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Rente mit 70? Metallarbeitgeber-Chef Stefan Wolf fordert höheres Renteneintrittsalter.
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Rente mit 70? Metallarbeitgeber-Chef Stefan Wolf fordert höheres Renteneintrittsalter.

Kommentar

Rente mit 70: Länger arbeiten – und früher sterben?

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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Wer härter arbeitet und weniger verdient, stirbt früher – und genießt entsprechend kürzer die ohnehin kleinere Rente. Wer die „Rente mit 70“ fordert, macht diese Ungerechtigkeit noch größer. Ein Kommentar.

Sollten Sie gut verdienen, am besten in einem Job mit geringer gesundheitlicher Belastung und womöglich gar im Beamtenverhältnis: Herzlichen Glückwunsch! Sie werden, statistisch gesehen, deutlich länger leben als eine Arbeiterin oder ein Arbeiter in einem Beruf mit hohem Krankheitsrisiko.

Je nach Branche, Einkommen und Status ergeben sich Unterschiede in der Lebenserwartung: Männliche Beamte leben statistisch gesehen nach ihrem 65. Geburtstag noch 21,5 Jahre, bei Arbeitern reicht es nur noch für 15,9 Jahre, also 5,6 weniger. Beim Vergleich zwischen Berufen mit hoher und niedriger Gesundheitsbelastung beträgt die Differenz immer noch vier Jahre. Bei Frauen sind die Unterschiede geringer, aber ebenfalls vorhanden. All das hat jetzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung im Auftrag des Sozialverbands VdK ausgerechnet.

Rente mit 70: Höheres Eintrittsalter führt zu doppelter Ungerechtigkeit

Kurz und knapp: Wer früher stirbt, bekommt aufs Leben gerechnet auch weniger Rente. Und das sind oft genau diejenigen, die schon pro Monat im Alter weniger ausgezahlt bekommen, weil sie weniger verdient haben. „Wird das Renteneintrittsalter erhöht, benachteiligt sie das doppelt: Zum einen bekommen sie deutlich geringere Renten. Zum anderen beziehen sie diese aufgrund ihrer geringeren Lebenserwartung erheblich kürzer“, sagt VdK-Präsidentin Verena Bentele.

Es war kein Zufall, dass Bentele nicht nur die offensichtlichen Ungerechtigkeiten im bestehenden Rentensystem beklagte, sondern sogleich darauf hinwies, dass dieses Problem sich bei einem noch späteren Renteneintritt zusätzlich verschärfen würde. Und wie um diese Befürchtung zu bestätigen, kam die Antwort der Sozialabbau-Fraktion postwendend: „Wir müssen zu den Menschen ehrlich sein: Wir werden das Renteneintrittsalter nicht bei 67 Jahren halten können“, sagte der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Stefan Wolf, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „Wir werden in den nächsten Jahren über ein Renteneintrittsalter von 69 bis 70 Jahren reden müssen.“

Rente mit 70: Die alte Leier von der demografischen Lücke

Das ist die alte Leier von der demografischen Lücke: Es gibt immer mehr Alte, deren Renten von immer weniger Jungen erarbeitet werden müssen, das kann nicht aufgehen, ohne dass die Beiträge ins Unermessliche steigen – so das neoliberale Credo, das so überzeugend einfach klingt, dass viele glauben, es sei einfach überzeugend.

Aber der Chef der Metallindustrie, dessen regionale Mitgliedsverbände übrigens den neoliberalen Kampftrupp „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ finanzieren, muss es besser wissen. Selten ist – ausgerechnet mit dem Vor-Satz „Wir müssen ehrlich sein“ – die Wahrheit so offensichtlich mit Füßen getreten worden.

Rente: Die Verteilungsfrage beginnt bei den Gehältern

Richtig ist nur: Wenn alles beim Alten bleibt in Sachen Rente, wird die demografische Entwicklung zum Problem. Und wenn Menschen bis 70 arbeiten, statt mit 67 in Ruhestand zu gehen, wird dieses Problem kleiner. Was aber in der Debatte viel zu oft verschwiegen wird: Demografie ist nicht alles. Die Altersvorsorge ist eine Verteilungsfrage.

Das beginnt schon bei Löhnen und Gehältern: Erhielten die Beschäftigten einen höheren Anteil an den Werten, die sie erarbeiten – also mehr Einkommen –, dann könnten sie auch höhere Rentenbeiträge bezahlen, ohne an Nettoeinkommen zu verlieren.

Noch wichtiger aber ist der zweite Verteilungsaspekt: Das Rentensystem gründet weitgehend auf der Idee des Normalarbeitsverhältnisses, also der versicherungspflichtigen Beschäftigung. Aber die Verteilung der Einkommensarten hat sich geändert, es gibt zum Beispiel mehr Selbständige, aber auch mehr Menschen, die zu wenig verdienen, um mit ihren Beiträgen auf eine auskömmliche Rente zu kommen. Und gerade sie werden dann – siehe oben –, am Ende mit einem kürzeren Leben im Ruhestand als die Gutverdienenden „belohnt“.

Rente: Reform, die möglichst viele Einkommen einbezieht

Auch wenn Arbeitgeberverbände und deren politische Vertretungen es gezielt verschweigen: Dagegen hilft zum einen eine Reform, die möglichst viele Einkommen in die Rentenversicherung einbezieht. Dagegen würde es auch helfen, wenn die Politik auf die Empfehlung aus dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hören würde statt auf Industrieverbände: „Eine andere Möglichkeit wäre die Einführung einer echten Mindestrente im Rentensystem“, schreiben die Autoren der Studie. „Menschen mit geringeren Einkommen und Rentenanwartschaften, die, wie gezeigt, eine geringere Lebenserwartung haben, würden auf diese Weise eine finanzielle Absicherung durch das Rentensystem bekommen.“

Ja, so etwas kostet Geld. Aber auch das ist eine Verteilungsfrage. Die sieben Millionen pro Jahr, die die Metallindustrie für die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ übrig hat, wären in den Kassen für Betriebsrenten schon mal besser angelegt. Das nur als Hinweis für einen kleinen, symbolischen Anfang. (Stephan Hebel)

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