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Sound der Zukunft

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jan Christian Müller

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Kommentieren gemeinsam mit Lothar Matthäus die Spiele: Julia Simic (r.) und Tabea Kemme.
Kommentieren gemeinsam mit Lothar Matthäus die Spiele: Julia Simic (r.) und Tabea Kemme. © IMAGO/Peter Hartenfelser

Die Machobranche Bundesliga will in der 60. Saison weiblicher und nachhaltiger werden. Der Leitartikel.

Die Fußball-Bundesliga als Herzkammer des professionellen deutschen Fußballs, frisch frisiert mit den prominenten Aufsteigern Schalke 04 und Werder Bremen, macht sich hübsch für ihre 60. Saison. Das Wehklagen aus der Hochzeit der Pandemie ist Aufbruchstimmung gewichen. Am Freitagabend wird die Partie der Frankfurter Eintracht gegen Abo-Meister FC Bayern live in die ganze Welt übertragen, hierzulande ohne Pay-TV-Vertrag bei Sat1.

Zwei Stars sind gegangen: Robert Lewandowski und Erling Haaland waren selbst von den Branchenführern Bayern München und Borussia Dortmund nicht zu halten und spülten zusammen mehr als 100 Millionen Euro in die Kassen. Im Gegenzug investierten die beiden Aktiengesellschaften opulent.

Es ist frisches Geld da, Corona hat nicht alles aufgezehrt. So kann die deutsche Eliteklasse gleich im Eröffnungsspiel zwei Berühmtheiten präsentieren: den vormaligen Liverpool-Starstürmer Sadio Mané beim FC Bayern und den WM-Helden von 2014, Mario Götze, im Frankfurter Trikot.

Auffallend außerdem, dass im europäischen Spitzenfußball auch starke Frauen sichtbarer werden sollen. Bezahlsender Sky zeigt fortan jedes Wochenende ein Spiel der englischen Womens’s Super League und will sich um die derzeit noch bei der Telekom versteckten TV-Rechte an der Frauen-Bundesliga bemühen.

Zudem werden dem alten Recken Lothar Matthäus bei den Übertragungen der Topspiele regelmäßig die beiden meinungsstarken Ex-Nationalspielerinnen Tabea Kemme und Julia Simic beiseite gestellt. Motto: „Die ganze Saison voller Frauenpower!“ Das sind völlig neue Töne. Gar der Sound der Zukunft?

Dazu passt: Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) geht erstmals mit einer Frau an der Spitze in die Saison. Donata Hopfen spürt allerdings gerade, wie groß die Fußstapfen ihres hochgeachteten Vorgängers Christian Seifert sind. Auch die englische Premier League hat eine neue Vorsitzende. Die ersten Trippelschritte in der ausgewiesenen Machobranche Fußball sind, wenn auch nur in Zeitlupe, gemacht.

In der Arbeitsgruppe Frauenfußball denken Leute aus dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) und der Bundesliga darüber nach, der vom Verband zuvor verschlafenen Angelegenheit mehr Dynamik zu verschaffen, England ist meilenweit voraus. Noch ist es so: Hierzulande schauen bisher durchschnittlich pro Partie kaum 1000 Menschen den Spielen der Frauen-Bundesliga zu, 40 mal weniger als bei den Männern. Das zur Einordnung, weshalb eine Gleichbehandlung bei der Bezahlung, wie von Kanzler Olaf Scholz gefordert, noch lange Utopie bleiben wird. Und zwar völlig zu Recht.

Immerhin: Nachzügler wie Borussia Dortmund, Schalke 04, der VfB Stuttgart und Mainz 05 haben inzwischen Frauenteams etabliert. Ein Feld ist jedenfalls bereitet, auf dem der Frauenfußball nach der fulminanten Europameisterschaft in England nun auch an deutschen Standorten säen und ernten kann.

Die Männer-Bundesliga muss in diesem Jahr erstmals damit klarkommen, dass die Saison von Mitte November an unterbrochen werden muss. Das haben die darüber schwer verstimmten nationalen Ligen korrumpierbaren ehemaligen Fifa-Männern zu verdanken, die das kleine, reiche Emirat Katar für den Sommer 2022 zum WM-Ausrichter erkoren haben, ehe es allen miteinander aufging, dass es unverantwortlich ist, bei 45 Grad im Schatten Fußball zu spielen. Ergo: Verschiebung in den Winter, Finale kurz vor Weihnachten.

Was die Premier League nicht davon abhält, gnadenlos schon am zweiten Weihnachtstag wieder mit dem Spielbetrieb auf der Insel loszulegen, derweil die betuliche Bundesliga noch fast einen Monat länger pausiert. Die Stars sollen zur Ruhe kommen. Das heißt für die große Mehrheit der rund 1000 Fußballprofis aus erster und zweiter Liga: zehn lange Wochen Spielpause.

Abseits der Kreidelinien gibt es mehr zu tun. Das Bundeskartellamt rügt aus guten Gründen die sogenannte 50+1-Regel, die besagt, dass deutsche Lizenzklubs von den Mitgliedern regiert werden und nicht von Investoren. Die Wettbewerbswächter stört die Ausnahmeregelung für die Konzernklubs VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen.

Es sind in der Tat unfaire Bestimmungen, die beispielsweise in der Coronasaison 2020/21 dazu geführt haben, dass Wolfsburgs und Leverkusens Fußball-GmbH zweistellige Millionenverluste von ihren Mutterkonzernen ausgeglichen bekamen – und diese so noch steuersparend verbucht werden konnten.

Und noch etwas beschäftigt die Bundesliga: Sie will nachhaltiger werden. Konsequent wäre es im derzeitigen Kriegskrisenmodus, etwa auf den Betrieb von Rasenheizungen, Kunstsonne zur Unterstützung des Graswachstums, Flutlichtspiele, nationale Flüge sowie Fernreisen zu Marketingzwecken zu verzichten. Aber all das wird nicht passieren. Der Profifußball frisst in seinem Rattenrennen reichlich Kapital und Energie. Aber immerhin nicht mehr ganz so ungeniert.

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