75 Jahre nach der Bombe auf Hiroshima

Atomare Abrüstung ist machbar – und Europa könnte vorangehen

  • Andreas Schwarzkopf
    vonAndreas Schwarzkopf
    schließen

Hiroshima mahnt uns, Atomwaffen abzuschaffen. Daran muss man die Weltmächte erinnern, die andere Ziele verfolgen. Der Leitartikel.

Man stelle sich frei nach der Idee des Schriftstellers Kurt Vonnegut vor, der B-29-Bomber „Enola Gay“ der US-Armee würde rückwärts fliegen. Er würde sich mit dem Heck vorwärts auf Hiroshima zubewegen. Zugleich würde der Atompilz immer kleiner werden, bis er verschwunden ist. Menschen würden aus dem Feuer hervorgehen und wieder durch die Straßen der japanischen Stadt laufen, das Flugzeug würde über ihnen die Atombombe „Little Boy“ in sich aufsaugen und am Horizont verschwinden.

So war es bekanntlich nicht, weshalb wir heute den Tausenden Japanerinnen und Japanern gedenken, die damals im Feuersturm starben oder ihr Leben lang unter den Folgen der Verstrahlung litten. Es werden auch die Versprechen erneuert, die Lehren aus dem Abwurf zu bewahren und nie wieder eine derartige Waffe einzusetzen oder noch besser, die atomaren Waffen möglichst zu beseitigen.

Bedauerlicherweise haben vor allem die Weltmächte USA und Russland an diesem Ziel das Interesse verloren. Statt die bestehenen Abrüstungsverträge weiterzuführen, haben sie einige schon gekündigt oder wollen andere auslaufen lassen. Und leider spielt dies in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle. Das ist ein Fehler, der noch gefährlich werden könnte.

Denn wenn Militärs in den USA und in anderen Staaten über „Mini-Nukes“ und einen „begrenzten Einsatz“ von Atomwaffen diskutieren, dann ist das nicht nur ein Signal an den vermeintlichen Gegner. Es bereitet auch die jeweilige Bevölkerung auf ein derartiges Szenario vor. Es wird plötzlich Undenkbares denkbar. Bedenkt man, dass Washington und Moskau und andere Weltmächte auch rhetorisch aufrüsten und zudem die nationalistischen Töne in ihrer jeweiligen Politik verstärken, wird es Zeit aufzuhorchen und sich dagegen zu wenden.

Denn nicht nur die USA und Russland bedrohen mit diesem Vorgehen die Erfolge, mit denen Atomwaffen erst als Sicherheitsgarant entzaubert und später geächtet wurden. Auch die Tests nuklearer Waffen in abgelegenen Gebieten oder auf Atolls wurden als tödlich und menschenverachtend entlarvt, was dazu führte, dass kaum ein Staat sie heutzutage noch unternimmt.

Die USA, Russland und deren nicht wenigen Brüder im Geiste bedrohen also mit dieser Politik nicht nur das komplexe System von Verträgen zur Abrüstung und Nichtverbreitung von Atomwaffen, die dafür sorgten, dass die Waffenarsenale der Atommächte deutlich kleiner wurden. Vor allem die USA und die Sowjetunion, später Russland, hatten nach langen Jahren des Wettrüstens die unglaublich hohe Zahl ihrer nuklearen Sprengköpfe drastisch gesenkt.

Mit der Umkehr dessen belasten sie die ohnehin schwierigen Verhandlungen mit Staaten wie Nordkorea oder Iran. Warum sollen die Verantwortlichen in Pjöngjang und Teheran die Finger von der Bombe lassen, wenn die Weltmächte aufrüsten – und zwar nicht nur mit Atomwaffen?

Wer soll sich aber für Abrüstung einsetzen, wenn die Weltmächte derzeit in die entgegengesetzte Richtung marschieren? Auch da kommt der Europäischen Union eine besondere Rolle zu. Deutschland und die anderen EU-Staaten könnten vorangehen und etwa mit den USA darüber sprechen, wie die Anzahl ihrer nuklearen Sprengköpfe auf dem alten Kontinent gesenkt werden können.

Die Sicherheit der Europäer wäre bei einer schrittweisen Abrüstung nicht gefährdet. Vor allem dann nicht, wenn die EU-Staaten gleichzeitig versuchen würden mit Moskau über vertrauensbildende Maßnahmen zu reden mit dem Ziel, Abrüstung zu ermöglichen.

Das wird nicht leicht. Zum einen sind sich die Europäer in vielen Detailfragen in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik nicht einig. Zum anderen berühren Gespräche mit Moskau andere strittige Themen wie den Krieg in der Ukraine. Und Verhandlungen mit den USA berühren nicht nur das belastete Thema Zwei-Prozent-Ziel, sondern auch die Frage, mit welchen Mitteln, welcher Strategie und welchen Zielen die EU-Staaten sich verteidigen sollen.

Doch Atomwaffen sind für die drängenden Probleme nicht entscheidend. Die Europäer benötigen sie nicht für ihre Auslandseinsätze, gegen terroristische Bedrohungen oder gegen die Gefährdung durch das, was unter den Begriff „Cyberwar“ fällt. Auch bei den strittigen Themen mit Russland helfen Atomwaffen nicht.

Europa könnte langsam und vorsichtig vorangehen bei der Abrüstung. Das könnte ein Beispiel für die anderen Atommächte sein und zugleich den internationalen Druck auf sie erhöhen. Zumal, wenn die teuren Atomwaffen abgeschafft wären, um mit den so freigewordenen Mitteln andere Probleme zu lösen.

Wer jetzt sagt: Das geht nicht – der sei daran erinnert, dass es noch nie leicht war, Abrüstungsgespräche vorzubereiten, durchzuführen und erfolgreich zu beenden. Nötig sind dafür eine Idee, ein fester Wille und ein ungefährer Plan. Das haben die bisherigen Abrüstungsrunden gezeigt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare