Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Die Rolling Stones spielen nicht „Brown Sugar“.
+
Die Rolling Stones spielen nicht „Brown Sugar“.

Kommentar

Rassismus in „Brown Sugar“ von den Rolling Stones und weiße Begriffsstutzigkeit

  • Johanna Soll
    VonJohanna Soll
    schließen

Im Song „Brown Sugar“ von den Rolling Stones geht es nicht um einvernehmlichen Sex zwischen Erwachsenen, sondern um sexuellen Missbrauch von versklavten Mädchen. Ein Kommentar.

Harry Nutt beginnt seine Kolumne mit dem Satz: „Schon wieder so eine Geschichte kultureller Selbsttabuisierung.“ Nach der Lektüre des ersten Teils, in der es um den Song „Brown Sugar“ von den Rolling Stones geht, denke ich: ‚Schon wieder so ein Aufregertext eines weißen Deutschen, der erneut nicht zu begreifen scheint, worum es geht.‘ Was also ist das Problem mit besagtem Song?

Er handelt von Sklaverei im Süden der USA, von einem Sklavenhalter, der nachts die Sklavinnen aufsucht, sie auspeitscht und vergewaltigt – junge, schwarze Mädchen. Der Titel sollte ursprünglich „Black Pussy“ lauten und bereits 1995 sagte Mick Jagger dem „Rolling Stone“ in einem Interview: „Ich würde diesen Song heute niemals schreiben.“ Er verstand also schon vor über 25 Jahren, dass der Text problematisch ist.

Rolling Stones: Brown Sugar zählt zu den „15 rassistischsten Songs aller Zeiten“

Der Song setzt sich nicht kritisch mit den Gräueltaten der Sklaverei auseinander, sondern enthält – je nach Interpretation – eine Referenz zum Heroinkonsum. Zu dem Gute-Laune-Rocksong tanzt Mick Jagger auf der Bühne – und das Publikum tut es ihm gleich. In Keith Richards‘ Buch „Life“ sagt Musikproduzent Jim Dickinson, Jagger habe den Song in 45 Minuten geschrieben, „es war abscheulich.“ Überdies wird das Lied in der Liste „der 15 rassistischten Songs aller Zeiten“ geführt.

Diesen Kontext rund um „Brown Sugar“ lässt Harry Nutt in seiner Kolumne weg und verweist stattdessen darauf, dass es „im Stones-Universum immer auch um die ungeschönte Darstellung ausschweifender Sexualität“ ging. Dagegen ist an und für sich nichts einzuwenden – doch in dem Song geht es eindeutig nicht um einvernehmlichen Sex zwischen Erwachsenen, sondern um sexuellen Missbrauch von jungen versklavten Mädchen.

Rolling Stones verpassen die Gelegenheit der eigenen kritischen Auseinandersetzung

Auch wurde in dem Fall von „Brown Sugar“ keine „künstlerische Hervorbringung nach problematischen Stellen abgesucht“, wie Harry Nutt schreibt. Mick Jagger selbst gibt an, man habe den Song seit 1970 jede Nacht gespielt. Es handelt sich um ein äußerst erfolgreiches Stück, das man nicht lange suchen muss, um darüber zu stolpern. Als die Rolling Stones den Song auf ihrer aktuellen Tournee nicht spielten, wurden Mick Jagger und Keith Richards von der „Los Angeles Times“ dazu befragt.

Während Keith Richards hofft, „das ‚Babe‘ in all seiner Herrlichkeit wieder aufführen können“, schiebt Mick Jagger Stadion-Tour-Herausforderungen vor, um nicht den wahren Grund nennen zu müssen, weshalb man vorerst die Finger von dem umstrittenen Lied lässt. Anstelle der zähneknirschenden Selbstzensur hätten die Rolling Stones sich öffentlich mit ihrer Entscheidung, den Song nicht zu spielen, auseinandersetzen können. Doch diese Chance wurde verpasst.

Brown Sugar: Rolling Stones akzeptieren den gesellschaftlichen Wandel

„Brown Sugar“ ist in 2021 50 Jahre alt und nicht gut gealtert. Gesellschaftliche Normen ändern sich und mit ihnen auch Kunst und Kultur – das ist nichts Neues. Solange Künstler nicht vom Staat zensiert werden, sondern – möglicherweise auch erst aufgrund öffentlichen Drucks – zu der Erkenntnis gelangen, dass das eine oder andere Werk (zu) pietätlos (geworden) ist, ist nichts dagegen einzuwenden, wenn sie es selbst nicht länger öffentlich vorführen.

Die Kolumne von Harry Nutt endet mit der Liedzeile: „Brown Sugar, how come you taste so good?“ Ich finde eine andere Zeile des Songs viel passender: „House boy [gemeint ist der Sklavenhalter] knows that he’s doing alright.“ (Johanna Soll)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare