literatur wie emanzipatorische Politik bräuchten gerade auch „Menschen, die sich vorstellen, wie es ist, jemand anderes zu sein“, sagte er.

Gut so! Das nämlich ist das genaue Gegenteil einer autoritären Identitätspolitik, die so tut, als müssten alle so sein wie ich.

Stephan Hebel

Die Umwandlung der Hagia Sophia in Istanbul zeigt, wie nervös der türkische Präsident Erdogan ist. Doch viele seiner Probleme wird er so nicht lösen können. Ein Kommentar.

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