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Tierwohl erwünscht: Seriöse Kennzeichnung wäre ein echter Fortschritt

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Von: Jutta Rippegather

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Eingepfercht in Lastwagenanhängern geht es leider viel zu oft auf eine sehr lange Reise in Tötungsfabriken.
Eingepfercht in Lastwagenanhängern geht es leider viel zu oft auf eine sehr lange Reise in Tötungsfabriken. © Animal Welfare Foundation / dpa

Die Bevölkerung ist bereit, für gute Lebensmittel mehr zu zahlen. Dazu müssen die Produkte eindeutig und verständlich gekennzeichnet sein. Der Leitartikel.

Frankfurt – Die Preise für Schweinefleisch sind im Keller. Immer mehr landwirtschaftliche Betriebe müssen die Mast aufgeben. Grund ist nicht zuletzt das Importverbot, das China nach Auftreten der Afrikanischen Schweinepest im September 2020 erlassen hat. Deutschland produziert weit über den Bedarf. Masse statt Klasse ist noch immer der Maßstab. Das laugt die Böden aus, quält Tiere, muss sich ändern. Ob das Tierwohl-Label von Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) einen wesentlichen Betrag dazu leistet, wird sich in Zukunft zeigen. Es wäre ein großer Fortschritt. Die Zeit dazu ist reif.

Rund die Hälfte des deutschen Schweinefleisches wurde bis zum chinesischen Importstopp für den Export produziert. Und dann kam noch Corona mit dem Lockdown – ohne Schnitzel im Restaurant, ohne Bratwurst bei der Großveranstaltung. Vielen Bäuerinnen und Bauern steht das Wasser bis zum Halse. Von daher ist es eine gute Idee, bei der Einführung des Tierwohl-Kennzeichens mit dem Schweinefleisch anzufangen.

Tierwohl: Kennzeichen-Kriterien sind aktuell noch zu limitiert

So manchem Betrieb könnte Özdemirs Vorstoß die Existenz sichern. Aber nur, wenn sich die Umstellung für dieses Unternehmen rechnet. Siehe Legehennenhaltung. Özdemirs Parteifreundin Renate Künast war an der Abschaffung maßgeblich beteiligt. So gut wie keiner weint der lange verteidigten Käfighaltung mehr nach.

Freilauf und mehr Platz im Stall dürfen jedoch nicht die einzigen Kriterien sein. Eingepfercht in Lastwagenanhängern geht es leider viel zu oft auf eine sehr lange Reise in Tötungsfabriken. Tierwohl verbessern bedeutet regionale Schlachtstätten erhalten, neue fördern. Und auch Barrieren abbauen, damit Tiere auf der Weide oder direkt im Betrieb ihr Leben beenden können.

Tierwohl: Großteil der Bevölkerung wünscht sich Verbesserungen

Der Großteil der Bevölkerung wünscht sich solche Verbesserungen in der Landwirtschaft. Viele sind bereit, dafür mehr zu bezahlen. Transparenz statt Anonymität ist gefragt. Regionalität statt unbekannter Ursprung. Aushänge in den Metzgereien geben Auskunft über die Herkunft von Wurst oder Grillsteak. Jeder Lebensmittelskandal sensibilisiert die Menschen mehr. Sieben Tage pro Woche ein dickes Stück Fleisch auf den Teller – das passt nicht zu gesundheitsbewusstem Leben.

Angesichts unappetitlicher Bilder und Nachrichten entsagen so mancher und so manche dem Fleischkonsum komplett. Vegetarische oder vegane Ernährung boomt. Klassische Wursthersteller erweitern ihr Sortiment um Tofuwurst, Grünkernfrikadellen und Co., Restaurants und Kantinen ihre Speisekarten um fantasievolle Kreationen.

Tierwohl: Bei seriöser Kennzeichnung zahlen Verbraucher mehr

Gesunde Lebensmittel haben an Wertschätzung gewonnen. Der Ausverkauf der Landschaft steht in der Kritik. Landwirtinnen und Landwirte legen Blühstreifen an, lassen einzelne Felder für Bienen und Rebhühner verwildern, dafür gibt es Geld vom Staat. Eine Entwicklung, die auch in Zeiten des Ukraine-Kriegs nicht an Relevanz verloren hat. Ein paar zusätzliche Ähren auf Blühstreifen können nicht die riesigen Mengen an Weizen ersetzen, dessen Lieferung Russlands Angriffskrieg blockiert und damit eine Hungersnot in Afrika provoziert. Eine Politik der überdüngten Masse statt Klasse würde Klimawandel und Artensterben ignorieren. Ohne Blüten keine Bienen, ohne Insekten keine Früchte.

Moderne Landwirtschaftspolitik setzt den Schutz der Natur in den Mittelpunkt. Sichert die Zukunft der kommenden Generationen. Der Nachwuchs hat das viel besser erkannt als so manche Alten, die auf jede Änderung ihrerseits mit wütenden Protesten reagieren. Es wird höchste Zeit, noch stärker umzusteuern. Die Erfahrung bei den Eiern zeigt, dass Verbraucherinnen und Verbraucher durchaus bereit dazu sind, für eine bessere Tierhaltung tiefer in die Tasche zu greifen. Bedingung ist eine seriöse Kennzeichnung, die auf den ersten Blick Auskunft über die Produktionsbedingungen liefert. Das wäre ein echter Fortschritt. Bislang gibt es ungezählte Labels, Siegel, Zertifikate – das sorgt mehr für Verwirrung, denn Orientierung.

Tierwohl: Verpflichtende Lebensmittelampel muss kommen

Das Tierwohl-Label darf nur der Anfang einer Verbraucherpolitik sein, die ihren Namen verdient. Die im November 2020 eingeführten Nutri-Scores sind ein fauler Kompromiss. Kein Unternehmen schreibt freiwillig auf sein Produkt, dass es viel Zucker oder Fett enthält. Jetzt, wo die Grünen am Drücker sitzen, muss endlich die verpflichtende Lebensmittelampel kommen. Grün ist gesund, Rot nicht. Das verstehen alle. (Jutta Rippegather)

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