1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kommentare

Olaf Scholz in Afrika: Noch nie war der Besuch eines Kanzlers wichtiger

Erstellt:

Von: Johannes Dieterich

Kommentare

Kommt Olaf Scholz’ Reise nach Afrika im falschen Moment? Hätte sie im Lichte des Ukraine-Krieges nicht verschoben werden müssen? Nein, nie war Afrika für Deutschland so wichtig wie heute. Der Leitartikel.

Bricht ein führender deutscher Politiker zu einer Afrika-Reise auf, wird alsbald der Verdacht laut, dass er oder sie sich ein wenig Ruhe verschaffen oder Sonne tanken will. Dass jemand aus triftigen Gründen in den Nachbarkontinent reist, scheint ausgeschlossen: Relevant ist der Erdteil höchstens für ein herzergreifendes Foto mit hungerndem Kind. Ein ähnlicher Verdacht wurde im Zusammenhang mit Bundeskanzler Olaf Scholz’ derzeitiger Reise nach Afrika laut. Ihm wird unterstellt, sich im Sturm um seine Ukraine-Politik eine Atempause verschaffen zu wollen.

Mag sein oder auch nicht. Hier soll es um die Frage gehen, ob der Besuch für Deutschland und die deutsch-afrikanischen Beziehungen wichtig ist – und ob die Visite nicht hätte verschoben werden sollen. Die Antwort: auf gar keinen Fall! Noch nie war der Besuch eines Bundeskanzlers in Afrika wichtiger als heute.

Bundeskanzler Olaf Scholz (rechts), nimmt neben Macky Sall, Präsident der Republik Senegal, an der Eröffnung einer Photovoltaikanlage in Diass teil. Foto: Michael Kappeler/dpa.
Bundeskanzler Olaf Scholz (rechts), nimmt neben Macky Sall, Präsident der Republik Senegal, an der Eröffnung einer Photovoltaikanlage in Diass teil. © dpa

Scholz besucht Senegal, Niger und Südafrika

Mehr noch: Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik war Afrika für Deutschland so wichtig wie heute. Der Kontinent ist in der Energiedebatte in den Mittelpunkt gerückt – sowohl was den Ersatz von russischem Erdgas als auch den Import von grünem Wasserstoff angeht.

Die Wahl der von Olaf Scholz besuchten Staaten spiegelt die neuen Prioritäten wider: Im Senegal entsteht ein Werk zur Verflüssigung von Erdgas, Südafrika nimmt bei der Herstellung von Wasserstoff eine Vorreiterrolle ein. Jahrzehntelang hatte Deutschland den Nachbarkontinent als Energielieferanten vernachlässigt und alles auf die eine, russische Karte gesetzt: Wer diese Kurskorrektur jetzt mit Skepsis verfolgt, sollte sich mehr Zeit zum Nachdenken geben.

Das Kalkül der afrikanischen Staatschefs ist kein Geheimnis

Mit der Energiewende geht ein anderes Thema einher: Die politischen Folgen des Ukraine-Kriegs, der nach den Worten von Scholz einer „Zeitenwende“ gleichkommt. Wladimir Putins Überfall hat der globalen Debatte um Demokratie, um gute Regierungsführung und Hegemonialansprüche eine neue Dringlichkeit verliehen, aus der sich Afrikas Regierungsspitzen (nicht unbedingt die Bevölkerungen) zunächst vornehm herauszuhalten suchten. Bei der Abstimmung zur Verurteilung Russlands in der UN-Vollversammlung enthielt sich fast die Hälfte aller afrikanischen Delegierten, darunter jene aus Senegal und Südafrika.

Das Kalkül der afrikanischen Staatschefs ist kein Geheimnis. Für sie besteht der Westen aus ehemaligen Kolonialnationen, die noch heute alles besser wissen wollen. Und aus der Supermacht USA, die – wenn sie es für richtig hält – auch Staaten wie den Irak überfallen darf. Dagegen stand die Sowjetunion einst auf der Seite der afrikanischen Rebellen, die ihre Freiheit von den Kolonialnationen blutig erkämpfen mussten: Wer hätte vor diesem Hintergrund erwartet, dass sie sich eilfertig hinter die Nato stellen?

Deutschland wird auch in Afrika eine neue Rolle zukommen

In einer ruhigen Minute wird jeder vernünftige afrikanische Staatschef einräumen, dass Putin kein Che Guevara ist – und dass der Westen nicht nur aus Bushs, Trumps, Sarkozys oder Johnsons besteht. Mit der „Zeitenwende“, die selbstverständlich auch die Klimakatastrophe einschließt, wird es auf diesem Globus zu neuen Maßstäben, neuen Prioritäten und Allianzen kommen müssen – und dabei wird Deutschland auch in Afrika eine neue Rolle zukommen.

Deutschlands blutrünstige Geschichte hatte die unbeabsichtigte Folge, dass die europäische Nation als Erste alle Kolonien verlor: Seine Reputation in Afrika ist deshalb einzigartig. Außerdem werden in Deutschland verlässliche Autos, Windkraftwerke und Impfstoffe hergestellt; das Land machte weder im Irak-Krieg noch bei der Bombardierung Libyens mit – und selbst beim Ukraine-Krieg scheint Berlin auch Skrupel zu haben. Jedenfalls ist aus Berlin kein Kriegsgeschrei wie aus London zu vernehmen. Und weil man schließlich vor allem in Westafrika von Frankreich, dessen nutzlosem Antiterrorkampf und „neokolonialen Allüren“ die Nase voll hat, öffnet sich auch in der Sahelzone ein neues Feld für deutsche Afrika-Politik: Gelingt es den Bundeswehrsoldaten, die malische UN-Mission Minusma nicht scheitern zu lassen und die Söldner der russischen Wagner-Gruppe zu isolieren, wird sich Deutschland wirklich nützlich gemacht haben. Aus diesem Grund hat Scholz am Montag den malischen Nachbarn Niger besucht.

Südafrika, wo der Kanzler seine Reise beendet, spielt eine Sonderrolle. Das Land ist ständiges Mitglied der G20-Staaten und wurde zum G7-Gipfel Ende Juni in Bayern eingeladen. Für den Erfolg der westlichen „Front“ gegen Putin ist entscheidend, dass auch Staaten außerhalb des Bündnisses dessen Politik, wenn schon nicht mittragen, so doch wenigstens akzeptieren. Und wer könnte den zögerlichen Präsidenten Cyril Ramaphosa besser beeinflussen als ein skrupulöser deutscher Kanzler – der erste westliche Regierungschef, der seit Putins Krieg Südafrika besucht. So viel zur Frage, ob Scholz’ Afrika-Reise nicht hätte verschoben werden müssen. (Johannes Dieterich)

Auch interessant

Kommentare