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Hunderte Menschen haben sich auf dem Gelände des internationalen Flughafens in Kabul versammelt.
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Hunderte Menschen haben sich auf dem Gelände des internationalen Flughafens in Kabul versammelt.

Afghanistan

Taliban-Herrschaft: Wie sich der Westen in Afghanistan schuldig gemacht hat

  • Bascha Mika
    VonBascha Mika
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Die internationalen Truppen konnten den Frieden in Afghanistan nicht sichern. Europa muss nach der Niederlage möglichst viele Menschen aufnehmen.

Kabul - Gewalt ist eine Hydra. Wird ihr ein Kopf abgeschlagen, wachsen zwei neue nach. Unsterblich aber bleibt der Kopf in der Mitte. Was das vielköpfige Ungeheuer an Unheil und Zerstörung anrichten kann, wird uns in Afghanistan gnadenlos wie selten vor Augen geführt. Mit Waffengewalt wollte der Westen seine Wertvorstellungen an den Hindukusch exportieren. Mit Waffengewalt wurde er aus dem Land vertrieben. Und die Opfer?

Afghanistan: Andauernde Freiheit bleibt unerreicht

Es klingt nach Hohn, wenn man sich an den Titel erinnert, der 2001 für die Militäroperation im Rahmen des Kriegs gegen den Terror ausgerufen wurde: „Enduring Freedom“. Andauernde Freiheit. Mit diesem Schlachtruf und der Hilfe von Bomben zogen die internationalen Truppen damals in Afghanistan ein, verjagten die Taliban und besetzten das Land.

Zwanzig Jahre und viele zigtausend Tote später sind die Verbündeten mit ihrer Logik einer militärisch dominierten Politik schmählich gescheitert. Und haben nicht erst durch ihren chaotischen Abzug alle Menschen in Afghanistan verraten, die an Demokratie und Freiheitsrechte glaubten.

Freiheit in Afghanistan kann nicht mit Gewalt erzielt werden

„Sind die internationalen Truppen nur zum Spielen nach Afghanistan gekommen?“ fragte in diesen Tagen eine verzweifelte junge Afghanin im Deutschlandfunk. Doch von Spielen kann keineswegs die Rede sein. Vielmehr von einer völlig verfehlten Strategie, von Kriegsverbrechen, Realitätsverlust und dem gemeingefährlichen Irrglauben, eine rechtsstaatliche Gesellschaft könne auf Gewalt gedeihen. Seit wann lassen sich Werte mit Waffen durchsetzen? Und konnte irgendjemand wirklich glauben, dass mit islamistischen Warlords eine freiheitliche Ordnung geschaffen werden kann?

„Gewaltakteure wurden in den Wiederaufbau und die neuen Strukturen eingebunden,“ stellt der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig fest. „So konnten sie sich in das neue System integrieren und es mit politischer, ökonomischer und militärischer Macht dominieren.“ Die Warlords haben erfolgreich versucht, jedes Aufkeimen eines neuen afghanischen Bewusstseins brutal zu zertreten. Und die internationale Gemeinschaft hat ihnen den Freibrief gegeben.

Afghanistan - Kriegsverbrechen statt Befreiung

Doch nicht nur die zutiefst antidemokratischen Kräfte im Land haben den Glauben der Bevölkerung an eine gewaltfreie, westlich geprägte Zukunft untergraben. Auch die Garanten der westlichen Ordnung selbst. Mit ihren Kriegsverbrechen.

Es war ein deutscher Oberst, der 2009 in Kundus 150 Zivilisten in den Tod bombardieren ließ. Einige australische Elite-Soldaten machten sich einen Freizeitspaß, indem sie Afghanen jagten und töteten. Über die Jahre kursierten in afghanischen Dörfern die Schreckensgeschichten von mordenden und folternden Nato-Soldaten. „Wir schossen regelmäßig auf Menschen, deren Identität unklar war. Die Afghanen wurden von uns komplett entmenschlicht“, schreibt der US-amerikanische Ex-Soldat Erik Edstrom in seinem Buch über den Einsatz am Hindukusch.

Gefangen in ihrer eigenen Gewaltlogik hat die internationale Gemeinschaft zu keinem Zeitpunkt ernsthaft geglaubt, ein friedliches Afghanistan mit zivilen Anstrengungen aufbauen zu können. Allein die Bundesrepublik hat nur einen geringen Teil ihrer Unterstützung Afghanistans in einen gesellschaftlichen Friedensprozess gesteckt. Zwei Drittel des Budgets flossen in militärische Sicherheit. In Sicherheit, die es nie gab.

Afghanistan: Der Westen investierte zu wenig

Um sichere Lebensverhältnisse herzustellen, hätte der Westen zunächst sehr viel stärker eigene Kräfte mobilisieren müssen, statt diese Verantwortung an Milizen und Warlords outzusourcen. Doch so viel militärisches Engagement sollte dann doch nicht sein. Und auch nicht die Bereitschaft zu einem sehr, sehr langen Atem.

Den hätte es gebraucht, um irgendwann das ursprünglich ausgegebene Ziel der Militärintervention zu erreichen: Demokratie, Selbstbestimmung, Stabilität. Wer auf unser eigenes Land blickt, weiß, dass es dafür Generationen braucht.

Der Westen, wir alle, haben uns in Afghanistan und an seiner Bevölkerung schuldig gemacht. Haben es zugelassen, dass ein falsches Stabilisierungskonzept ständig weiterverfolgt wurde statt grundlegend umdefiniert zu werden. Und zum bitteren Ende haben wir die Menschen vor Ort ihrem Schicksal unter einer erneuten Gewaltherrschaft der Taliban überlassen.

Nun sind wir Afghanistan humanitäre Hilfe schuldig

Die Ideologie einer militärisch dominierten Außenpolitik ist einmal mehr in der Katastrophe geendet. US-Präsident Joe Biden erkennt das zwar nicht an, doch hierzulande immerhin viele. Jetzt ist die Aufregung in Politik und Öffentlichkeit groß. Und ob des moralischen Versagens auch das schlechte Gewissen.

Doch zumindest gegen den Gewissensdruck lässt sich etwas tun: Indem so viele Bedrohte aus dem Land rausgeholt werden wie irgend möglich. Ortskräfte, Menschenrechtsaktivistinnen, Journalisten, Kämpferinnen für Frauenrechte, Wissenschaftlerinnen, Kulturschaffende. Und es braucht humanitäre Aufnahmeprogramme für Tausende, die aus dem Land fliehen. Wenigstens das sind wir den Menschen in Afghanistan schuldig. (Bascha Mika)

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