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Proteste gegen den Coup des Militärs im Sudan.
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Proteste gegen den Coup des Militärs im Sudan.

Leitartikel

Showdown im Sudan

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Militärdiktatur oder Demokratie: In den kommenden Wochen steht in dem ostafrikanischen Land viel auf dem Spiel. Der Leitartikel.

Die Mobilmachung ist abgeschlossen, die Heere stehen sich gegenüber. Am Samstag zogen Zigtausende Demonstrierende auf die Straßen der sudanesischen Hauptstadt Khartum. Sie wurden argwöhnisch beäugt von Soldaten und Milizionären der verrufenen Rapid Support Forces (RSF), die sich dieses Mal noch weitgehend zurückhielten. Sie erschossen „lediglich“ drei Menschen.

Was in den kommenden Tagen und Wochen geschehen wird, ist so wenig vorherzusehen wie das Wetter in Zeiten der Klimakatastrophe: Fest steht nur, dass der Welt ein Showdown bevorsteht, der an Bedeutung den Ereignissen auf dem Pekinger Tiananmen-Platz oder der portugiesischen Nelkenrevolution um nicht viel nachsteht. Der Sudan ist ein Scharnier zwischen der afrikanischen und der arabischen Welt: Was hier passiert, wird von 1,5 Milliarden Menschen in mehr als 60 Staaten mit angehaltenem Atem verfolgt.

Drei mögliche Ausgänge des Showdowns im Sudan zeichnen sich ab

Auf dem Spiel stehen zwei gesellschaftliche Gestaltungsmodelle, die kontrastreicher nicht sein könnten: Hier die Herrschaft des Volkes, die sich zumindest in ihren Anfängen noch labil und verwirrend darstellt. Dort die Herrschaft der Militärs, die Stabilität und Wohlstand verspricht, letzteres zumindest für eine Minderheit der Bevölkerung. Was sie im letzteren Fall erwartet, wissen die Sudanes:innen bereits: Die meiste Zeit seiner 65-jährigen Geschichte war das Land eine Militärdiktatur, in der zumindest seine ranghohen Offiziere und deren Freundinnen und Freunde ein gutes Leben führten. Was eine Demokratie bringen wird, wissen die Sudanes:innen noch nicht.

Heute zeichnen sich drei mögliche Ausgänge des Showdowns ab. Entweder halten die Massenproteste und der Generalstreik in den nächsten Wochen an und die Generäle müssen einsehen, dass sie ihr Ziel – die Rettung ihrer uneingeschränkten Herrschaft – nicht wieder erreichen können. Vom Volk, der Afrikanischen Union und dem westlichen Ausland gedrängt, ziehen sich die Soldaten in ihre Kasernen zurück, Premier Abdalla Hamdok wird wieder als Regierungschef eingesetzt. Der Übergang zur Demokratie setzt sich beschleunigt fort, der ehemalige Diktator Omar al-Bashir wird an den Internationalen Strafgerichtshof ausgeliefert, einige der Putschistengeneräle landen im Gefängnis. Dieser Königsweg ist leider eher unwahrscheinlich. Zu hoch sind die Kosten für die uniformierten Machthaber, die mit ihrem Putsch vom vergangenen Montag bereits gezeigt haben, dass sie diesen Weg partout nicht gehen wollen.

Putin ist über jeden Vasallen glücklich, egal wie übel er riecht

Sie könnten ihn durch ein martialisches Eingreifen verhindern. Soldaten und Milizionäre eröffnen das Feuer auf Demonstrant:innen, Hunderte werden getötet, Tausende verhaftet. Das Land kehrt in denselben Zustand wie vor der Entmachtung Al-Bashirs zurück, nur mit anderen Gesichtern. Eine klassische Militärdiktatur und ein Pariastaat zumindest in den Augen der westlichen Welt, unterstützt vom Nachbarn Ägypten, den Ölscheichtümern und Wladimir Putin, der über jeden Vasallen glücklich ist, egal wie übel er riecht.

Dieser blutige Schurkenweg aus dem Showdown ist durchaus möglich, allerdings wird er so wohl nicht einmal von den Putschisten selbst gewünscht. Sie hoffen auf eine dritte Möglichkeit: Putschistenchef Abdel Fattah al-Burhan findet einen gefügigen Zivilisten, der bereit ist, sich als Nachfolger Hamdoks von den Generälen zum Premier küren zu lassen. Zum Beispiel Kamil Idriss, Ex-Chef der Weltorganisation für geistiges Eigentum (Wipo), der nicht abgeneigt sein soll. Die Mehrheit der Bevölkerung lehnt den faulen Kompromiss zwar ab. Doch weil zumindest ein Teil der Zivilist:innen und konservative Parteien damit einverstanden sind, bröckelt die Front: Die Demonstrationen werden kleiner, auch angesichts der zunehmenden wirtschaftlichen Not erscheinen die Kosten des Widerstands zu hoch.

Die Menschen im Sudan werden um die Früchte ihrer Revolution geprellt

Eine zivile Regierung, die den Militärs nicht ans Leder geht, wird die verbleibende Übergangszeit bis zu den Wahlen in zwei Jahren nach den aus dem Off erteilten Befehlen der Generäle leiten. Dann kommt der Urnengang, dessen Ergebnis die Militärs generalstabsmäßig vorbereiten. Der Sudan wird dem Schein nach eine zivile Demokratie – allerdings aus dem Hintergrund von Offizieren gelenkt, die auch weiterhin die Strippen in den Staatsbetrieben ziehen.

Die Afrikanische Union und das westliche Ausland geben ihren Boykott der vom Staatsstreich geschaffenen Realität allmählich auf. Schließlich will man das strategisch bedeutende Land nicht Putin, den Ölscheichs und dem ägyptischen Diktator überlassen. So werden die Sudanes:innen um ihre Hoffnungen und die Früchte ihrer Revolution geprellt.

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