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In diesem Abschluss steckt das eine oder andere Instrument, mit dem sich der Strukturwandel wohl besser gestalten lässt als zuvor.
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In diesem Tarifabschluss steckt das eine oder andere Instrument, mit dem sich der Strukturwandel wohl besser gestalten lässt als zuvor.

Leitartikel

Schwach glänzend

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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Die IG Metall hat einen Tarifabschluss mit sinnvollen neuen Elementen erzielt. Aber genügt das? Der Leitartikel.

Vorneweg: Deutsche Gewerkschaften sind nicht als Systemsprengerinnen bekannt. Auch nicht die IG Metall, in der das Bewusstsein für die notwendige Transformation einer strukturell klimaschädlichen Industrie viel zu lange ein Minderheitsprogramm war. Noch im vergangenen Sommer empörte sich die größte Einzelgewerkschaft der Welt, weil die SPD Kaufprämien für Autos mit Verbrennungsmotor ablehnte.

Hinzu kommt die Kultur der Kooperation zwischen Kapital und Arbeit: Im „Modell Deutschland“ gehörte zwar kämpferische Rhetorik immer zum Repertoire des Gewerkschaftslagers. Aber am Ende fiel die Idee der „Tarifpartnerschaft“ meist mehr ins Gewicht als der Mut zum Kämpfen um eine neue, sowohl gerechte als auch postfossile Arbeitswelt. Das sorgte zwar für weniger Streiks als anderswo, aber ob damit der notwendige Druck im Sinne sozial-ökologischer Veränderungen ausgeübt wurde, muss bezweifelt werden.

Am Dienstagmorgen hat es in der nordrhein-westfälischen Metall- und Elektroindustrie einen Tarifabschluss gegeben, und wer ihn beurteilen will, muss das vor dem skizzierten Hintergrund tun. Zeigt er einen Paradigmenwechsel an? Schafft es die Industriegewerkschaft Metall, ihren Werkzeugkasten zumindest den drängendsten Reparaturarbeiten anzupassen? Gelingt es ihr sogar, die Kapitalseite zum Umdenken zu zwingen?

Es hat sich herumgesprochen, dass die Herstellung eines elektrischen Antriebs viel weniger komplex ist als die Produktion eines Benzin- oder Dieselmotors. Längst wissen auch alle, was das bedeutet: Zusammen mit Produktivitätssteigerung und Automatisierung wird das den Bedarf an klassischen, traditionell relativ gut bezahlten Arbeitskräften kleiner werden lassen.

Nach rein kapitalistischer Logik bedeutet das Lohnverlust und Arbeitsplatzabbau. Gewerkschaften sind dazu da, sich dieser Logik zu widersetzen, ohne sich an Produktionsverhältnisse zu klammern, die aus guten (Klima-)Gründen nicht haltbar sind. Also: Ist das jetzt gelungen?

Die Antwort in Kürze: Ja, aber nur zum Teil. In diesem Abschluss steckt das eine oder andere Instrument, mit dem sich der Strukturwandel wohl besser gestalten lässt als zuvor. Dass sie „den Heizer auf der E-Lok“ fordern würde, wie das in einer früheren Epoche hieß, lässt sich der IG Metall sicher nicht (mehr) pauschal vorwerfen. In die Tarifverträge sickert die Erkenntnis ein, dass es nicht helfen wird, Arbeitsplätze einfach zu verteidigen, von denen alle wissen, dass sie in der bisherigen Form der Klimawende zum Opfer fallen werden.

Das wichtigste neue Instrument besteht sicher in der Möglichkeit, sinkenden Arbeitsaufwand in freie Zeit zu verwandeln, ohne das Wohlstandsniveau der Beschäftigten zu senken. Im nordrhein-westfälischen Abschluss, der bundesweit übernommen werden dürfte, nennt es sich „Transformationsgeld“: eine jährliche Sonderzahlung, die bei Bedarf in eine Reduzierung der Arbeitszeit umgewandelt werden kann. Zusammen mit ähnlichen, 2018 vereinbarten Regelungen kann daraus zumindest für Beschäftigte mit besonderen Belastungen (Schichtdienst, zu pflegende Angehörige) eine Viertagewoche ohne Lohnverlust werden.

Das weist in eine Richtung, in die sich unsere Gesellschaft und erst recht eine Industrie wie die Autobranche ohnehin entwickeln muss: Mittel und Wege müssen her, die den ökologischen Wandel zu einer sozialverträglichen Sache machen – und ja, vielleicht sogar zu einem Umbau, der die Abhängigkeit von Lohnarbeit in Vollzeit mindert, Freiheitsgewinn inklusive.

Das geht in eine gute Richtung. Aber es wäre maßlos übertrieben zu behaupten, die Tür zur Transformation stünde nun verlässlich offen. So wird es zwar Einmalzahlungen geben. Aber eine zusätzliche, dauerhaft wirksame Erhöhung des Lohnniveaus – also das klassische Mittel der Umverteilung zwischen Kapital und Arbeit – war nicht zu erreichen. Dazu reicht die Gewerkschaftsmacht bei weitem nicht aus.

Das liegt bei aller berechtigten Kritik weniger an fehlendem Verhandlungsgeschick der IG Metall als an den nach wie vor bestehenden und von der Politik nicht infrage gestellten Machtverhältnissen. So gilt nicht einmal das, was in solchen Verhandlungen erreicht wird, für alle und überall: Tarifflucht ist eine beliebte Sportart im Unternehmenslager.

Wer über einzelne Branchen hinausschaut, sieht noch deutlicher, wo es an der notwendigen Veränderung fehlt: Während allerorten darüber nachgedacht wird, wie „Sorgearbeit“ zur reizvollen Alternative auch für Industriebeschäftigte werden kann, läuft beim Klinikbetreiber Helios eine Tarifauseinandersetzung. Das Unternehmen bietet ein, noch einmal: ein Prozent mehr Geld für nichtärztliche Beschäftigte – und stellt die tarifliche Pflegezulage in der bisherigen Höhe infrage. Zugleich habe der Mutterkonzern Fresenius, so berichtet die Gewerkschaft, die 28. Dividendenerhöhung in Folge angekündigt.

So weit sind wir mit der Transformation der Arbeitsgesellschaft.

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