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Bringt Pfingsten die Erlösung?
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Bringt Pfingsten die Erlösung?

Leitartikel

Nahost-Konflikt und Migrationspolitik in der EU: Die Sprache der anderen

  • Bascha Mika
    vonBascha Mika
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Nahost-Konflikt, Ceuta, Populismus: Europa braucht ein Pfingstwunder – Vielfalt und dennoch einmütige Botschaften. Der Leitartikel von Bascha Mika.

Es lebe der Heilige Geist – auch wenn am nächsten Tag der Schädel brummt! Diese prägnante Zeile eines verkannten Dichters lässt leider entscheidende Fragen offen. Geht es um Himbeer- oder Kräutergeist, der zum Brummschädel führt, also um Spiritus anstelle von Spirituellem? Oder spricht er von Gottes Geist, der bekanntlich als Feuerzunge vom Himmel herabkommt und vielleicht arg hart auf dem Dichterkopf aufgeschlagen ist? So der so, Pfingsten steht vor der Tür, und wo Pfingsten ist, ist der Heilige Geist nicht weit – womit wir beim morgigen Fest und beim Thema wären.

Gute Geschichten haben es an sich, dass sie nicht alt werden; fortgesetzt liefern sie gegenwartsnahe Anknüpfungspunkte, egal in welcher Schrift oder Textsammlung sie die Zeit überdauern. Die Pfingsterzählung aus dem Neuen Testament ist eine solche Geschichte, auch jenseits des religiösen Kontextes.

Dort ist die Rede von den Jüngern, die nach Ostern 50 Tage im Verborgenen lebten, doch zum jüdischen Erntedankfest in Jerusalem aus ihrem Versteck kamen. Wegen des Festes war die Stadt voll von internationalem Publikum – und deshalb geschah das Sprachenwunder.

Vielfalt statt Einheit, Pluralität anstelle von Homogenität

Unter lautem Brausen fuhr Gottes Geist in Gestalt von feurigen Zungen auf die Jünger nieder, und sie konnten fortan in fremden Sprachen sprechen. Genauer gesagt: All die Ausländer in Jerusalem, die Ägypter, Libyer, Römer und Kreter, vernahmen die Jünger in ihrer je eigenen Sprache und verstanden die Botschaft.

Zweifellos geht es in dieser Erzählung um Vielfalt statt Einheit. Um Pluralität anstelle von Homogenität und auch um universelles Verstehen. Nicht die Fremden haben allesamt dieselbe Sprache gelernt, sondern die Jünger beherrschen plötzlich die Sprachen der anderen.

Dies ist ein Gründungsmythos der Kirche und eine Blaupause für spätere christliche Mission. Doch abgesehen vom religiösen und dem sehr zweifelhaften missionarischen Aspekt: Was heißt es, die Sprache der anderen zu sprechen? Und welche Art Geist wird dazu benötigt?

Nahost-Konflikt: Am Ende stand wieder mal Uneinigkeit und eine schwache europäische Stimme

Vor einigen Tagen, im ersten gemeinsamen Auftritt der Kanzlerkandidatin und der beiden -kandidaten für die Bundestagswahl, sagte die Grüne Annalena Baerbock: Was sie an Europa wirklich nerve, sei das Einstimmigkeitsprinzip.

Den Anlass für ihre Klage hatten die EU-Staaten aktuell geliefert. Im derzeit schwelenden Nahostkonflikt konnten sie sich noch nicht einmal auf eine gemeinsame Erklärung einigen, die einer vermittelnden Position gerecht geworden wäre. Die den Raketenbeschuss der Hamas verurteilt, aber das Recht Israels zur Verteidigung an Verhältnismäßigkeit und Völkerrecht geknüpft hätte. Ungarn blockierte diese Erklärung. Am Ende stand wieder mal Uneinigkeit und eine schwache europäische Stimme im Nahost-Friedensprozess.

Europa ist vielstimmig, es spricht keine universelle Sprache, es besticht durch unglaubliche Vielfalt auf relativ kleinem Raum. Einheit wird nicht erzwungen, was einer Identitätspolitik in Ländern und Regionen zweifellos guttut – solange sie nicht nationalistisch und ethnisch unterfüttert daherkommt. Doch wo bleibt die Einmütigkeit in der Kernbotschaft, damit die gewollte Pluralität nicht antagonistisch wird?

Ceuta: Die Opfer des Antagonismus stranden an Europas Außengrenzen

Die Opfer des Antagonismus stranden wieder an Europas Außengrenzen, in der spanischen Exklave Ceuta. Aus Armut und Perspektivlosigkeit drängen Marokkanerinnen und Marokkaner in die EU und werden massenweise abgeschoben – brutal, ohne Chance auf ein Asylverfahren. Sie sind zum Spielball hässlicher Auseinandersetzungen zwischen der marokkanischen und der spanischen Regierung geworden, wobei die eine ihre Bevölkerung autokratisch knechtet, während die andere sich als Sündenbock für eine gescheiterte europäische Migrationspolitik sieht.

Die EU macht lieber Deals mit Despoten wie dem marokkanischen König Mohammed VI. oder dem türkischen Staatschef Erdogan, setzt auf Gewalt, Zäune und Natodraht, statt den grassierenden Menschenrechtsverletzungen ein Ende zu setzen und Not zu lindern. Durch Abschottung und einwanderungsfeindlichen Populismus verrät sie nicht nur die Werte, die ihr angeblich wichtig sind – sie bricht auch systematisch europäisches Recht.

Wenn Vielstimmigkeit zur Zersplitterung führt, wird Vielfalt zum Codewort für sträfliche Unterlassung

Dies wird sich nicht ändern, solange die EU in der Migrationspolitik und anderswo eine Einheitsfront fordert, ohne dass Einmütigkeit hergestellt werden kann. Nicht mit den derzeitigen Regierungen in Polen und Ungarn. Wenn Vielstimmigkeit zur Zersplitterung führt, wird Vielfalt zum Codewort für sträfliche Unterlassung. Die aufzubrechen bedeutet, Menschenrechte eben jenseits von Einheit und Einmütigkeit durchzusetzen.

Europa braucht also ein Pfingstwunder! Einen Geist, der befähigt, die Sprache der anderen zu sprechen. Braucht den Spirit zu hören und zu verstehen. Für gemeinsame Botschaften. Doch fatal – noch stellt sich nicht die Frage, ob Europa vom heiligen Geist erleuchtet wird, sondern ob es je um ihn gebeten hat. (Bascha Mika)

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