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Erst mit 70 in Rente? Ein Schlag ins überarbeitete Gesicht

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Von: Tobias Utz

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Rente mit 70
Stefan Wolf, Chef des Arbeitgeberverbandes „Gesamtmetall“, hat die Rente mit 70 ins Spiel gebracht. (Symbolfoto) © Monika Skolimowska / dpa

Die Rente ist in Deutschland nicht mehr sicher. Das Eintrittsalter immer weiter nach oben zu setzen, kann jedoch nicht die Lösung sein. Ein Kommentar.

Steigende Lebenserwartung, sinkende Geburtenrate: Das deutsche Rentensystem befindet sich seit Jahren in einem Ungleichgewicht. Immer weniger Erwerbstätige müssen immer mehr Rentnerinnen und Rentner finanzieren. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes ist der Höhepunkt dieser Entwicklung längst nicht erreicht – so weit, so schlecht.

Für Stefan Wolf, Chef des Arbeitgeberverbandes „Gesamtmetall“, liegt die Lösung des Problems offenbar auf der Hand: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollen schlichtweg bis zum Alter von 70 Jahren arbeiten. Ergo: Mehr Arbeitsjahre, mehr Beiträge. Unterstützung erhält er von Fachleuten aus der Wirtschaft.

Rente mit 70: Viele Steuergelder fließen bereits in das Rentensystem

Mal abgesehen davon, dass die Altersgrenze für die Rente (ohne Abschläge) bis 2029 schrittweise von 65 auf 67 Jahre ansteigen soll, ist Wolfs Forderung für viele Erwerbstätige ein Schlag ins abgearbeitete Gesicht. Wer sein Berufsleben lang die Dächer gedeckt hat oder im Straßenbau tätig war, dürfte wissen, wovon die Rede ist. Statt die Last des fragilen Rentensystems auf Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer umzulegen, sollte der Staat endlich dessen Neujustierung angehen. Übrigens: Damit ist keineswegs gemeint, dass die Bundesrepublik endlos Steuergelder in das Rentensystem stecken sollte. Seit Jahren steigen die Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt. Das kann wohl kaum die Lösung sein.

Glücklicherweise scheint sich die Ampel-Regierung noch daran zu erinnern, was in den Koalitionsvertrag geschrieben wurde. „Es wird keine Rentenkürzungen und keine Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters geben“, steht dort. Die Opposition, insbesondere die Linke, hat hierbei längst die Krallen ausgefahren. Fraktionschef Dietmar Bartsch nannte Wolfs Idee „unsozialen Bullshit“ – und damit hat er recht.

Eine Idee, wie die Neujustierung des Rentensystems gelingen könnte, brachte Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbandes VdK: Sie schlug vor endlich auch Politikerinnen und Politiker, Beamte und Selbstständige in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen zu lassen. Sie verwies aus das System in Österreich, die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler Stiftung hat dazu eine interessante Studie veröffentlicht. Ein ähnliches Modell fordern Politikerinnen und Politiker aus SPD, Linke und Grüne bereits seit geraumer Zeit, eine „Bürgerversicherung“.

Kurzum: Ausgelaugte Menschen noch länger arbeiten zu lassen, wird das jetzige Rentensystem nicht vor den eingangs erwähnten Herausforderungen retten. Stattdessen braucht das System eine Überarbeitung, nicht noch mehr überarbeitete Menschen. (Tobias Utz)

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